Graphic Novel

„Die Leichtigkeit“ von Catherine Meurisse

„Es war ein Massaker“ – Catherine Meurisse, Karikaturistin bei „Charlie Hebdo“, hat das Attentat überlebt. In ihrer Graphic Novel „Die Leichtigkeit“ verarbeitet sie die Tragödie

"Die Leichtigkeit" von Catherine Meurisse

„Die Leichtigkeit“ von Catherine Meurisse

Warum sprechen alle von „Attentat“… wo es doch ein Massaker war?“, fragt sich Catherine Meurisse, oder besser ihr Alter Ego, das deprimiert auf den Ozean blickt. Man erkennt den Stil der Karikaturistin, die schnell gezeichneten, expressiven Figuren, die angedeutete Szenerie, die sprunghafte, auf Pointen abzielende Erzählweise. Auch wenn sie jetzt nicht mehr so lustig ist wie früher. Die 1980 geborene Französin füllte mit ihren schnippischen Cartoons viele Jahre die Seiten des Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Doch nach dem 7. Januar 2015 sollte für sie nichts mehr sein, wie es einmal war. Durch einen Zufall war sie an jenem Tag spät dran und überlebte, während ihre Kollegen brutal ermordet wurden. Sie verließ die Redaktion, um nur noch Comics zu machen und „Die Leichtigkeit“ ist ihr Versuch, mit der Tragödie umzugehen. Ein ähnlich therapeutisches Werk erschien vor einiger Zeit mit „Katharsis“ (Fischer Verlag) vom Karikaturisten Luz, der statt zu arbeiten, damals den Geburtstag seiner Frau feierte.

Beide Autoren stehen hier vor einem Dilemma. Während sie stets lustig und satirisch zu sein hatten, sitzen sie plötzlich vor einem leeren Blatt und wissen nicht weiter. Meurisse sucht Trost in der Kunst, in berühmten Gemälden, Renaissance-Bauten und klassischen Skulpturen. Als Pariserin ist sie Schönheit und Eleganz gewöhnt, jetzt erscheinen sie ihr als Lebensnotwendigkeit. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, dieses Nietzsche-Zitat stellt sie ihrer Reise vorweg. Auf den folgenden 130 Seiten erforscht sie zwischen Comicerzählung, zugespitztem Cartoon und reflexiven Illustrationen ihr Inneres. Sie besucht Orte, an denen Marcel Proust seine Ferien verbracht hat, fährt nach Rom,  geht in Museen und schlendert durch königliche Parkanlagen.

Ganz so leicht lässt sich die Realität aber nicht abschütteln. Demonstrationen  und Solidaritätsbekundungen für die getöteten Kollegen bringen sie aus dem Konzept. Dann folgen die Attentate von Paris, auf Cafés und ein Konzert im Bataclan. Taubheit und Wut machen sich in ihr breit, das Zeichnen reicht nicht, sie legt sich auf die Couch und auch das hilft nicht. Irgendwann erkennt sie, was das Kostbarste in der Welt ist: Freundschaft und Kultur. Und Leichtigkeit.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse, Carlsen, 136 S., 19,99 €

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