Videokunst

Die Schönheit des Absurden: Bani Abidi im Neuen Berliner Kunstverein

Bani Abidi ist eine der international bekanntesten pakistanischen Künstlerinnen und lebt in Berlin sowie Karatschi. Ihr Thema: die Konstruktion von Geschichte und nationaler Identität

Bani Abidi, 2016

Bani Abidi ist eine lustige Frau. Selbstsicher aber langsam, sie hat sich ein paar Tage zuvor den Fuß gebrochen, läuft die pakistanische Künstlerin durch die hellen ruhigen Räumen des Neuen Berliner Kunstvereins in Mitte. Sie erzählt: „Ich hatte ein komisches Wochenende. Ich habe die ganze Zeit so tun wollen, als ob mein Fuß in Ordnung wäre! Das hat natürlich nicht wirklich funktioniert“. Abidi nutzt Video und Fotografie, um – oft durch humorvolle und absurde Zugänge – Stellung zu politischen und kulturellen Themen zu beziehen. Ihre Arbeiten wurden seit 2005 in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, bei der Berlin Biennale, im Guggenheim Museum in New York, bei der Documenta 13. Im Neuen Berliner Kunstverein zeigt Abidi nun ihre Videoarbeit „An Unforeseen Situation“.

Ihre Videos produziert sie in Karatschi, wo sie 1971 geboren wurde. Dort verbringt sie im Winter und im Sommer ein paar Monate, ansonsten wohnt sie in Berlin. Sie sieht sich aber nicht als Diaspora-Künstlerin, „die nichts von ihrem Heimatland hören will“, erklärt sie. Denn sie spricht und chattet häufig mit ihren Kollegen aus Pakistan. In ihren Videos beschäftigt sich Bani Abidi oft mit der schwierigen Geschichte des Subkontinents. Die Beziehung zwischen Pakistan und Indien interessiert sie besonders.
Ihre Eltern sind in Indien geboren, wurden aber nach der Teilung des Landes im Jahre 1947 automatisch zu ­Pakistanern. „Es ist interessant: ich bin, historisch gesehen, auch aus Indien, aber politisch gesehen nicht mehr“, erzählt Abidi. „Wir Pakistaner haben mit den Indern sehr vieles gemeinsam: das Essen, die Sorge um die Sicherheit in unserem Land… Aber es gibt zwischen uns sehr viel Wettbewerb, wir vergleichen uns ständig miteinander.“ Sie lacht. Als sie in Chicago studierte, lernte sie viele Inder kennen: „Ich habe endlich die andere Seite kennengelernt, was viele Pakistaner nicht tun“. Die Künstlerin war sogar mit einem Inder verheiratet. „Es war kompliziert, als indisch-pakistanisches Paar in einem unserer Heimatländer zu leben, es war für uns einfacher in einem dritten Land“, sagt sie. Also zogen sie nach Berlin, wo Abidi 2011 eine Künstlerinnenresidenz des DAAD hatte.
Abidis Vorbilder verraten ihre Vorliebe für Humor: Die Künstlerin liebt Filme des Franzosen Jacques Tati und des Israelis Elia Suleiman. „In Pakistan gibt es eine Kultur der Dysfunktionalität. Es ist ein sehr guter Raum für Kreativität und Humor!“ Mit strahlendem Gesicht erzählt sie von Menschen, die in Karatschi öffentliche Busse anstreichen und dabei ihre eigenen Gedichte auf den Bus schreiben. Sie findet, dass man mit Humor über ernste Themen reden kann.

Das merkt man auch ihrem neuen Video an, „An Unforeseen Situation“. Darin bezieht sich Abidi auf eine Reihe von staatlich inszenierten Wettkämpfen, veranstaltet vom Ministerium für Sport in der pakistanischen Region Punjab im Jahr 2014. Berichten zufolge brach Pakistan während dieser Massenveranstaltungen mehrere Weltrekorde. Bani Abidi nimmt dies zum Anlass, ihre eigene Version eines solchen Ereignisses zu erzählen: ein gescheiterter Wettbewerb um das größte Massensingen der Nationalhymne. Sie entlarvt so die Absurdität derartiger Interaktionen zwischen staatlicher Inszenierung und ziviler Performance. „Ich interessiere mich für Tollpatschigkeit, für die Art und Weise, wie Menschen versuchen, eine Identität zu finden. In Pakistan ist das manchmal sehr lustig!“, erzählt sie begeistert. „Dort gibt es Menschen, die versuchen so schnell wie möglich Nüsse mit ihrer Stirn zu zerdrücken und dadurch in das Guinness-Buch der Weltrekorde einzugehen“.

Mit ihrer Arbeit möchte sie die „Krise des nationalen Stolzes“ reflektieren. Die Künstlerin ist gespannt auf die Reaktion des Berliner Publikums auf ihr Video: „In ­Pakistan verstehen die Menschen meinen Humor sofort. Woanders kommen vielleicht andere Dinge an – und genau das finde ich sehr spannend“. Eine Gelegenheit für den Berliner Humor, sich zu beweisen.

Bani Abidi: An Unforeseen Situation Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Di–Fr 12–18 Uhr, Do 12–22 Uhr,
Mitte, bis 30.4., Eintritt frei

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