Berliner Übersetzer-Paar

Die Fremdsprach­künstler

Die Berliner Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel lieben die Transformation von Sprachen, zuletzt bei Raymond Queneaus Klassiker „Stilübungen“ – ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Paar

Frank Heibert & Hinrich Schmidt-Henkel

Foto: Gerald von Foris / Suhrkamp Verlag

Sie sind in Wörter und Sprachen verliebt – und ineinander. Vor 14 Jahren gingen Frank Heibert, 55, und Hinrich Schmidt-Henkel, 56, eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein, die bis heute hält und zugleich eine Arbeitspartnerschaft ist. Sie beherrschen Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Norwegisch und sind die deutschen Stimmen von Richard Ford, Michel Houellebecq, Massimo Carlotto, Yasmina Reza und Jan Fosse. Das in der schwulen Flüchtlingshilfe aktive Paar lebt in der Friedenauer Niedstraße, die bereits viele prominente Wortarbeiter angezogen hat. So war die Verbindung zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und Breslauer Platz schon Wirkungsort von Erich Kästner, Uwe Johnson und Günter Grass.

Quasi im Zweitberuf ist der in Berlin geborene Germanisten-Sohn Schmidt-Henkel, vor zwei Jahren zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt. Seit 18 Jahren kämpft er auch als Erster Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) so charmant wie nachdrücklich für eine angemessene Honorierung seiner Zunft, wobei er die „wirksame Novellierung des Urhebervertragsrechts für dringend geboten“ hält. Heibert, „eine Ruhrpottpflanze“, „freischaffender Selbstausbeuter“ und Ex-Verleger (Zebra Buchverlag), hatte zuletzt an der FU die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung inne. Seit zwei Jahrzehnten ist er auch als Jazzsänger unterwegs – mit seiner Formation „Frank Heibert & Finkophon Unlimited“. Und hat mit „Kombizangen“ (2005) einen Roman über seine Wahlheimatstadt geschrieben. Bei seiner Übersetzung von Don DeLillos jüngstem Roman („Null K“ erscheint am 13.10. bei KiWi) hat er wie stets versucht, „die Haltung des Werks zu verstehen und zu transportieren“.
Kürzlich haben Heibert und Schmidt-Henkel, die ihren eher kargen Lohn mit Lesungen, Veranstaltungen und Seminaren aufbessern, gemeinsam ein wegweisendes Werk des französischen Sprachspielers  Raymond Queneau (1903–1976) übertragen, wichtiges Mitglied der von Georges Perec gegründeten „Werkstatt für potentielle Literatur“ (Oulipo). Sein in 30 Sprachen übersetzter Klassiker „Exercices de style“ (1947) lag seit 1961 in der deutschen Fassung von Eugene Helmlé und Ludwig Harig als „Stilübungen“ vor.
Es ist eine belanglose Szene aus dem Pariser Alltag: Ein junger Mann mit langem Hals und komischem Hut steigt in einen Bus der Linie S, ergattert einen Sitzplatz und streitet mit einem Fahrgast. Zwei Stunden später ist der Mann am Bahnhof Saint-Lazare.

Der Sprachwitz an der Sache: Queneau hat die Episode auf 99 verschiedene Arten erzählt – als Amtsbrief, mit Ausrufen, als Traum, rückwärts, als mathematische Gleichung, als Haiku. Später tobte sich der durch den von Louis Malle verfilmten Roman „Zazie in der Metro“ (1959) bekannt gewordenen Autor  weiter sprachspielerisch aus. 70 Jahre nach der Entstehung hat das vielfach ausgezeichnete Übersetzer-Paar – zuletzt gab’s für Heibert den Helmut-M.-Braem- und für Schmidt-Henkel den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis – auf Grundlage einer 2012 in Frankreich erschienenen Ausgabe mit 37 weiteren Stilübungen aus Queneaus Nachlass ganz neu übersetzt.
In Anwendung eines oulipo’schen Wortspiels klingt das im Falle einer Parechse (Zusammenstellung lautlich ähnlicher Wörter) bei Heibert/Schmidt-Henkel so: „Im burückgesetzten Bureich eines Busses, der für eine Butterfahrt in unbukolische Buzirke gebucht war, rabulierte ein wenig erbulicher Bube, ein bulimischer Buffo, Buckel weit vom Busen und burleske Kopfbudeckung, burschikos gegen einen anderen Burger.“
Das Buch sei  „l’art pou l’art, ein großes Amüsement und sprachphilosophische, ja politische Kunst in einem“, schwärmen sie unisono. Einen imposanten Eindruck von der sprachlichen Vielfalt und hilfreiche Erläuterungen – passend im Berliner Autobus gefilmt. Wer sich da nicht verliebt, ist selbst schuld.

Raymond Queneau: „Stilübungen“ aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Suhrkamp Verlag; 216 Seiten, 22 €

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