Musik & Party in Berlin

Die Raw-Chicks-Partys im R19

Von rauen Frauen: Die monatlichen Partys verschreiben sich experimenteller elektronischer Musik, DJ-Sets und Visuals ganz aus weiblichen Händen.

Raw Chicks

Wenn die Raw Chicks die Türen im R19-Club öffnen, stehen auf dem Billing der Nacht Namen wie Somaphon, Kyoka, Em Pathie und Lee-Pling. Den DJs ist gemeinsam, dass sie sich für kantige und experimentelle Ausleger von Techno begeistern. Außerdem sind sie alle weiblich. Die Idee dazu, eine regelmäßige Partynacht in die Hände weiblicher DJs zu legen, hatten Beate Kunath und Elйonore Roedel, als sie in den Clubnächten des RAW-Tempel in der Revaler Straße 99 aushalfen. Beide Frauen sind begeisterte Clubgängerinnen und Konzertfans und immer wieder fiel ihnen auf, dass sich am DJ-Pult wie auf der Tanzfläche selten Frauen blicken lassen.
Die RAW-Macher ermunterten das Duo daraufhin, ihr eigenes Konzept einer weiblich geleiteten Clubnacht umzusetzen. Raw Chicks heißt die Reihe nun gemäß der Geburtsstätte auf dem ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk in Friedrichshain. Dass die Reihe inzwischen ihre Zelte im unweit gelegenen Club R19 – dem früheren „What You See Is What You Get“ (WYSIWYG) – aufgeschlagen hat, einmal im Monat mittwochs, lag daran, dass die neue Location etwas beschaulicher ist als der weitläufige Tempel-Club. Das erschien den Macherinnen für den Anfang stimmiger, hinzu kommt die hochwertige Sound-Anlage des neu bzw. wieder eröffneten Clubs – und um Musik drehen sich die Raw-Chicks-Partys in erster Linie. „Im Zen­trum steht immer der jeweilige Live-Act“, sagt Kunath. Bei der nächsten Ausgabe gibt Antonella Pintus – Künstlername: Anna Bolena – ein Heimspiel. Die italienische Musikproduzentin, Autorin und Labelmacherin tauschte ihre Heimat 2004 gegen Berlin ein. Mit ihrem trockenen Industrial-Sound zählt sie zu den Mitgründerinnen der – ebenfalls aus Italien importierten – Homopatik-Partys im ://about blank.
Raw ChicksDie Auswahl von DJ, Live-Act und VJ treffen Kunath und Roedel ohne Bindung an eine Booking-Agentur, sondern aus dem Bauch heraus: „Wir hören uns durch Soundcloud-Profile oder fragen unsere Lieblings-Acts an, die wir selbst schon live erlebt haben und toll finden“, so Kunath. Dass sich eines Tages auch Quotenmänner unter den Acts finden, schließt Kunath nicht aus. Offenheit ist selbstverständlich, doch zunächst soll sich die Marke mit der Betonung auf weibliche Künstlerinnen etablieren. Mangel an spannenden Musikerinnen und DJs herrscht keiner. „Die nächsten drei Monate ist unser Programm voll“, sagt sie und schwärmt von Berlin als Magnet für Künstlerinnen aus aller Welt. So international sich das bisherige Billing der Raw-Chicks-Nächte liest – ob die Japanerin Kyoka, die Spanierin Silnaye oder Anna Molina –, sind die meisten doch in Berlin zu Hause. Aus aller Welt stammen auch die VJs, die Kunath und Roedel genauso sorgfältig buchen wie die musikalischen Acts. Oft steuert Kunath unter dem Namen [bi:kei] selbst die Visuals bei. Dazu muss man wissen, dass die Partymacherinnen von Hause aus im visuellen Bereich tätig sind. Roedel ist Profi-Illustratorin, Kunath ist Filmemacherin, die noch heute in ihrer Heimatstadt Chemnitz die lokale Filmwerkstatt betreut und dort jahrelang das lesbisch-schwule Filmfestival kuratierte. Rund 20 Kurzfilme hat sie schon gedreht, darunter die Doku „Forbidden Fruit“, die von der gefahrvollen Liebe zwischen zwei Frauen in Zimbabwe erzählt. Kunath wurde dafür auf der Berlinale 2001 mit dem Teddy-Award der Kurzfilmsparte ausgezeichnet. Im Internet hat sie nun kurze Clips der Raw-Chicks-Partys eingestellt. In einem Clip sieht man DJ Em Pathie fröhlich zwischen ihren Mixing-Desks umhertänzeln und Knöpfchen drehen (siehe unten). „Ist ein bisschen wie beim Kochen“, sagt sie augenzwinkernd in die Kamera und rührt versiert die nächste Beat-Zutat in den Mix.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Beate Kunath

Raw Chicks mit Anna Bolena + DJs Lee-Pling, Karina Qanir, R19, Revaler Straße 19, Berlin-Friedrichshain, Mi 19.6., 21 Uhr, AK: 6 Euro

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