Kino & Film in Berlin

Die kleinsten Kinos der Stadt

Projektionsflächen: Gemeinsam einen Film zu gucken, kann ein Erlebnis sein, das zusammenschweißt. Neue Off-Off-Kinos in Berlin entwickeln sich zu wichtigen Treffpunkten.

Die kleinsten Kinos der Stadt

Verena von Stackelberg fährt mit dem Finger über den Bauplan an der unverputzten Wand. Es ist ein Gewirr aus rechtwinkligen Linien. Dicke, gelbe Striche markieren, welche Wände eingerissen werden.
Der Ort, in dem die langjährige Filmkuratorin gerade steht, beherbergte früher ein Bordell. Jetzt sieht in der Weserstraße 59 alles nach Aufbruch aus. Eine improvisierte Bar aus alten Türen steht noch in der Mitte des Raumes, eingerahmt von ein paar Bierbänken. Von dort aus hat von Stackelberg vor wenigen Monaten erfolgreich eine Crowdfunding-Aktion und begleitende Filmabende organisiert, fleißig genetzwerkt und so über 700 Unterstützer gewonnen und 55.000 Euro für ihr Projekt „Wolf“ gesammelt.
„Wenn alles gut läuft, wird das in sechs Monaten das Foyer sein.“ Sie blickt zufrieden lächelnd auf den Plan an der Wand. Sie weiß, dass die Zeiten, in denen Filme nur im Kino gezeigt wurden, längst vorbei sind. Kleine Kinos in der Stadt kämpfen mit kuratierten Programmreihen und Sondervorstellungen um die Gunst jedes einzelnen Besuchers. Ihr Kino Wolf dagegen wird ein Forum sein. Ein sozialer Knotenpunkt, der zwischen Zuschauern und Filmwelt Grenzen einreißen will. Die gebürtige Heidelbergerin, die seit 2008 in Berlin lebt, ist mit diesem Ansatz längst nicht mehr allein in der Stadt.
In den vergangenen Jahren haben sich Filmenthusiasten neben dem regulären Filmbetrieb mit Projekten etabliert, die das Kino anders begreifen: ein Kino in Bewegung, bei dem es nicht um nüchterne Filmvorführungen, digitale Hochrüstung und 3D-Eventisierung geht. Ein Kino, das Filmemacher und Zuschauer verbindet und den urbanen Raum als Projektionsfläche nutzt.
Mit seinem „Nomadenkino“ etwa zieht Werner Kantor von Ort zu Ort und zeigt Filme im Club, auf Dachterrassen oder im Holzmarkt. Das B-ware! Ladenkino in Friedrichshain zeigt Filme im kleinen Kreis und definiert sich als Cinemathek mit Bar, die sich auf Arthousekino, Trash und eben B-Ware konzentriert.
Verena von Stackelberg allerdings steht gerade vor jeder Menge Schutt. Sie hat viel vor in den kommenden Monaten. Geplant sind zwei reguläre Säle mit 50 Sitzen. Dazu ein dritter Saal, der mit seiner flexiblen Bestuhlung als Vorführ-, Ausstellungs- und Workshopraum dienen soll. „Hologrammprojektion und 360-Grad-Vorführungen: Wir wollen dort einen Platz für Experimente schaffen.“ Geplant sind Schneideräume und Büros, in denen Filmemacher arbeiten können.

Die kleinsten Kinos der Stadt

Aber das Wolf richtet sich eben nicht nur an die Kreativen der Stadt. Von Stackelberg will kein intellektuell-elitäres Kunstuniversum schaffen. Es soll ein Nachbarschaftskino sein, das den Mainstream nicht ausblendet. Außerdem soll es Workshops für Jugendliche aus dem Kiez bieten, die eigene Programme kuratieren und so lernen, was hinter der Vermarktung eines Filmes steckt.
Knapp einen Kilometer Luftlinie entfernt sitzt Daniel Wuschansky in der Nansenstraße an der Bar seines Kinos, das er gemeinsam mit Kristian Palshaugen und Carla Molino im vergangenen November eröffnet hat. ?Il Kino zeigt aktuelle Arthouse-Produktionen, vor allem Originalfilme und Dokumentationen, die oft keinen Verleiher in Deutschland finden. Der Saal ist mit 52 Sitzen übersichtlich. „Uns geht es eben nicht nur um Filme. Davon könnten wir wahrscheinlich gar nicht leben“, erklärt Wuschansky. Il Kino – das ist ebenso eine Bar und ein Bistro mit mediterran angehauchter Speisekarte. Aber ist das nun ein Kino mit Barbetrieb? Oder eine Bar mit angeschlossenem Kino?
Wuschansky lacht, „mit dem richtigen Begriff tun wir uns selber schwer“, sagt er. „Die meisten Gäste verstehen aber sehr schnell, um was es uns geht. Unser Kiez ist international. Viele Zugezogene sind überfordert mit dem Filmangebot der Stadt. Es ist nicht einfach, einen Film in Originalsprache zu finden.“ Um so besser passt ihr Konzept zum hippen Kreuzkölln, wo heute meist Englisch auf der Straße gesprochen wird.  
Vergleichbares hat Arne Grüß erlebt. Als er vor acht Jahren sein Filmcafй in Prenzlauer Berg eröffnete, waren viele Besucher irritiert. Einigen geht das noch heute so. „Mein Filmcafй ist ein Zwitter. Das war von Anfang an klar, denn vom Film allein kann ich nicht leben.“ Grüß zahlt für die Filme an die Verleiher den gleichen Preis wie die anderen Kinos der Stadt. Mit nur einem Saal und überschaubaren 28 Sitzen kann er aber nicht rentabel arbeiten. Also trägt die Gastronomie seinen Laden. „Doch gerade das schafft mir Freiheiten. Ich kann mir aussuchen, welche Filme ich wie lange zeige.“ Durch den engen Kontakt zum Kiez weiß Arne Grüß um die Ansprüche seiner Gäste. Das ist ein kleiner, aber maßgeblicher Unterschied. Aktuelle Filme wie Sion Sonos irrlichternde Manga-Groteske „Tokyo Tribes“ oder die hochgelobte Dokumentation „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin (1979-1989)“ werden bei der schieren Masse an Filmen, die heute erscheinen, geradezu erdrückt. Sie laufen häufig nur ein bis zwei Wochen und sind dann aus dem regulären Kinoprogramm verschwunden. Im Filmcafй laufen solche Filme nicht selten Monate. Eben deshalb, weil das Publikum das will.

Text: Martin Daßinnies

Foto:
Oliver Milster, Marjorie Brunet Plaza

Adressen:

Wolf Kino Weserstr. 59, Neukölln, ?www.wolfberlin.org

?Nomadenkino Programm und aktuelle Orte unter www.nomadenkino.de

?b-ware! Ladenkino Gärtnerstr. 19, ?Friedrichshain, www.ladenkino.de?

Il Kino Nansenstr. 22, Neukölln, ?www.ilkino.de

Das Filmcafй Schliemannstr.15, ?Prenzlauer Berg, www.dasfilmcafe.de

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