Polnische Kulturszene

Die polnische Kunst und Kultur in Berlin

„Wir werden ­selbstbewusster“- Zeitgenössische Kunst in Mitte, Diskurs in Neukölln und ­Design in ­Prenzlauer Berg:
Die polnische Kunst und Kultur in Berlin ist vielfältig und oft auch überraschend.

Buchbund Berlin
Foto: F.Anthea Schaap

25 Jahre Nachbarschaftsvertrag Polen-Deutschland und 25 Jahre Städtepartnerschaft Berlin-Warschau bedeuten nicht nur Händeschütteln der jeweiligen Staatschefs, das bedeutet ganz konkret 25 Jahre Begegnungen und Zusammenarbeit auf fast allen kulturellen Ebenen. Außerdem einen zwischenmenschlichen Austausch, wie er so intensiv wohl nur vergleichbar ist mit dem deutsch-französischen Freundschaftsprojekt der Nachkriegszeit.
Deutsch-polnische Künstlerinnen wie die 34-jährige Maria Kossak sehen diese Entwicklung durch die aktuelle antieuropäische und nationalkonservative Kulturpolitik der neuen Regierung Polens akut gefährdet: „Das deutsch-polnische Verhältnis  ist einfach  zu wichtig“, sagt Maria Kossak.
Zurzeit arbeitet sie am Aufbau der von der Stadt Warschau finanzierten Internetplattform „Berlin-Warszawa @rtpress“. „Auf dieser Plattform wollen wir zeigen, was an konstruktiven Impulsen und Graswurzel-Initiativen  zwischen Berlin und Warschau im Bereich Kultur passiert.“

Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass die Eingriffe der PiS-Partei in Recht und Gesetz auf dieser neuen Plattform, oder bei anderen exilpolnischen Initiativen wie „Zwischen den Polen“ oder dem Kulturverein „agitPolska“ besonders viel Zuspruch bekommen werden. Das Entsetzen über die Entwicklung im Heimatland ist zumindest bei jungen Polen wie Maria Kossak dann doch zu groß: „Meine
Eltern sind 1984 nach Westberlin gegangen, um in einem freieren Land zu leben. Ich glaube, das ist der Grund, warum sich viele Polen meiner Generation jetzt so engagieren.“
Wie repressiv genau diese Zeiten in Polen waren, lässt sich im Moment in Berlin gut nachverfolgen. In der von den Polinnen Monika Branicka und Asia Żak Persons geführten Galerie Żak/Branicka wird zurzeit die Arbeit des Künstlerduos KwieKulik unter dem Titel „Das Denkmal ohne Pass“ dokumentiert. Dem Paar, dessen avantgardistisches Werk im Nachkriegspolen als bahnbrechend galt und das auch im Ausland Anerkennung fand, wurde vorgeworfen, nationale Symbole
Polens beschmutzt zu haben. Man entzog den beiden 1978 die Reiseerlaubnis und stellte sie künstlerisch kalt. Die Galerie nennt diese Ausstellung explizit „zeitlos und aktuell“, und das ist sie auch, nicht nur für die heutige Künstlergeneration aus Polen.
Die trifft sich im Moment aber nicht nur in zeitgenössischen Galerien, sondern noch öfter im Buchbund. Einer sehr gut sortierten deutsch-polnischen Buchhandlung in Neukölln, die für die Identität der intellektuellen Berliner Polen gerade eine ähnlich große Bedeutung bekommt wie der bereits 2001 eröffnete Club der polnischen Versager oder das vom polnischen Außenministerium finanzierte Polnische Kulturinstitut.
Im Buchbund lesen und diskutieren Schriftstellerinnen wie Magdalena Parys, die in Berlin lebt, aber auf polnisch schreibt, und die für ihren Roman „Magik“ 2015 den Literaturpreis der Europäischen Union bekam. Ebenso wie Dorota Danielewicz, sie kam 1981 nach Berlin und setzt sich in ihrem 2014 erschienen Buch „Auf der Suche nach der Seele Berlins“ aus polnischer Perspektive mit der Stadt auseinander.

„Im Buchbund schlägt gerade das Herz der polnischen Community“, sagt Maria Kossak. Auch die Formulierung „alternatives Kulturinstitut“ macht die Runde.  Dafür stehen etwa die Diskussionsreihen, die dort das Magazin „Dialog“ veranstaltet. Seit 1987 bietet es von Berlin aus ein publizistisches Forum für den Dialog zwischen Deutschland und Polen.
Marcin Piekoszewski, der den Buchbund in dem Ladenlokal in der Sanderstraße mit seiner deutschen Frau Nina Müller führt und auch in Polen als das aktuelle Gesicht der Berliner Opposition wahrgenommen wird, formuliert vorsichtiger: „Wir diskutieren hier viel, über Polen, über Deutschland und immer wieder über Europa.“
Denn das polnische Berlin ist keine Insel, sondern eher eine Schaltzentrale. Die weltweit angesehene polnische Plakatkunst fand eine Heimat in der Pigasus Polish Poster Gallery (Danziger Str. 52, Prenzlauer Berg). Am 21. Juli eröffnet in der Deutsche Bank Kunsthalle die Gruppenausstellung „Common Affairs“  mit herausragenden Positionen zeitgenössischer polnischer Kunst. Und die einflussreiche Warschauer Kuratorin Anda Rottenberg ist auch immer wieder in Berlin aktiv. Gerade hat sie dem 94-jährigen Lodzer Maler Stanisław Fijałkowski zu einer berührenden ersten Einzelausstellung in der Galerie Isabella Czarnowska verholfen

Foto: Zajaczkowski Photography

Maria Kossak diskutiert auch viel über Europa und Identität, und für sie ist die Sache entschieden: „Ich bin Europäerin. Ich muss nicht mehr entweder deutsch oder polnisch sein.  Wir werden selbstbewusster, weil wir Europäerinnen sein können.“
Eine ebenso selbstbewusste Europäerin ist die gleichaltrige Aleksandra Kozłowska vom polnischen Designshop No Wódka Art & Design (Pappelalle 10, Prenzlauer Berg). Die Filmwissenschaftlerin ist mit 19 Jahren aus Stettin nach Berlin gekommen, hat hier studiert und in Italien gelebt und nähert sich über Umwege ihrem Heimatland wieder an. „Ich stelle mir in dem Laden mein Polen zusammen.“ An den Wänden hängt aktuelle Fotokunst aus Polen, die Inneneinrichtung ist ebenso schlicht und klar wie die meisten Designstücke. Alles im No Wódka, von den Möbeln über Porzellan bis zur Bettwäsche, ist in Polen gestaltet und hergestellt worden, außerdem verkauft sie die formschönen Schreibtische des in Berlin lebenden Posener Designers Mariusz Malecki vom Studio Ziben.
An erstaunte Kunden hat sie sich gewöhnt: „Die Hocker ‚Plopp‘ des Designers Oskar Zięta sind mehrfach ausgezeichnet und bekannt. Nur glauben die meisten Kunden, dass es skandinavisches Design ist und sind dann entsprechend verblüfft.“ Persönlich nimmt sie das nicht: „Darum geht es mir ja, zu zeigen, was heute aus Polen kommt.“ Und Polen entdecken oder sich gar von Polen überraschen lassen, kann man in Berlin auf vielen Ebenen ziemlich gut.

Weitere Informationen

Polnisches Institut Berlin

Buchhandlung Buchbund

Club der Polnischen Versager

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