Berlin Art Week 2017

Die Highligts der Berlin Art Week

Auch in diesem Jahr ist die Berlin Art Week wieder der Höhepunkt des Berliner Kunstjahres. Die wichtigen Institutionen sind dabei, die Kunstmessen finden genau zu dem Termin statt, die Projekträume öffnen, die Privatsammler laden ein. Und da in Berlin unglaublich viele bedeutende und junge Künstler leben, es dazu die Kuratoren, Kritiker und ein wahnsinnig kunstinteressiertes Publikum gibt, zudem die Sammler einfliegen, wird vom 13. bis 17. September wieder richtig was los sein. Wir haben auf den folgenden Seiten vorsortiert, wo man unbedingt dabei sein sollte

Fabian Knecht / Institut für Raumexperimente, Universität der Künste Berlin / Neue Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, 2014

1. Festival of Future Nows
Es ist zwar nicht ganz so, dass kein Stein auf dem anderen bleiben wird beim Festival of Future Nows im Hamburger Bahnhof – aber es wird doch so einiges in Bewegung gesetzt, verrückt und verfremdet. Von Interventionen in den bekannten Abteilungen der Sammlung über versetzte Objekte im Außenraum, bis hin zu jeder Menge freigesetzter Energie in der großen Halle, die sich über Performances und Flashmobs entladen wird. Über 100 Künstler aus dem Umfeld von Ólafur Elíasson knüpfen an das erste Festival gleichen Namens im Jahr 2014 an, und wie damals in der Nationalgalerie werden vier Tage lang und bis in den späten Abend ganz unterschiedliche Werke gezeigt. Dabei sind spektakuläre Sachen genauso zu erwarten wie ganz subtile Arbeiten. Zum Beispiel wird es sich lohnen, bereits die Eintrittskarten genau anzusehen, denn das Künstlerduo Diana Sprenger und Euan Williams hat auf jede Karte ein Wort aus einer Konversation zum Thema künstlerische Zusammenarbeit drucken lassen – und beschwört damit den Gruppengeist aller Besucher. Nicht das schlechteste Entrée in ein Festival, das nicht nur davon leben wird, sehr viele künstlerischen Positionen gleichzeitig zu zeigen, sondern auch von Besuchern, die sich auf das große Ganze genauso einlassen wollen wie auf die detaillierten Zwischentöne.

Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50, Tiergarten, 15.–17.9., Fr 10–23, Sa+So 11–23 Uhr, Eröffnung Do 14.9. 19 Uhr

2. Monica Bonvicini
Die in Berlin lebende Monica Bonvicini hat mit so provozierenden Arbeiten wie „Wallfucking“ in den 1990er-Jahren und ihren Sado-Maso-Schaukeln 2005 im Hamburger Bahnhof Furore gemacht und ist eine der international gefragtesten Künstlerinnen. Für ihre Einzelausstellung „3612,54 M³ VS 0,05 M³“ in der Berlinischen Galerie entwickelt Bonvicini eine Rauminstallation, in der sie sich unter anderem mit dem Begriff und der Funktion von Fassaden ausein­andersetzt. Ein über 3.600 Kubikmeter großer White Cube wartet darauf, von ihr erobert zu werden. Ihre genaue Strategie verrät Bonvicini niemandem vor der Eröffnung. In ihren Videoarbeiten, Rauminstallationen, Skulpturen und auch Zeichnungen beschäftigt sich die Künstlerin offensiv und ironisch mit sozialen und politischen Themen wie architektonischen Vorgaben, die Machtverhältnisse definieren, und Geschlechterkämpfen.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, 16.9.–26.2., Mi–Mo 10–18 Uhr, Eröffnung Fr 15.9., 19 Uhr

3. Wilson Díaz
Der kolumbianische Künstler Wilson Díaz ist Experte für Vallenato-Musik. Diese traditionell mit Akkordeon, afrikanischer Trommel und einem Schrapinstrument gespielte Musik birgt einen Schatz von soziokulturellem Informationsgehalt. Díaz, dieses Jahr Gast des DAAD-Künstleraustauschdienstes in Berlin, breitet seine in Antiquariaten ganz Kolumbiens aufgestöberte Vinyl-Sammlung aus. Anhand von Albumcovern aus vier Jahrzehnten zusammen mit eigenen Gemälden erzählt er in seinem Projekt „Chimera“ von den spannenden Verwicklungen und Geschichten verschiedener Protagonisten seines Landes, den Interessenskonflikten und Kämpfen, die sich in den Vallenato-Musikstücken, die als Propagandamaterial dienten, niederschlagen.

DAAD-Galerie Oranienstr. 161, Kreuzberg, 16.9.–15.10., Di–So 12–19 Uhr; Eröffnung Fr 15.9., 19–21 Uhr

4. Portrait of a Nation
Erbe und Identität sind für viele Künstler in den Vereinigten Arabischen Emiraten wichtige Komponenten ihrer Arbeit, aber darüber hinaus versuchen sie sich mehr und mehr zu lösen, freier zu werden. Dieses Loslösen betrifft nicht so sehr ihre eigenen Wurzeln, sondern vielmehr die westlichen Narrative, die es zu arabischer Kunst und dem Leben generell seit Jahr-
zehnten gibt. Der westliche Blick, lange Zeit wichtigstes Kriterium für die Künstler dort, rückt mehr in den Hintergrund und wird abgelöst von selbstbewusstem Auftreten und eigenen Werkschauen. Eine davon ist „Portrait of a Nation“: 20 Künstlerinnen und Künstler aus den Emiraten geben im me collectors Room Einblick in ihr Kunstverständniss und ihre Arbeitsweise. Die Werke stammen aus allen Bereichen der Kunst, darunter Skulptur, Fotografie, Land Art, Malerei, Video und Neuinterpretationen traditioneller Handwerke.

me Collectors Room Auguststr. 68, Mitte, 13.9. 13–20 Uhr, 14.–17.9. 12–19 Uhr, bis 29.10. Di–So 12–18 Uhr

5. Danny Lyon
Kampf gegen Rassentrennung, brutale Polizeigewalt – die Fotos, die der damals 21-jährige Danny Lyon im Jahr 1963 vom Marsch auf Washington machte, ließen ihn zu einem der wichtigsten Chronisten der schwarzen US-Bürgerrechtsbewegung werden. Seine subjektive, teilnehmende Form der dokumentarischen Fotografie ist immer noch schwer beeindruckend. Nun stellt eine Retro den Fotografen und Filmemacher vor, der am 17.9. zum Gespräch zu C/O kommt.

C/O Berlin Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, 16.9.–3.12., Eröffnung Fr 15.9., 19 Uhr

6. Thomas Feuerstein
Der Mythos von Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und den Menschen überbrachte (worin viele den Beginn von Kultur überhaupt sehen), hat das Abendland kontinuierlich beschäftigt. Aber bei all den vielen Versionen und Interpretationen wird die Ausstellung „Prometheus Delivered“ des österreichischen Künstlers Thomas Feuerstein neue Dimensionen eröffnen: Die Reproduktion einer Marmorstatue aus dem Louvre steht im Zentrum einer komplexen, installativen Versuchsanordnung, in der „extremophile“ Bakterien, also solche, die in äußerst lebensfeindlicher Umgebung überleben, den Marmor angreifen. Kunst und Wissenschaft, Multimedia und Erzählformate, Substanz und Bedeutung werden von Feuerstein in eine Art „Urstoffwechsel“ überführt.

Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Schöneberg, 14.9.–19.11., Eröffnung Mi 13.9., 19–22 Uhr

7. Willem de Rooij
Präsentation und Repräsentation sind zwei entscheidende Themen, um die das Werk des Niederländers de Rooij kreist. Die Werkschau „Whiteout“ mit Arbeiten aus den letzten 20 Jahren wird eine Auswahl zeigen, darunter skulpturale, aber auch multimediale Auseinandersetzungen mit den visuellen Massenmedien. Da Willem de Rooij mehr denn je beschäftigt, wer für wen sprechen darf in der Kunst, beziehungsweise wer sich welche kulturellen Artefakte aneignet, werden im KW hochaktuelle Themen verhandelt.

KW Institute for Contemporary Art Auguststr. 69, Mitte, 14.9.–17.12, Eröffnung Mi 13.9. 19–22 Uhr

8. LA > X
Wie schon 2016 präsentieren der Kurator Marc Glöde und der Sammler Axel Haubrok auch dieses Jahr ein Artist Film Festival. Es trägt den Titel „LA > X“ und stellt eine Verbindung zwischen Berlin und Los Angeles her, nicht zuletzt anlässlich der 50 Jahre alten Städtepartnerschaft. Material gibt es in Hülle und Fülle, sodass das Programm am 13.9. schon um 10 Uhr beginnt, und den ganzen Tag andauert. Höhepunkte gibt es einige, so „Farocki“ von James Benning und „() Parenthesis“ von Morgan Fisher. Zwei Künstlergespräche strukturieren den Tag. Das Programm endet mit „Los Angeles“ von Sarah Morris und einem Konzert von Stephen Prina.
LA>X Los Angeles 2017 Fahrbereitschaft, Herzbergstr. 40–43, Lichtenberg, 13.9. 10–22 Uhr

9. Project Space Award
Dem Wesen der Projekträume – also der nicht institutionellen Arbeitsweise, dem großen privaten Engagement und der gelebten Interdisziplinarität und Diversität – können Besucher beim Project Space Art Award des Netzwerks freier Projekträume in der Bar Babette besonders gut nahekommen. Die 20 dort präsentierten Initiativen darf und soll man aber auch während der Art Week besuchen, alle haben eigene Performances, Ausstellungen und Interventionen für diese Zeit im Programm.

Bar Babette Karl-Marx-Allee 36, Mitte, Fr 15.9., 17.30–21 Uhr, alle Projekträume unter www.projektraeume-berlin.net

10. Sammlung Ivo Wessel
Private Sammler, die ihre Kollektionen der Öffentlichkeit zugänglich machen, werden insgesamt in Berlin mehr, auf der Art Week sind es mittlerweile 14. Einer von ihnen, der schon lange tief in der Berliner Künstlerszene verwurzelt ist und bei dem die Kennerschaft viel mehr als Geld wiegt, ist Ivo Wessel. Er zeigt Arbeiten von Via Lewandowsky wie „Geteilte Freude ist doppelter Spass“.

Sammlung Ivo Wessel Lehrter Str. 57, Moabit, 16.+17.9., 14–18 Uhr, Anmeldung unter email@ivo-wessel.de

11. Boris Charmatz
Aufwärmen, Proben, Ausruhen, die Bühne füllen: Im Stück „A Dancer’s Day“ legt der Tänzer und Choreograf Charmatz seine eigenen Routinen offen. Die Besucher folgen den 25 Tänzern durch den Flughafen Tempelhof und können die neue Choreografie „1000 Gesten“ mitproben. Der Beitrag der Volksbühne zur Art Week, Tino Sehgal, ist um 17.30 Uhr mit „Picknick“ dabei.

Tempelhof Hangar 5 Platz der Luftbrücke 5, Tempelhof, 14.–16.9. 16-22 Uhr, 17.9. 14-20 Uhr

12. KGB Kunstwoche
Parallel zur Berlin Art Week bieten die 28 Kommunalen Galerien (KGB) in Berlin nicht nur die eigenen Räume zum Besuch an, sondern haben auch gleich Bustouren im Angebot, die die verschiedenen Galerien verbinden. Diese Touren führen nicht nur in die hinlänglich bekannten kunstaffinen Stadtteile wie Mitte oder Kreuzberg, sondern auch nach Lichtenberg, Reinickendorf und Marzahn. Dazu gibt es weitere Ausflüge zu besonders interessanten Orten in den jeweiligen Bezirken, einige Artist Walks, interaktive Führungen mit Stadtforschern, Themenabende und Diskussionen. Und es gibt mit dem Konzertabend „KGB-Sounds“ im Heimathafen Neukölln einen abschließenden Höhepunkt dieser KGB-Kunstwoche.

Verschiedene Orte 8.–17.9, Nacht der KGB Sounds Fr, 15.9. 20.30, Heimathafen Neukölln, alle weiteren Infos zu Artist Walks, Bustouren, Themenabenden: kgberlin.net

Mehr Informationen unter www.berlinartweek.de

Gespräch mit der Direktorin der Art Berlin Maike Cruse

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