Neue Dramatik

„Die Ent­führung Europas“ im Kleinen Haus des Berliner Ensembles

Wenn sich junge Dramatiker und aufstrebende Regisseure voller Verehrung im Werk Heiner Müllers bedienen, kann das leicht schief ­gehen

Foto: Roeder

Die Wahlverwandtschaft schützt nicht vor den Anmaßungen des Epigonentums. So ein Fall ist „Die Entführung Europas“, die ­Alexander Eisenach im Kleinen Haus des Berliner Ensembles angerichtet hat. Weil Müller einst in Jugendtagen als Geldjob unter dem mäßig originellen Pseudonym Max Messer für den DDR-Rundfunk ein Krimihörspiel verfasst hat, muss jetzt ein Privatdetektiv gleichen ­Namens (Christian Kuchenbuch) im Stil der Hardboiled-Romantiker der Schwarzen Serie einen rätselhaften Fall lösen. Und weil für Müller-Adepten die ganz großen Fragen von Menschheitsgeschichte bis Mythen der Antike gerade groß genug sind, geht es um nicht ­weniger als um die entführte Europa (Stefanie Eidt). Wobei die arme Frau Europa natürlich für mehr steht, zum Beispiel für den Kolonialismus oder die vom Kapitalismus geschändeten Ideale der Aufklärung. Der Text jongliert unter Zuhilfenahme zahlreicher, lässig gemixter Müller-Zitate und des gerne bemühten Conrad-Romans „Herz der Finsternis“ mit allerlei Sinnfragen. Er kommt angesichts der bekannten Diagnosen der Verbrechen des europäischen Neokolonialismus zu einem desillusionierten Schluss: „Der Schock ist aufgebraucht, die Brutalität unseres Wohlstands haben wir längst akzeptiert.“ Na dann. Lustig ist, wie Peter Moltzen recht süffig einen Großunternehmer spielt, den allmächtigen Strippenzieher eines obskuren Syndikats. Zur ideologischen Aufrüstung und der schwarz-weißen Weltsicht dieser arg prätentiösen Petitesse passt das knallige Bühnenbild (Daniel Wollenzin), ein schwarz-weiß karierter Kasten mit eingebauter Minibühne, auf der man in Gedenken an Heiner Müller wacker J&B-Scotch bechert und ­Zigarren schmaucht: sehr viel Zigarrenrauch um nichts.

Termine: Berliner Ensemble Karten-Tel.: 28 40 81 55

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