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"Die Saturiertheit muss Terror gewesen sein" – Interview mit Armin Petras

"Die Saturiertheit muss Terror gewesen sein" - Interview mit Armin Petras

Armin Petras ?alias Fritz Kater: Der Regisseur, Jahrgang 1964, studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Seit 1992 Inszenierungen an zahlreichen deutschen Theatern, u. a. am Schauspiel Hannover, an der Volksbühne Berlin, am Thalia Theater Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. 2006 bis 2013 Intendant am Maxim Gorki Theater. Seit 2013 Intendant am Schauspiel Stuttgart.
?Unter dem Pseudonym Fritz Kater verfasste Armin Petras Theaterstücke. Die Zeitschrift "Theater heute" wählte Fritz Kater für die Stücke "zeit zu lieben zeit zu sterben" (2003) und "WE ARE CAMERA/ jasonmaterial" (2004) zum Dramatiker des Jahres. Beide Inszenierungen von Armin Petras wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Zuletzt inszenierte er an der Schaubühne "Der geteilte Himmel".

tip Herr Petras, Sie sind Jahrgang 1964 und in der DDR aufgewachsen. Wie fremd oder vertraut ist Ihnen die alte  Bundesrepublik, von der Frank Witzel in seinem Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" erzählt?
Armin Petras Das ist ein absolut fremdes Land. Die Schauspieler erklären mir auf den Proben, was Witzel da erzählt, weil ich selbst so wenig Anknüpfungspunkte habe. Ich glaube, dass ich ein absolut texttreuer Regisseur bin, auch wenn da einige Leute anderer Ansicht sind. Ich versuche, die Texte möglichst genau zu erkunden, um sie dann zu zerstören. "Search and Destroy", wie Henry Rollins gesagt hat. Diese Bundesrepublik, von der ?Witzel erzählt, kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wie da eine Kindheit in der Provinz aussah. Das ist wie ein Gegenmodell zu meiner Kindheit und Sozialisierung in der DDR. Das ist erstmal interessant. Ich will verstehen, wie groß der Umbruch 1989 für Westdeutsche gewesen sein muss. Das seltsame ist, dass mir diese alte Bundesrepublik zwar fremd ist, aber auf eine andere Weise fremd, als wenn ich zum Beispiel eine Geschichte aus Frankreich oder Japan aus dieser Zeit lese. Wenn ich in Witzels Buch etwas vom Innenleben dieser Bundesrepublik erfahre, changiert das für mich zwischen Erfahrung und Nicht-Erfahrung, wie ein Wackelbild.

tip Was ist das für ein Land, die Bundesrepublik 1969?
Armin Petras Ein erstaunliches Land, in dem es ganz viele Sicherheiten gab, die man heute vermutlich stark vermisst. Aber in ihrer unglaublichen Saturiertheit müssen diese Verhältnisse für die damalige Jugend, oder zumindest für Teile dieser Jugend, auch echter Terror gewesen sein. Beim Lesen wirkt diese Bundesrepublik von damals auf mich wahnsinnig anstrengend und traurig. Ich war heilfroh, dass ich in der DDR aufgewachsen bin und eine Ostberliner Punk-Jugend hatte. Ich musste oder konnte gegen etwas Härteres rebellieren als Witzels jugendliche Romanfiguren.

tip Sie sind nicht im Ernst dankbar für die ­Stasi und die Mauer?
Armin Petras Ich bin dankbar dafür, dass ich seit früher Jugend gar keine andere Wahl hatte als mich mit meiner Umgebung und den Verhältnissen, in denen ich lebe, auseinanderzusetzen.

tip Witzels 800-Seiten-Roman erzählt nicht linear, er springt assoziativ zwischen den Zeit- und Erzählebenen, zwischen RAF, Provinz-Pubertät, Katholizismus, Psychiatrie, Beatles… Selbst Ihre stark assoziativ geöffneten Theater-Inszenierungen wirken fast harmlos neben Witzels wild wuchernder Prosa-Collage. Liegt gerade darin ein Reiz?
Armin Petras Vor etwa einem Jahr habe ich Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" an der Schaubühne inszeniert. Damals habe ich gesagt: Das wird die sanfteste, vorsichtigste, leiseste Inszenierung, die ich je gemacht habe. Das jetzt wird das genaue Gegenteil: unfassbarer Trash, akkustisch und stressmäßig kaum auszuhalten, eine Zumutung, böse und überbordend. Das ist ein Versuch, diesem Werk gerecht zu werden. Frank ?Witzel hat ein großartig ausuferndes Buch geschrieben, ein postmodernes Kunstwerk. Der Roman ist eine absolute Überforderung. Das ist gerade in seinen Überlängen und Abzweigungen phantastisch geschrieben. Dafür muss man eine Entsprechung finden, möglichst genau so fordend und maßlos.

tip Wie sind Sie auf Witzels Roman gestoßen?
Armin Petras Aus Zufall, lange bevor er mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und diesen großen Erfolg hatte. Wir haben im letzen Sommer am Schauspiel Stuttgart ein Festival gemacht, das hieß "Terrorisms", es ging um verschieden Sorten von Terror. Da hat ein Dramaturg dieses Buch angeschleppt und wir haben Frank Witzel eingeladen, etwas daraus vorzulesen.

tip Ist es ein Buch über die RAF und den alten, linksradikalen Terrorismus?
Armin Petras Die RAF selbst kommt nur in einer Szene vor, in der eine frühere Terroristin erzählt, wie es in dieser Zeit war. Das ist kein Buch über die RAF, sondern über eine Pubertät Ende der Sechziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Aber weil es das ist, ist es auch ein Buch über den Kontext der RAF, über die Zeit, in der die RAF entstehen konnte

tip Zwischen der jugendlichen Hauptfigur und Frank Witzels eigener Biografie gibt es deutliche Parallelen, ähnlich wie in einigen Theaterstücken Ihres Freundes Fritz Kater, dessen Stücke Sie regelmäßig inszenieren. Zu diesem Spiel mit der Fiktion des Authentischen schreibt die FAZ in ihrer Rezension zu Witzels Roman: "Dass es sich beim Erzähler um ein Alter Ego von Frank Witzel handelt, ist offensichtlich, aber vor eine zu große Nähe hat der Autor viele ironische Riegel geschoben. Immer wenn eine Stimme im Roman behauptet, jetzt würde es besonders authentisch oder autobiographisch, zieht uns der Erzähler den Boden unter den Füßen weg und stiftet mit seinen Erklärungen stattdessen Verwirrung." Kommt Ihnen das als Erzählstrategie bekannt vor?
Armin Petras Das klingt sehr vertraut. Ich kann nur sagen, dass mir Frank Witzel extrem sympathisch ist. Er ist zehn Jahre älter als ich. Ich hatte sofort das Gefühl, dass mein älterer Bruder da sitzt – derselbe Humor, dieselbe Melancholie, dieselbe Lust aufs Leben, dieselbe Trauer. Frank Witzel ist jetzt 60, er hat seit seinem 45. Lebensjahr an diesem Roman geschrieben, ohne zu wissen, ob irgendjemand das je veröffentlichen will. Er hat mir erzählt, dass er im Jahr 2015 von Januar bis April insgesamt  5.100 Euro verdient hat, das ist nicht gerade viel für vier Monate. Ich kann mir etwa vorstellen, was er in den letzten 15 Jahren verdient hat. Es ist ein ganz großes Glück, dass dieser Roman völlig zurecht so erfolgreich geworden ist, das gibt es nicht so oft. Ich bin dankbar dafür, dass ich ihn lesen konnte.

Interview:
Peter Laudenbach

Foto: Arthur Zalewski

Schaubühne Sa 9.4., 20 Uhr, Mo 11., Di 12.4., 20.30 Uhr, Karten-Tel.: 890023, 7–48 Euro

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