Historischer Roman

„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Er hatte eine Buchidee: Wie Deutschland Muslime zum Dschihad anstiften wollte. Dann hörte Jakob Hein: Sein Buch gab es schon. Ein Schock

Susanne Schleyer

Diese Zugreisenden sehen nicht so aus, als könnten sie reiten. Oder Kunststücke vollführen. Kunst auf Gäulen gar. Der rumänische Grenzbeamte guckt skeptisch. Und Edgar Stern pokert: „Haben Sie Pferde hier, Herr Oberleutnant?“ Wenn der wüsste.

Sommer 1914. Eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener unter Führung eines deutschen Leutnants und eines adelschnöseligen Beamten tarnt sich als Zirkustruppe. Klandestin reist sie durch Feindesland nach Konstantinopel, um den türkischen Sultan zur Ausrufung des Dschihads zu animieren. In den französischen und britischen Kolonien. Gegen die Feinde der Deutschen. Der Dschihad könnte den Weltkrieg entscheiden.

Klingt wie eine maximal bekloppte Idee.

Aber diese Dshihad-Groteske ist wirklich passiert. Der Berliner Schriftsteller Jakob Hein hat sie jetzt aufgeschrieben, in seinem wunderbaren Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“. Zuvor erlebte er aber einen Moment wie aus der Literaten-Hölle .

Stell dir vor, du arbeitest an einem Roman. Und ein anderer hat ihn schon geschrieben.
Ach du heilige Kriegsscheiße.

Jakob Hein, 46, ist ja auch so ein Zirkuskünstler. Immer viele Bälle in der Luft. Er schreibt Romane und Drehbücher. Liest seit 20 Jahren bei der Reformbühne Heim & Welt, immer wieder sonntags, auch Weihnachten. Verfasst dafür pro Woche zwei neue Texte. Bestreitet bei Radioeins einen Podcast mit Kurt Krömer. Ist hauptberuflich Kinderpsychiater in einer Praxisgemeinschaft, die sich gerade neue Räume suchen muss, weil der Vermieter für die alten irgendwas Teureres vorhat.
Andere Ärzte golfen. Hein schreibt. Am Wochenende, in den Ferien, nachts.

Und jetzt eben einen historischen Roman. Seinen ersten. Vor fast drei Jahren ist er nach Israel und in die palästinensischen Gebiete gereist. Dort erzählt ihm jemand vom Oppenheim-Plan. Freiherr Max von Oppenheim gründete im Ersten Weltkrieg beim Auswärtigen Amt in Berlin eine „Nachrichtenstelle für den Orient“. Die Idee: Revolten der Muslime in den Kolonien der Feinde provozieren.

Jakob Hein sagt: „Da wollte ich eine Geschichte finden, die genau das erzählt und bin Schritt für Schritt zu der wahren Geschichte gekommen, wie der Edgar Stern Muslime von Berlin nach Konstantinopel bringt.“

Hein recherchiert los. Irgendwann hört er von einem anderen neuen Roman. „Risiko“ von Steffen Kopetzky. Über eine deutsche Geheimexpedition. Für den Dshihad. Mehr als 700 Seiten. „Um Gottes Willen!“, Hein spielt den Schock nach. „Steffen Kopetzky! Der immer so super recherchiert, mit epischem Panorama!“ Er besorgt sich den Roman, legt ihn beiseite, schreibt sein Buch. Liest dann „Risiko“. Erleichterung. Kopetzkys Roman führt zum Hindukusch. Nicht zum Bosporus.
Hein erzählt seine Geschichte aus vielen Perspektiven. Eine davon ist die von Tassaout aus dem Dorf in Marokko. Ein muslimischer Berber mit syrischen Wurzeln. Im Atlasgebirge rekrutieren die Franzosen rabiat Soldaten. Zum Beispiel beim Berbervolk der Ait Attik. Entweder 50 Mann. Oder das Dorf brennt.

Bald finden sich die Zwangsrekrutierten in französischen Uniformen an der Front wieder. Dann in deutscher Kriegsgefangenschaft. Sitzen im „Halbmondlager“ in Wünsdorf ein. Kriegen regelmäßig Kaffee, Tabak, einen Hammel. Und machen Kremserfahrten. Das deutsche Reich wollte seine heiligen Krieger bei Laune halten. „Dort entstand die erste als Gotteshaus geweihte Moschee auf deutschem Boden“, erzählt Hein. „Die wurde binnen fünf Wochen von einer jüdischen Tischlerei aus Charlottenburg aufgebaut.“

Wie überhaupt viele aktuelle Diskurse im Roman widerhallen: Glaubensfragen, Antisemitismus, Flucht, Waffen für die Türkei. Der Genozid an den Armeniern – den der preußische Feldmarschall Bronsart von Schellendorf im osmanischen Generalstaab mitorganisierte. „Wenn heute von einigen immer gesagt wird, wir könnten nicht mehr so weitermachen, müssten zurück zu …“, sagt Jakob Hein. „Ja, zurück wohin eigentlich?“

Das Buch ist, anders als bei Kopetzky, kein 720-Seiten-Brecher. Hein schreibt hier sehr verdichtet. „Das kommt, glaube ich, vom Arztberuf“, sagt er. „Du gewöhnst dich daran, die Briefe kurz und präzise zu schreiben. Statt fünf Sätzen nur einen Satz. Da ist die Versuchung, noch ein bisschen Laber-Rhabarber zu machen, gleich Null.“
Nach knapp 260 Seiten ist alles gesagt. Die ganze irre Geschichte.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern von Jakob Hein, Galiani Berlin, 256 S., 18 € (ab 15.2.)

BUCHPREMIERE: Archenhold-Sternwarte im Treptower Park, Do 15.2., 19 Uhr, mit Vorführung des Sternenhimmels über Istanbul, Eintritt 6, erm. 3 €

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]