Die Filmfestspiele von Venedig

Der deutsche Name gilt wieder etwas in der Kinowelt. Das war die irritierendste Erfahrung auf den Filmfestspielen von Venedig. Überall und unvermutet tauchten deutsche Namen auf. Da gab es etwa einen japanischen Goldfisch namens Brunhild. Eine französische Alkoholikerin hieß Schneider, ihre ebenfalls französische Sozialhelferin hingegen Meier. Im Bologna des Jahres 1938 findet sich der italienische Faschist Traxler. In dem Idioten-Panorama „Burn After Reading“ der Coen-Brüder taucht gleich eine ganze teutonische Ansammlung auf: der Sicherheitsbeamte Harry Pfarrer, dazu die Fitnesstrainer Chad Feldheimer und Linda Litzke.

Filmfestspiele in Venedig
Was soll man davon halten? Sieht uns die Welt als depperte Fitnesstrainer, die einen Hang zum Alkohol und Faschismus haben? Oder als ein Volk von Sicherheitsbeamten und Sozialhelfern? Da ist einem die Deutung von Hayao Miyazaki in seinem jüngsten Animationsfilm „Ponyo on the Cliff by the Sea“ dann doch am liebsten: Das deutsche Wesen gleicht einem Goldfisch und heißt Brunhilde. Damit kann man leben.

Darren Aronofsky
So viele deutsche Namen, doch am Ende siegten nicht Brunhilde und Linda Litzke, sondern der uramerikanische Randy „The Ram“ Robinson, der Held in Darren Aronofskys Ringerdrama „The Wrestler“. Randy „The Ram“ Robinson schickte alle Konkurrenten um den Goldenen Löwen auf die Bretter. Es war eine hochkonzentrierte Adrenalinpackung in einem oft verschnarchten Festival, ein Knock-out-Film, der an die Grenzen geht, manchmal auch darüber hinaus. Und es war das halsbrecherische Comeback von Mickey Rourke, mit dem keiner mehr gerechnet hatte. Der Achtzigerjahre-Star, der Anfang der Neunziger in der Versenkung verschwand, um eine Boxkarriere zu starten, spielt einen Achtzigerjahre-Star, der von seinem vergangenen Ruhm lebt und nicht aufhören kann zu kämpfen. Das berühmte Oliver-Kahn-Motto „Weiter, immer weiter“ gilt auch für Mickey Rourkes Wrestler. Der Film erzählt ungeschönt über das Sport- und Showbusiness, über Sucht und die Haut, die man immer wieder zu Markte tragen muss, bis nichts mehr geht.

Mickey Rourke in The Wrestler


Für seine Chronik eines angekündigten Todes hat Independent-Regisseur Darren Aronofsky den Goldenen Löwen erhalten. Mindestens zur Hälfte gehört der Löwe Mickey Rourke. Der Star aus Filmen wie „Angel Heart“ oder „9 1/2 Wochen“, der gerne auch der „James Dean der Achtziger“ genannt wird, entblößt sich auf der Leinwand bis zur Schmerzgrenze. Er zeigt seinen muskelbepackten, alternden, traurigen Körper, mit dem er in eine letzte Schlacht zieht, und legt gleichzeitig einen herzzerreißenden Seelenstriptease hin, wie es Hollywoodstars selten tun. „The Wrestler“ ist die Rolle seines Lebens. Auf der Pressekonferenz in Venedig wurde er gefragt, wie er es geschafft habe, diese tief empfundene Einsamkeit des Wrestlers zu spielen. Rourkes bittere, sarkastische Antwort: „Ich habe keine Probleme, mich so zu fühlen. In diesem Zustand lebe ich seit Jahren.“

Mickey Rourke in The Wrestler
Ringer-Regisseur Aronofsky gab sich bescheiden. Strikte Regieanweisungen habe er nicht gegeben. Er habe Rourke einfach nur einen Spielplatz bereiten wollen und ihm alle Freiheiten während der Aufnahmen gestattet. Nach dem Flop des hochambitionierten Science-Fiction „The Fountain“ ist „The Wrestler“ auch ein kleines Comeback für Aronofsky, der sich mit dem Mathematikthriller „Pi“ und dem Alptraumtrip „Requiem for a Dream“ einen Ruf als visionä-rer Regisseur erarbeitet hat. Dass der einstige Visionär jetzt für den eher einfachen und konventionell erzählten „Wrestler“, der sich ganz in den Dienst von Rourke und der Geschichte stellt, ausgezeichnet wird, ist nicht ohne Ironie. Passt aber gut zu dem Statement, daß Jurypraesident Wim Wenders und seine sechs Mitstreiter mit dem „Wrestler“-Löwen gegeben haben.

Jury der Filmfestspiele
Der Goldene Löwe für „The Wrestler“ ist ein Ja zum direkten, makellosen, körperbetonten Erzählkino, ein Ja zu Sam Fullers berühmten Satz: „Ein Film ist wie ein Schlachtfeld – Liebe, Hass, Action, Gewalt und Tod. In einem Wort Emotion.“ Zu viele Filme auf der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica in Venedig legten einen angestrengten Kunstwillen an den Tag. Viel Kunst, wenig oder nur behauptete Emotion, von Action ganz zu schweigen.
Christian Petzolds zwar auch zurückhaltend erzählte Dreiecksgeschichte „Jerichow“ hatte sich am Ende des Wettbewerbs gut geschlagen, auch wenn der Film keinen Preis erhielt. Besonders die italienische Filmkritik konnte mit Petzolds Variante von „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ nichts anfangen. Umgekehrt standen deutsche Festivalbesucher oft fassungslos vor italienischen Familiendramen und Komödien. Die deutsch-italienischen Beziehungen sind weiter in der Krise.

Filmfestspiele
Zu den angestrengten Kunstbrocken, die man zuverlässig auf Festivals antrifft, gehörte etwa der türkische Film „Süt“ (Milch) von Semih Kaplanoglu. Hier wird ausgiebig geschwiegen, die Schauspieler kucken sehr exis-tenzialistisch in die Kamera, und die Kamera kuckt sehr existenzialistisch zurück. Das Schweigedrama sieht aus wie die Parodie auf einen Forumsfilm, läuft aber ganz echt im Wettbewerb von Venedig. Oder das Wüstendrama „Gabbla“. Der algerische Regisseur Tariq Teguira geizt nicht mit enorm langen und enorm überlangen Einstellungen. So sieht große Kunst aus, wenn man die komatisierenden Filme von Theodoros Angelopoulos für große Kunst hält.

Filmfestivals tappen gerne in die Angelopoulos-Falle. Filme, die schwer existenzialistisch daherdräuen und hochsymbolische Bilder aufbieten, bekommen viel zu schnell ein Festivalticket. Da kann man Wim Wenders und seiner Jury gar nicht genug danken, dass sie den Goldenen Löwen an einen kleinen, fast lässigen Film gegeben hat, der schnörkellos von Liebe, Hass, Action, Gewalt und Tod erzählt. Hoffen wir, dass die Berlinale dieses Wendersche Statement verstanden hat.

Text: Volker Gunske

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