Kunst und Museen in Berlin

Die Initiative Haben & Brauchen

Reich an Ideen und arm an Geld. So geht es vielen Künstlern. Die Initiative Haben & Brauchen kämpft seit vergangenem Jahr um eine Verbesserung ihrer finanziellen Lebens- und Arbeitssituation. Geändert hat sich – bislang – wenig

Karsten_Krause_c_DavidVonBeckerDa gibt es diesen konzeptuellen Fotografen, einen Freund, der sich eine Zeit lang über ein Stipendium finanziert hat. Eine weitere Förderung sucht er bislang vergebens. Seinen Job in einem Labor für Fine-Art-Fotografie hat er verloren, das eigene Atelier schon vor Monaten gekündigt. Vielleicht muss er auch bald aus seiner Wohnung ausziehen, die jetzt zu teuer geworden ist. Dabei hat er im Frühsommer in Budapest ausgestellt, aktuell nimmt er an einer Gruppenausstellung in einem Kunstverein in Lübeck teil. Eine andere Freundin, Mutter eines Sohnes und Malerin, hat gerade eine Fortbildung zur Webprogrammiererin abgeschlossen, um an besser bezahlte Jobs zu kommen. Sie ist mit einigen Werken in Sammlungen vertreten, im Sommer hat sie in einem Museum in Banja Luka ausgestellt. Dazu arbeitet sie dank Förderung an einem neuen, rechercheaufwändigen Projekt. Das sind oft Tage von morgens um sechs bis spät in die Nacht. Ihr Atelier unterm Dach muss sie wohl bald aufgeben, weil das Haus nach und nach zu einer privaten Grundschule umgebaut wird.

Bei fast allen Berliner Künstlern gibt es so eine Geschichte zu erzählen, irgendwo zwischen Erfolg und finanziellem Druck, zwischen Ausstellungen im In- und Ausland und der Frage, wie man die nächste Miete oder auch nur die Transportkosten für ein paar Arbeiten nach München bezahlen soll. Dieses Multitasking zwischen Nebenjob, künstlerischer Arbeit, Projektförderungsanträgen und Bewerbungen für Stipendien ist ihre Lebenswirklichkeit. Dabei sind gerade sie es – die Künstler, die seit Jahrzehnten in Scharen nach Berlin kommen, um sich hier niederzulassen und zu arbeiten –, die die Stadt zu einer internationalen Kunstmetropole wachsen ließen und der hiesigen Kunstszene immer wieder neues Leben einhauchen.
Die Initiative Haben und Brauchen, die im vergangenen Jahr im Vorfeld der Ausstellung „Based in Berlin“ mit einem offenen Brief für Aufsehen gesorgt hat, widmet sich ebendiesen oftmals schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Künstler. Auch wenn es inzwischen ruhiger um das Projekt geworden ist, haben die Fragen, mit denen es sich auseinandersetzt, nichts an Aktualität eingebüßt. Wie können Förderungsstrukturen besser an die Belange der Künstler in Berlin angepasst werden? Wie können bezahlbare Räume für Kunst und Künstler in Berlin gesichert werden? Wie können freie Projekt­räume und Künstler leichter und mehr von öffentlichen Förderungen profitieren?

Andreas_Helfer_c_david_von_becker„Es geht um eine offene Diskussion über die Bedingungen an der Basis von Produzenten und Ausstellungsmachern, die allzu oft auf einer Form der Selbstausbeutung beruht“, sagt Ellen Blumenstein, ab 2013 Chefkuratorin der Kunst-Werke, die den offenen Brief der Initiative verfasst hat. „Den Blick von Öffentlichkeit und Politik weg von den prestige­trächtigen Events und den wenigen kommerziellen Stars auf die breite Masse der Künstler und Kulturarbeiter hinzulenken, gestaltet sich aber oft schwierig. Dabei besteht meines Erachtens die Gefahr, dass Berlin als Ort für Kunst und Kunstproduktion ein schleichendes Ende droht, wenn nicht bald gegengesteuert wird.““ Zwar würden zentrale Forderungen von Haben und Brauchen wie eine Mietpreisbindung für kulturell genutzte Räume vom Senat bisher ignoriert. Dafür sei die Initiative durch die öffentliche Aufmerksamkeit jetzt immerhin enger mit dem Senat und anderen Entscheidungsträgern in Kontakt. „Ein Ergebnis der Arbeit der Initiative ist, dass in diesem Jahr erstmals ein mit öffentlichen Mitteln dotierter Preis für Projekträume vergeben wird“, sagt Blumenstein. „Leider ist das ein höchst problematischer Kompromiss, weil er an die Kunst und an die Ausstellungsmacher wieder genau den Leistungscharakter heranträgt, den wir im Vorfeld von ‚Based in Berlin‘ scharf kritisiert haben.“

Ein für Berlin typisches Modell der Selbst­organisation von Produktionsräumen für Künstler sind Atelierhäuser wie das in der Mengerzeile in Alt-Treptow, seit 1993 als Verein organisiert, zu dem auch der Projektraum Kunsthalle M3 gehört. „Alle, die hier ein Atelier haben, sind Vereinsmitglieder“, erklärt Karsten Krause (Foto oben), der seit neun Jahren eines der 35 Ateliers nutzt und neben seiner künstlerischen Arbeit und der Organisation von Ausstellungen in der Kunsthalle M3 als Barkeeper arbeitet. „Die Miete liegt im Moment so bei 3,50 Euro pro Quadratmeter, das geht wirklich. In letzter Zeit hört man aber auch von Atelierhäusern, in denen Mieten von bis zu 9,50 Euro genommen werden. Das können sich die allermeisten nicht mehr leisten.“ Der Verein Mengerzeile mietet das Gebäude direkt von den Alteigentümern und finanziert sich allein über Mieten und Mitgliedsbeiträge. „Für uns ist das ein Glücksfall“, sagt Krause. „Mit den Eigentümern machen wir immer Verträge über fünf Jahre. Wir hoffen, noch lange hier bleiben zu können.“

Ein Beispiel für die nur selten gelingende Zusammenarbeit von Bezirk und Stadt mit Künstlern ist der seit 2008 vom Verein Kunst in Kreuzberg betriebene Atelierhof Kreuzberg in der Schleiermacherstraße: „Als wir hier auf dem ehemaligen Gelände des Gartenbauamts Kreuzberg anfingen, hieß es von den Angestellten: ‚Die Künstler vertreiben uns!‘ So schnell kann sich das drehen und du als Künstler bist plötzlich der Böse“, erzählt Andreas Helfer (Foto rechts), Maler und Vereinsvorstand. „Sonst sind es ja meist die Künstler, die durch steigende Mieten vertrieben werden.“ Früher hat er genau gegenüber gewohnt. Als es dann hieß, das Gartenbauamt werde verlegt, hat er die Initiative übernommen und ist auf den Bezirksbürgermeister Franz Schulz zugegangen. Helfer und Verein blieben dabei nicht die einzigen Interessenten. Von Immobilien­spekulanten über große Einzelhandelsketten bis hin zur angrenzenden Schule war das Begehren nach dem Grundstück groß. „Ausschlaggebend war am Ende, dass ich einen Wirtschaftsplan ausgearbeitet hatte, der zeigte, dass sich ein Atelierhof hier an dieser Stelle selbst tragen kann, dass der Stadt also keine weiteren Kosten entstehen.“ Inzwischen hat der Verein einen Erbpachtvertrag über 30 Jahre mit der Stadt abgeschlossen und sichert so 50 Künstlern bezahlbare Mieten mitten in Kreuzberg. Einen Job hat sich Andreas Helfer so auch gleich mitgeschaffen. Er ist jetzt Geschäftsführer des Atelierhofs und erledigt die technische Hausverwaltung.

Text: Philipp Koch

Foto: David von Becker

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