Stadtleben und Kids in Berlin

Die neue Gründerszene in Berlin – Teil 2

Wird Berlin das neue Silicon Valley, oder wächst hier die nächste Internet-Blase heran? tip-Autorin Anne Lena Mösken hat sich in der Gründerszene umgesehen und dabei einen neuen Unternehmertypus kennengelernt.

Im Jahr 2006 hat Petersen zum ersten Mal ein Start-Up mitgegründet, Plazes, das dann zwei Jahre später von Nokia gekauft wurde. „Man sprach damals nicht mal Englisch in den Unternehmen“, sagt Petersen. Ein Viertel der Jobanfragen, die Amen nun jede Woche aus der ganzen Welt bekommt, beginnen mittlerweile so: „Ich will nach Berlin. Habt ihr einen Job?“

jessica_ericksonAuch Jessica Erickson, 27 Jahre alt, hatte so eine Mail vor ein paar Tagen in ihrem Postfach, abgesendet in New York. Erickson lässt sich auf das große Sofa fallen, das mitten in einem Loft an der Grenze von Mitte und Wedding steht. Sie hat einen übergroßen Kapuzenpulli an, wie ihn amerikanische College-Studenten tragen. Sie wird am Wochenende nach Wien fahren und dort auf dem Podium einer Konferenz neben dem Gründer von Xing sitzen und von der Start-Up-City Berlin erzählen, von den Erfolgsgeschichten, von denen es hier gerade so viele gibt. Eine davon ist die des Start-Ups, für das Erickson arbeitet: 6Wunderkinder. Vor einem Jahr ging ihr erstes Produkt online, eine Art digitale To-do-Liste, die man mit Smartphones, Tablets und mit dem Computer nutzen kann. Nach 275 Tagen hatten sie eine Million User. Twitter hat dafür noch dreimal so lange gebraucht.

Darüber hinaus hat 6Wunderkinder kürzlich durch eine Art Manifest auf sich aufmerksam gemacht, das sich gegen das Abkupfern von Geschäfts­modellen richtet. „Gründer, erhebt euch!“, heißt es da, „die Anti-Copycat-Revolution beginnt jetzt!“ Die deutschen Gründer galten nämlich lange Zeit als nicht besonders innovativ, sondern als „Copycats“, als bloße Nachahmer, die sich damit begnügen, in den USA erfolgreiche Ansätze für den deutschen Markt aufzubereiten und dann für viel Geld zu verkaufen. Angehängt an den Blog­eintrag von 6Wunderkinder war eine Liste Berliner Start-Ups: Soundcloud, Readmill, Buddybeers, Crowdpark, Gidsy, Textr und eine Reihe anderer. „Wir hatten in Deutschland jeden erdenklichen Klon, von Facebook über Groupon, Twitter und Airbnb“, heißt es in dem Manifest, „doch die Investoren wurden auf Dauer müde, ihr Geld in hochgewürgte Ideen zu stecken. Die Tech-Szene in Berlin stagnierte, und die Copycats sind schuld!“

Die „Copycats“: Gemeint sind vor allem das Team Europe und die Samwer-Brüder, die wohl geschäftstüchtigsten Internet-Unternehmer der Stadt. Alexander, Oliver und Marc Samwer studierten an Elite-Unis und kamen schon 1999 nach Berlin. Zuerst bauten sie ein deutsches Ebay, das sie Alando nannten. Das amerikanische Vorbild kaufte es nach einem halben Jahr für 43 Millionen Dollar. Dann errichteten sie das Klingeltonuniversum Jamba, das sie später für eine irrsinnige Summe von 273 Millionen Dollar verkauften. Und 2010 holten sie sich für vier Millionen Euro Citydeal, das dann nach einem halben Jahr für rund 126 Millionen Dollar vom amerikanischen Vorbild Groupon gekauft wurde. Team Europe wiederum, ein Zusammenschluss von mehreren Gründern mit Büro am Monbijoupark, hat nach dem gleichen Prinzip unter anderem StudiVZ gegründet und 2007 für 100 Millionen Euro an Holtzbrinck verkauft. „Wenn nichts erfunden wird, gibt es auch kein Risiko“, sagt Jessica Erickson von den 6Wunderkindern und vergräbt die Hände in der Tasche ihres Pullis, „Copycats sind keine Unternehmer.“

Team-Europe-Mitglied und StudiVZ-Gründer Lukasz Gadowski ließ das nicht auf sich sitzen. Anfang Oktober schoss er zurück, bezichtigte die 6Wunderkinder einer „asozialen Hetzkampagne“, einer „zweifelhaften Hassinitiative“ und merkte schließlich bissig an, dass die Originalität der unterzeichnenden Gründer sich ihm in vielen Fällen nicht erschließen würde: „Für die, die die Kinder nicht kennen, sie machen eine recht erfolgreiche Online- und mobile ToDo-Liste. Genial. Isaac Newton und Albert Einstein ziehen gleichzeitig ihren Hut. Eine digitale ToDo-Liste! Der Nabel der Innovation, gab es noch nie vorher!“ Willkommen in der Berliner Start-Up-Soap.

amen
Auch Amen steht auf der Liste der Start-Ups, die dem Manifest anhängt. Trotzdem sagt Felix Petersen: „Die ganze Diskussion ist eigentlich Unsinn.“ Eine PR-Kampagne. Mehr nicht. „Innovation bedeutet auch, die Art und Weise zu verändern, wie man etwas herstellt.“ Er redet dann von Softdrinks, die müsse man auch nicht mehr erfinden, aber man kann sie ohne Zucker produzieren, mit Koffein, biologisch oder mit Vitaminen. Oder sie billiger machen. Oder passend für einen anderen Markt. Wenn es nach Petersen geht, haben Gründer wie Gadowski oder die Samwer-Brüder also nur einen neuen Softdrink markttauglich gemacht. Er habe davor Respekt, sagt Petersen. „Wenn du erfolgreich bist, dann machst du irgendetwas besser als die anderen.“

Im Grunde sind die vermeintlichen Copycats längst ein wichtiger Teil dessen, was in der Entrepreneurssprache „Ökosystem“ heißt. Denn mit dem vielen Geld, das etwa die Samwers oder Team Europe mit ihren Firmenverkäufen verdient haben, finanzieren sie längst andere Ideen, zwar nicht in dem Größenordnungen wie Sequoia oder Earlybird, aber mit Summen, die Unternehmensgründer durch die ersten Monate bringen; die ihnen erlauben, ihre Jobs zu kündigen, Büros zu mieten, Programmierer zu bezahlen.

Es ist ein gängiges Konzept: Wer gründet und erfolgreich ist, kauft keine Immobilien, sondern investiert in den Nachwuchs. Christophe Maire zum Beispiel entwickelte in den Nullerjahren die Navigationssoftware Gate 5, die schließlich, genau wie Petersens Plazes, von Nokia gekauft wurde. Heute bastelt Maire mit seinem eigenen Start-Up Textr daran, digitales Lesen weltweit zu vermarkten, und investiert nebenbei in einige Berliner Start-Ups, in Soundcloud etwa, aber auch in Amen und gerade in Readmill, ein soziales Netzwerk, in dem man sich über das Buch austauschen kann, das man gerade liest. „Angels“ nennt man Leute wie Chris­tophe Maire: Engel.

Die Entrepreneure. Die Engel. Die Venture Capitals. Die neuen Engel, zu denen die Entrepreneure werden. Mehr Start-Ups. Mehr Jobs. Mehr Leute, die von überall nach Berlin ziehen. Mehr Ideen. Noch mehr neue Start-Ups. „Das Berliner Ökosystem wird reicher“, sagt Felix Petersen. Wie am Ende mit diesen unzähligen sozialen Netzwerken, Apps und Onlineplattformen Geld verdient werden soll, ist dabei nicht immer offensichtlich, es scheint aber auch nicht das Entscheidende zu sein. Fragt man bei Venture Capitals wie Earlybird nach, bekommt man ein Prinzip erklärt, das Investoren „Spray and Pray“ nennen: Es reicht, wenn sie in ihrem Portfolio ein paar wenige auflisten können, die wirklich Geld bringen, viel Geld. Das ist dann zum Beispiel ein Anbieter von Onlinespielen wie das Berliner Start-Up Wooga.  

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Foto: Benjamin Pritzkuleit.

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