Kunst und Museen in Berlin

„Die Halluzinierte Welt – Malerei am Rand der Wirklichkeit“ im Haus am Lützowplatz

Die Gruppenausstellung Halluzinierte Welt wagt sich in die Grenzgebiete unserer Wirklichkeit vor – passend zum Revival des Mediums Malerei, das hier über Störeffekte selbst in den Vordergrund tritt

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Öl-„Pastoral“ (2014). Der Brite Michael Kirkham schafft wie aus sich selbst heraus strahlende Gemälde, oft hocherotisch in ihren Motiven, dabei aber auch gläsern und .zerbrechlich. Foto: Haus am Lützowplatz 

Die viel zu oft tot geglaubte und geschriebene Malerei ist quicklebendig. Am lebhaftesten ist sie dort, wo man versucht, sie weiter voranzutreiben, über scheinbar abgesteckte Grenzen hinaus. Das Alleinstellungsmerkmal der Malerei in unserer von Bildern überfluteten Welt liegt, schlicht und einfach, schon in ihr selbst begründet: in den ihr eigenen Verfremdungseffekten.

Mit „Die Halluzinierte Welt“ zeigt Kurator Marc Wellmann im Haus am Lützowplatz  eine Ausstellung, die sich ausschließlich solcher Malerei verschrieben hat. Der Untertitel „Malerei am Rand der Wirklichkeit“ gibt die Richtung vor: Es geht um eine Malerei, die versucht, die Grenzen des Realen auszuloten, dann zu überdehnen und weiterzuspannen. Wellmann betont im Gespräch mit dem tip, wie wichtig es ihm ist, dass die Künstler nicht aus dem Zentrum einer halluzinierten Welt ihre Bilder schaffen, sondern von außen einen Blick dort hineinwerfen. Sie sind Beobachter. Dieses mehr Erahnte als Gesehene übersetzen sie dann, auf oft virtuose Art und Weise, in Malerei.

Im April letzten Jahres kam Wellmann als neuer künstlerischer Leiter ans Haus am Lützowplatz. Der Kurator und Kunsthistoriker, der zuvor in gleicher Funktion am Georg-Kolbe-Museum tätig war, hat seitdem schon für viel frischen Wind gesorgt. Die Zusammenstellung der Künstler stellt sich als überaus gelungen heraus, beschäftigt sich doch jeder auf sehr spezifische Weise mit fantastischen Bildwelten. Den roten Faden bildet die Auseinandersetzung mit dem, was sonst nicht so sichtbar wird: dem Abwegigen, dem Verstörenden.

Tilo Baumgärtel, aus dem Umfeld der Leipziger Schule stammend, hat sich (wie auch Justine Otto und Ruprecht von Kaufmann) den surrealen, fabelhaften Bildszenarien verschrieben. Ihre Figuren agieren eigenartig schlafwandlerisch, fast ferngesteuert – in architektonisch durch- und dekon­struierten Bildräumen, welche die Welt aus den Angeln heben.

Halluzinierte_Welten_Hahn_Abend_c_sieheIPTCHerbert Volkmanns Vita scheint erst mal gar nicht prädestiniert fürs Düstere: nach seinem Malereistudium übernahm er sogar zunächst den elterlichen Fruchtgroßhandel. In dieser Zeit sammelte er schon früh Werke von unter anderem Franz Ackermann, Daniel Richter, aber auch Jonathan Meese. Von Meese wurde er, nach der Pleite des Obst-geschäfts und der daraus resultierenden Versteigerung seiner Sammlung, auch animiert, sich wieder selbst der Malerei zu widmen. Bei Volkmann tauchen oft Personen aus dem öffentlichen Leben auf: Musiker, Künstler oder Politiker. Ihnen allen werden durch das Einbeziehen weiterer malerischer Ebenen aber Fallen gestellt. Abgründe tun sich auf.

Anders bei Bernhard Martin. Bekannt geworden mit überfrachteten Bildern, die alles erdenklich Mögliche sampeln, zitieren und sich einverleiben, malt er nun verblüffend zart und reduziert. Die Machart wird aber oft durch die Motive wieder völlig gegen den Strich gebürstet.
Einige Künstler der Ausstellung beziehen sich explizit auf Werke der Kunstgeschichte: Eckart Hahn zeigt in seinen sehr klaren Kompositionen zum Beispiel Anleihen an Magritte und die Neue Sachlichkeit. Der Franzose Emmanuel Bornstein geht noch weiter und zitiert direkt das fantastisch abgründige Gemälde „Der Koloss“ von Francisco de Goya. Bornstein macht es aber ganz und gar zu seinem eigenen Bild.

Es fällt ins Auge, auf welch hohem technischen Niveau die meisten Maler hier arbeiten. Das ist ja heutzutage nicht unbedingt gang und gäbe. Ganz im Gegenteil: Es wird viel geschmiert und gematscht. Das ist in dieser Ausstellung erfrischend anders. Philip Grözinger fällt da zugegeben etwas aus dem Rahmen. Er malt ziemlich trashige Bilder, bevölkert von comicartigen Figuren mit maskenhaften Köpfen, aber auch Versatzstücken der ganz real anmutenden Welt.

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G?L Brierleys collagiert wirkende Stillleben geben einem zunächst das Gefühl, einen Gegenstand zu erkennen, etwa eine Vase. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die vermeintlichen Gegenstände dann aber als Farbschlieren und Farbkrusten, teilweise ergänzt durch geometrische Formen. Das alles wird gekonnt malerisch miteinander verschnürt.

Diese Ausstellung ist, wie der Titel schon nahelegt, auf der Suche nach Bildern am Rande unserer Realität. Und sie wird dort fündig. Sie zeigt zudem, welch starke, fesselnde Malerei an diesen Rändern passiert. Dem Betrachter wird in der Schau ganz deutlich, wie viele entdeckenswerte Maler auch zurzeit in den fantastischen Welten wildern und dabei zu beeindruckend verstörenden Ergebnissen kommen.

Text: Michael Wagner

Foto Mitte: Eckart Hahns Acrylbild „Abend (2011) / Sammlung Akselrad / Courtesy WAGNER + PARTNER, Berlin

Die Halluzinierte Welt – Malerei am Rand der Wirklichkeit Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, bis 29.6., Eintritt frei

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