Kino & Film in Berlin

Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2010

Visitenkarte für den Tatort und Wege aus der Realismusfalle: Die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2010.

Verführung hört sich wohl anders an: „Die Haushaltshilfe“ oder „Alle meine Väter“ heißen die Filme der diesjährigen Perspektive deutsches Kino, „Narben im Beton“ oder auch lapidar „Portraits deutscher Alkoholiker“. Doch die Schlichtheit der Titel ist trügerisch, denn ein Großteil dieser Filme wird umgetrieben von komplexen Fragen nach dem epistemischen Status des Mediums, sie arbeiten sich ab am Versprechen eines privilegierten Welt- und Selbstverständnisses. Ganz nah ran an die Realität wollen die größtenteils jungen Filmemacher und sind sich zugleich der Realismusfalle bewusst, des schmalen Grats der Wahrhaftigkeit zwischen Verdopplung und Illusion.
Zwei Spielfilme machen gleich das Filmemachen zum Thema. RP Kahl, mit „99 Euro Films“ schon bei der ersten Perspektive-Reihe im Jahre 2001 dabei, inszeniert in „Bedways“ die intime Arbeit einer Regisseurin und zweier Schauspieler an einem Filmprojekt als Versuchsanordnung über Voyeurismus und Begehren, über den Tauschwert von Sex und den Preis der Bilder davon, wie dieser sich in eine Ware verwandelt und auch wieder zurück. Der junge Autodidakt Sergej Moya begibt sich mit seinem kurzen Spielfilm „Hollywood Drama“ ganz in die Höhle des Löwen und zeigt das Filmgeschäft als harte Arbeit am Schein. Mit dem glamourösen Schein als Abglanz beschäftigt sich auch „WAGs“ von Joachim Dollhopf & Evi Goldbrunner, mit den „Wives and Girlfriends“ von Profifußballern und den Deformationen, die der schillernde Wanderzirkus der Zeitverträge auch den indirekt Betroffenen abverlangt.
Zwei Drittel der Arbeiten stammen von Hochschulen, was einerseits in der gelegentlichen handwerklichen Holprigkeit und unsicheren Erzählökonomie spürbar wird, andererseits aber in einer Freiheit des Blicks, der in der Industrie schnell von Routine verstellt wird. So liegt der Reiz von Mariejosephin Schneiders „Jessi“ in der ungeschützten Annäherung an den (nicht mehr ganz) kindlichen Blick der Protagonistin, deren Welt zerrissen ist zwischen der Mutter im Knast und der heilen Bildungsbürgerwelt der Pflegefamilie. Auch Juliane Engelmanns „Narben im Beton“ berichtet von der Bedrohung der Kindheit in urbanen Krisengebieten, erzählt konzentriert und geradlinig die Horrormeldung vom Neugeborenen im Hausmüll als Geschichte von der letzten Chance.

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