Brandenburg

Bio-Rindfleisch aus Brandenburg

Es scheint relativ unkompliziert zu sein. Susanne Marx hat sich ein paar Agrarexperten der Biobranche in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gesucht

kuhDie lassen einmal im Monat eine Kuh vom Metzger schlachten. Die beiden Rinderhälften hängen 14 Tage ab, das ist die sogenannte Knochenreifung. Danach wird das abgehangene Fleisch fachmännisch in haushaltstaugliche Portionen zerlegt, vakuumiert, verpackt und verschickt. Im August ist es ein Angusrind, das dran glauben muss und der Fleischlieferant für Hamburger und Berliner Haushalte ist. Im Juli war es ein Charolais von Herrmann Angermaiers Biohof. Das August-Rind kommt von der Bio Ranch Zempow. Zempow liegt hinter Rheinsberg. Es ist eine idyllische Landschaft. Die Mischung aus Hügeln, Wiesen, sumpfigen Tälern erfüllt den Wunsch des Städters nach harmonischem Landleben.

Am Horizont bewegt sich ein dunkler Streifen Richtung Osten. Es sind schwarze Anguskühe. Wenn man näher kommt, erkennt man deren bunte Kälber. „Das mit der Farbgebung lässt sich nicht so gut vorherbestimmen. Wir haben auch noch eine rote Herde.“ Swantje Kohlmeyer ist nach rund zwei Jahren auf der Bio Ranch jetzt so etwas wie eine Kuh-Expertin. Sie ist die Lebenspartnerin von Dr. Wilhelm Schäkel. Er ist der Mann der ersten Stunde in Sachen Bio Ranch. Der gebürtige Ostwestfale hat in Göttingen Philosophie und Landwirtschaft studiert. Das sieht man ihm irgendwie auch an. Vom Klischee eines Bauern – handfest, pragmatisch in Latzhose und Arbeitsstiefeln – hat der Bio-Rancher rein gar nichts. Vielleicht noch die Freude am ruppigen Trekkerfahren? Den fährt er nämlich zur schwarzen Angusrinderherde, die mit der Low-Stress-Stockmanship-Methode getrieben bzw. dirigiert wird. „Ich geh auf die Kuh zu, und wenn sie sich bewegt, wenn sie auf mich reagiert, gehe ich zurück.“ Kuhflüsterer Schäkel macht das einmal vor, mit dem Druckaufbau und Abbau. Geht ein wenig an die Herde ran, langsam, ohne schnelle Bewegung, die Herde bewegt sich ebenso langsam in eine Richtung. Eine Kuh steuert auf ihn zu, er geht ein wenig zurück. Alles geklärt, die Herde trabt gemächlich davon. Rinder wollen zudem sehen, wer sie treibt, sie können schräg nach hinten gucken und sehen aber auch nach vorne, wohin sie gehen.

Sie haben ein Sichtfeld von 300 Grad, sehen dabei aber nicht besonders scharf. Wenn sie in Stress geraten, sehen sie noch weniger und werden unberechenbar. Wer will das schon? Schäkel erzählt von einem Kunstprojekt, wo Kuh und Mensch mit den entsprechenden Kameras und Sichtfeldern ausgestattet werden, so dass man erleben könnte, wer eigentlich wen bewegt. Hört sich lustig, hintersinnig an. Aber Schäkel ist auch Agrarökonom. Damals vor 18 Jahren lernte er die Gegend um Rheinsberg durch ein Studienprojekt kennen. Ihm kommen Begriffe wie „produktionsintegrierter Naturschutz“ völlig selbstverständlich über die Lippen. Der Boden in Brandenburg ist „mager“. Schäkel erklärt, dass Magdeburger Boden der beste sei, also mit 100 bewertet wird. Brandenburg kommt da gerade mal auf 18. Also mit großartigem Getreideanbau ist da nicht so viel zu machen. Roggen sei gut, und die Lupinen, eine Wicke, dazwischen seien für die Rinder ein ideales Futter. Für den Getreidebauern sind Lupinen eine Wertminderung. Jedenfalls ist die Gegend zum Naturpark erklärt, mit ihren Seen, Wäldern und einem der bedeutendsten Brutplätze von Greifvögeln. „Mensch, Tier, Natur“ – so die Stichworte von Schäkel.

Nicht nur der Bildungsansatz soll ausschlaggebend sein, also dass der Mensch etwas über Tier und Natur erfährt, auch Produzieren, ein weiterer agrarökonomischer Bereich, spielt auf der Bio Ranch eine Rolle. Neben Ferienwohnungen, Pferden und Ponys und einem Campingplatz gibt es zwar auch einen Produktionszweig, bei dem Säfte mit Topinambur – eine Art Wurzelknolle und der Sonnenblume ähnlich – erzeugt werden. Hauptaugenmerk sind aber die Stallungen für Zuchtbullen, die Mastrinder und Herden von Anguskühen mit ihren Kälbern – und eben die Direktvermarktung. Und da kommt wieder Susanne Marx ins Spiel. „Ich habe mich früher in meiner Studienzeit um gute Ernährung nicht so gekümmert, die Qualität von Lebensmitteln hat mich wenig interessiert.“ Doch dann gönnte sie sich mit ihrem Ehemann eine Auszeit im Himalaya. „Da sind wir dann in den Garten und haben uns jeden Tag das Gemüse ausgesucht, das wir essen wollten.“

Diese Erfahrung war für sie der Anstoß, etwas in ihrem Leben zu ändern. Und nicht nur für sie, sondern auch für andere, nämlich für sogenannte Endverbraucher, die Fleisch bewusst konsumieren. Sie gründete den Direktvertrieb mycow. Ihre Kundschaft muss sich keine Gedanken über die Herkunft machen. Die kann die Biobauernhöfe besuchen und sich über die Haltung der Tiere informieren sowie davon überzeugen, was mit dem Tier passiert, bevor es auf dem Teller landet. Klar wird das Rind zum Individuum mit großen warmherzigen Augen, langen Wimpern, weichem Maul und einem lässigen Gang mit schwungvollem Hinterteil. Aber das ist es auch ohne Besuch des Konsumenten. Nur „die persönliche Verantwortung wird deutlich spürbar“. Wilhelm Schäkel erklärt weiter: „Je mehr ich von der Realität weg bin, desto weniger setze ich mich damit auseinander.“ Intuitiv würde der Verbraucher spüren, was er eigentlich an Lebensmitteln konsumieren möchte. Es soll erstens aus der Region kommen und zweitens in Bioqualität sein, so die Ergebnisse von Umfragen.

Doch im Alltag funktioniert der Einkauf anders: Schnell in den Supermarkt, die Nahrungsmittel zusammengepackt und ab nach Hause. Da bleibt wenig Zeit, z.B. auch beim Biosupermarkt mal nachzufragen, woher das Stück Fleisch kommt, und zwar detailliert nachzufragen nach der Erzeugernummer und die dann auch mal zu prüfen. Das alles entfällt, wenn man Fleisch bei Susanne Marx ordert. 50 Kunden hat sie seit Firmengründung Anfang des Jahres. „Es gibt welche, die bestellen zum zweiten Mal“ – die Rostockerin atmet ein wenig auf. Denn wie gesagt: Der Verbraucher wünscht sich das eine, tut aber meist das andere. Doch einfacher kommt der Berliner kaum an Biofleisch. Es kommt in einer Styroporbox an die Haustür: Rouladen, Rumpsteaks, Gulasch, ein Braten, Grillwürstchen, Ossobuco – gut gekühlt und vakuumverpackt.

Text: Eva-Maria Hilker

Foto: Stefan Abtmeyer

Adressen:

www.mycow.de Landnah GmbH Schwaaner Landstraße 184, Rostock, Tel. 0381-383 75 79

Bio Ranch Zempow Birkenallee 12, Zempow, Tel. 03 39 23-769 15, www.zempow-bio-ranch.de


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