Indie

Die Drums kommen ins Lido

Gemischte Gefühle: Seine Eltern warnten ihn vor dem Fegefeuer. Nun hat Jonny Pierce, Sänger der Drums, endlich seine Stimme gefunden

Wenn Jonny Pierce über sein Leben erzählt, klingt das wie ein Film von Gus Van Sant. Das Skript könnte in der Waldhütte beginnen, in der Pierce, Sänger von The Drums, zuletzt viel Zeit allein verbrachte und seine Songs schrieb. Leitthema: der schmerzhafte Prozess, man selbst zu sein. Dazu muss man wissen, dass in Pierces Jugend Homosexualität als Sünde galt, die streng gläubigen Pastoren-Eltern warnten vor dem Fegefeuer. Furchtbare Aussichten für einen Teen, der spürt, dass er lieber Jungs mag als Mädchen.
Mit den Drums schaffte es Pierce dann bekanntlich nach New York City, der verträumte Lo-Fi-Surfpop seiner Band löste einen statt­lichen Hype aus, „Let’s Go Surfing“ wurde für viele zum Lieblingslied 2009. Nicht lang zuvor hatte der Multiinstrumentalist noch versucht, sein Leben in Brooklyn als schwuler Songschreiber aufzugeben und zurück in die familiäre Enge zu kehren.
Von der Stammbesetzung der Drums ist inzwischen niemand außer Pierce übrig, das aktuelle, vierte Album „Abysmal Thoughts“ ist im Grunde ein Solowerk. Traurige Verluste einerseits; doch für den Mittdreißiger eine Möglichkeit, in neue Tiefen vorzudringen: „Die Platte ganz allein zu machen, war wie eine ausgedehnte Therapiesession. Ich hab mich dabei wieder ins Musikmachen verliebt“, erzählte er unlängst einem Londoner Musikmagazin. Schillernder und psychedelischer klingen die Songs als noch auf den minimalistischen Vorgängeralben. Die Stimmung schwankt zwischen Selbstzweifeln und Abgründen in den Texten und Glücksmomenten in den Harmonien; schlichte Gitarrenmotive, die ein wenig an Interpols schöne Monotonie erinnern, werden von Beach-Boys-artigen Chören flankiert.
Klarer als sonst klingt dabei Pierces heller Gesang. Man merkt, dass er an seiner Stimme gearbeitet hat. Unbewusst habe er im Alltag immer versucht, tiefer zu klingen als sein Sprechton es von Natur aus sei, um möglichst maskulin zu klingen und weniger queer – „internalisierte Homophobie“, wie er glaubt. So betrachtet ist „Abysmal Thoughts“ ein Album von einem, der in mehrfacher Hinsicht seine Stimme gefunden hat.

Lido Cuvrystr. 7, Kreuzberg, Do 28.9., 21 Uhr, VVK: 23,70 €