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Die neuen Alten: Jeder zehnte Neuberliner ist älter als 50.

Neue Stad, neue Verantwortung: Die Enkelin half Ellen R., sich einzuleben. Fotos: Harry Schnitger

Ellen R. weiß noch ganz genau, was den Impuls gab, ihr Leben ändern zu wollen. „Als mein Jüngster die Schule beendet hatte, da war für mich klar – jetzt oder nie! Ich war damals 52 Jahre alt, hatte vier Kinder großgezogen und fühlte mich einfach reif für eine Veränderung.“
Sie entschied sich für einen Neuanfang in Berlin. Durch regelmäßige Besuche bei ihrer ältesten Tochter, die seit 2001 dort lebte, hatte sie die Hauptstadt kennengelernt. Sie mochte die Vielfalt, die Berliner Schnauze und die breiten Straßen. „Der Blick war unversperrt und ich hatte das Gefühl, endlich Platz zum Atmen zu haben.“ In ihrer alten Wahlheimat Wuppertal, in der sie Anfang der Siebzigerjahre der Liebe wegen hängen geblieben war, bot sich stets das gleiche Bild. „Nach 35 Jahren in derselben Stadt kennt man jedes Haus und jeden Winkel. Obwohl ich tolle Freunde hatte und einen netten Job, überwog das Gefühl, etwas Neues ausprobieren zu wollen.“

„Die Wohnmobilität älterer Menschen wird bislang unterschätzt“, heißt es auch in der von der Pädagogik-Professorin Dr. Hildegard Macha und dem Politologie-Professor Dr. Peter Guggemos 2006 an der Universität Augsburg vorgelegten Untersuchung „Neues Wohnen im Alter“. Und: „Ein großer Anteil der über 55-Jährigen zieht laut des 2. Altenberichts mindestens noch einmal um.“

Im November 2007 war es dann auch für Ellen R. so weit. Ein Umzugsunternehmen lud all das, was ihr nach über dreißig Jahren im Bergischen Land noch am Herzen lag, in einen Lkw und fuhr einmal quer durch die Republik. In Schöneberg bezog sie ihre erste Berliner Wohnung. „Direkt um die Ecke gab es den tollen Wochenmarkt am Winterfeldtplatz.“ Und auch der Ku’damm lag quasi um die Ecke.

Die inzwischen 59-Jährige ist keine typische Pensionärin aus den alten Bundesländern, die in Berlin einen von Kultur geprägten Ruhestand genießt. Dafür fühlt sie sich zu jung. Für sie war klar, dass trotz Beamtenrente ein Job hermusste. „Ich erhoffte mir eine Aufgabe, die mir Spaß macht und soziale Kontakte einbringt.“ Da sie in ihrer Freizeit immer gern genäht hatte, stellte sie sich in einer Stoffhandlung vor. Sie bekam den Job und stürzte sich engagiert in die neue Tätigkeit. Der Umgang mit den vielen kreativen Kunden gefiel ihr. Leider nahm es ihr Arbeitgeber mit der Bezahlung nicht so genau. Nach mehrmaligem Ringen um ihr Gehalt kündigte sie resigniert. „Ich habe mich gefühlt wie ein kleines, dummes Mädchen, das mit den Gesetzen der Großstadt noch nicht vertraut ist.“ Die anfängliche Euphorie bekommt erste Risse. Ellen R. leidet unter dem Verlust einer Aufgabe und dem ungewohnten Alleinsein.

„Ich bin damals ganz unerwartet in ein schwarzes Loch gefallen. Der Neustart machte mir schwerer zu schaffen, als ich es gedacht hätte.“ Anstatt wie geplant Italienisch zu lernen und den Segelschein zu machen, sitzt sie Abend für Abend alleine mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher. Trotz der Sehnsucht nach einer sinnvollen Tätigkeit kann sie sich zu weiteren Bewerbungen nicht aufraffen. „Ich dachte auf einmal, wer braucht schon eine Frau Mitte fünfzig, wenn die Stadt voller junger Leute ist?“ Dass sie dennoch gebraucht wird, zeigt sich kurze Zeit später. Ihre Tochter erwartet ein Kind und die Geburt der kleinen Enkelin gibt Ellen R. den nötigen Schubs, wieder aktiv zu werden. Sie zieht nach Mitte, um näher bei der Familie zu sein. „Natürlich hatte ich etwas Neues im Sinn, als ich mich entschied, nach Berlin zu gehen. Dass dazu aber auch die Rolle der Oma gehören würde, hätte ich nicht gedacht.“

Für Ellen R., ihre Tochter und die Enkelin entwickelt sich die Lage zu einer Win-win Situation: Die 59-Jährige hat durch die familiäre Anbindung immer einen Ansprechpartner, umgekehrt ist sie für ihre berufstätige Tochter eine wichtige Stütze in der Kinderbetreuung. Als Ellen R. vor fünf Monaten dann ein Job angeboten wird, greift sie zu. Jetzt kocht und backt sie dreimal in der Woche in einem Cafй in Prenzlauer Berg. Und Pläne für ihr weiteres Leben hat sie auch wieder. Doch sie lässt es langsam angehen. „Alles hat seine Zeit. Ich habe eben meine gebraucht, um bei mir und in der neuen Stadt anzukommen.“

Beziehungen und Kultur

Etwa ein Drittel der Umzüge älterer Menschen könne man als sogenannte „Netzwerkwanderung“ bezeichnen, heißt es bei Hildegard Macha und Peter Guggemos: Die gereiften Umzügler würden in die Nähe von Kindern oder anderen Angehörigen und Freunden ziehen. Wobei eine Großstadt wie Berlin für diese Umzügler-Klientel auch ohne vorhandenes Netzwerk eigene Reize habe. Professor Dr. Andreas Knie vom Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel jedenfalls hat festgestellt, dass hier „die Motivation zum Neustart wohl eher der Wunsch ist, in einer Stadt zu leben, die sowohl soziale Aspekte und eine gute Versorgung gewährleistet, als auch kulturelle und intellektuelle Interessen befriedigen kann.“


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