Film und Kunst

Die Filme der Ana Mendieta im Martin-Gropius-Bau

Für die Künstlerin Ana Mendieta ist der eigene Körper das zentrale Medium. Bereits in den 1970ern
hat sie ihn bei Performances in der Natur eingesetzt und – auch hier Avantgarde – gefilmt. Die Ausstellung „Covered in Time and History. Die Filme der Ana Mendieta“ präsentiert ihr Werk im Martin-Gropius-Bau

Ana Mendieta, „Sweating Blood“, 1973, Super 8 Film, Farbe, ohne Ton. Foto: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co. Ana Mendieta, “Sweating Blood”, 1973, Super 8 film, color, silent. Photo: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy: Galerie Lelong & Co.

Erde zu Erde – so lautet eine berühmte Kurzfassung des menschlichen Schicksals. Man könnte auch sagen: Blut zu Erde, oder Fleisch zu Erde. Im Fall der Künstlerin Ana Mendieta (1948–1985) kann man alle diese Übergänge gleichermaßen gelten lassen. In ihren Filmen sieht man sie mal fast vollkommen verschüttet im Erdreich, an anderer Stelle ist sie nackt im Wasser eines Baches, dann wieder steht sie am Ufer und schmiert sich mit Blut ein. Im Film „Sweating Blood“ kommt das Blut aus ihrem Kopf, ganz im wörtlichen Sinn so, wie der Titel es ankündigt.

Im zweiten Stock des Gropius-Baus sind nun 23 Filme aus dem umfangreichen Werk der kubanisch-amerikanischen Künstlerin zu sehen, auf dem Weg durch mehrere verdunkelte Räume: „Covered in Time and History“ ist der Titel der Schau, die davor in Minneapolis und in Berkeley gezeigt worden war. Man bekommt in dieser Anordnung ein Gefühl für das Spiel mit den Elementen, das Mendieta in ihren Filmarbeiten inszenierte: sie zeigte sich selbst als Frau in einem ständig wechselnden Bezugssystem zwischen Natur und Zeichen. „Sweating Blood“, einer von vier Filmen in einem Raum im Zeichen des Blutes, zeigt einen natürlichen Vorgang – einen Schweißausbruch – mit der „falschen“ Substanz. Zugleich entgleist hier ein Porträt: Die Künstlerin schließt die Augen, aus ihren Poren kommt das Unheimliche.

Mendieta stammte aus einer Familie der kubanischen Elite, die mit der Revolution unter Fidel Castro sympathisierte, dann aber als politisch verdächtig galt. Sie wurde in die USA geschickt. Ihre künstlerische Arbeit lässt sich in Zusammenhängen sehen, die aus der häufig spröden Konzeptkunst heraus entstanden: Nicht von ungefähr ist ihr zentrales Medium der eigene Körper, den sie aber ausdrücklich – zum Beispiel in wiederkehrenden Arbeiten mit „Silhuetas“ („Silhouetten“) – als Zeichensystem lesbar machte. Feministische Anliegen trafen auf eine sukzessive Wiederaneignung ihrer ­„hispanischen“ und mesoamerikanischen Wurzeln.

Mendietas Filme sind meist nicht allzu lang und beruhen häufig auf einer Idee, sodass es wirklich Sinn macht, sie als Serie zu zeigen: So wird deutlich, dass sie eine Grundmetapher (der Körper, der sich in die Erde einschreibt, und umgekehrt) auf viele mögliche Varianten hin erweitert hat. Irgendwann wird die weibliche Silhouette zu einem Feuerzeichen, wie man es einst nutzte, um sich von Berg zu Berg Nachrichten zukommen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem minimalistischen Bildhauer Carl Andre (der Mann mit den Platten), lebte Mendieta in den 1980er Jahren in New York. 1985 stürzte sie unter nie vollständig aufgeklärten Umständen aus einem Wolkenkratzer. Dieser frühe Tod brachte es mit sich, dass sie die überwältigende Anerkennung, die ihr später widerfuhr, nicht mehr erleben konnte. In ihren Filmen im Gropiusbau sieht man sie fast immer mit sich allein – mit sich und einer (ver)bergenden Natur, in deren Abgründe sich Ana Mendieta furchtlos und mit nie versiegender Intelligenz stürzte.

Covered in Time and History. Die Filme der Ana Mendieta Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, bis 22.7.

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