Die Sex-Profis: Tantra, Sexological Bodywork und mehr

Die Sex-Profis: Tantra, Sexological Bodywork und mehr

Eine wachsende Zahl von Coaches agiert in Berlin zwischen Tantra und Sexological Bodywork.
Wir haben nachgeforscht, wie sie das Sexleben der Hauptstädter verbessern wollen

Foto: F. Anthea Schaap

Der nächste Griff heißt ‚Shivas Entzücken‘, der ist richtig toll“, tönt die Stimme von Workshop-Leiterin Iva Samina durch den Raum. Der Blick der 15 Frauen, die auf Yogakissen im Kreis sitzen, wandert auf ­einen Zettel vor ihren Knien. Der erklärt, wie „Shivas Entzücken“ funktioniert: Der Daumen soll langsam um das Frenulum, die kleine Hautfalte am Penis zwischen Eichel und Vorhaut, kreisen. 15 Daumen massieren hartes Holz, denn der Penis wird an diesem Abend durch einen Holzdildo ersetzt. Das versprüht nur wenig Erotik, genau wie der Titel des Workshops, dem Samina und ihre Kollegin Britta Kunze den soliden Namen „Handarbeit“ verpasst haben. Konkret heißt das: Penismassage.

Laut Homepage soll der Kurs „mehr ­Sicherheit im sexuellen Kontakt mit Männern“ und das Erlernen „einfacher Handgriffe“ am nicht-menschlichen Modell vermitteln. Dass das Ganze ähnlich unaufgeregt abläuft wie ein Sprach- oder Kochkurs, ist gewollt. In der ersten Stunde hat sogar der Dildo Pause, denn da wird nur geredet. Auf die Aufforderung von Samina, Begriffe für das männliche Geschlechtsteil aufzuschreiben, folgt ein Diskurs über die Rolle von Schwanz, Pimmel oder Lustpalme. Dann eine Körperübung am eigenen Unterarm. Was ist angenehmer: schnelles, kräftiges Reiben, so wie man es von einem zackigen Handjob beim Mann kennt? Oder intuitive, bewusste ­Berührungen? Ziel der Übung: eigene Muster zu hinterfragen, etwa, das Geschlechtsteil nur als reines Sexwerkzeug wahrzunehmen. Stattdessen soll echte Neugier auf den Körper des anderen geweckt werden, abseits von Orgasmus-Fixiertheit, sagt Britta Kunze. Erst in der Theorie, dann bei lustvollen Momenten – daheim, im eigenen Bett. So der Plan. Dafür zahlen die Teilnehmerinnen in dem „Handarbeits“-Workshop jeweils 30 Euro.

Eine Gruppe von Frauen – zwischen 20 und Mitte 40, alle, wie sie sagen, sexuell aktiv, manche mit, manche ohne Partner – sinniert über ihre Sexualität und übt gemeinsam eine Schwanzmassage. Abwegig? Nicht wirklich. Sind Sex, Lust und Liebe doch längst zum ­öffentlichen Dauerthema geworden. In unzähligen Podcasts, TV-Shows und Online-Clips erzählen Durchschnittsmenschen sowie selbsternannte Experten von ihren One-Night-Stands, Sexpannen oder dem Gebrauch von Liebesspielzeug. Jeder kann außerdem jederzeit Pornos konsumieren und mit einem Wisch auf der Dating-App die nächste schnelle Nummer klarmachen. Und auch abseits der virtuellen Welt regiert das Thema Lust. Berlin setzt hier seit Jahren Maßstäbe: In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele sexpositive Events und Partys, auf denen sich Menschen erotisch ausleben können. In von der SM-Szene inspirierter Fetischkleidung wird zu Techno getanzt und gevögelt, es gibt Porno-Screenings in Bars, Burlesque-Shows, immer wieder nackte Körper.

Sex-Techniken Zum Abrufen?

Experimentieren, den eigenen Horizont ­erweitern, auch sexuell, das scheint für viele Großstädter inzwischen zum Lifestyle zu gehören. Ein Abend mit zwei Sex-Expertinnen und einer Armada Holzdildos wirkt da wie eine charmante, spielerische Option, genau das zu tun – ohne sich zwangsläufig ins Nachtleben stürzen zu müssen. „Ich möchte etwas Neues ausprobieren“, heißt es sinngemäß von gleich mehreren der Workshop-Teilnehmerinnen auf die Frage nach ihrer Motivation.

Foto: F. Anthea Schaap

Doch in weiteren Fragerunden zeigt sich: Ganz so einfach und spielerisch ist es eben doch nicht, das Thema Lust. Viele Frauen ­offenbaren eine ganze Reihe Unsicherheiten. „Ich habe letztens einen Mann kennengelernt. Wir landeten im Bett, machten rum – aber dann ist er superschnell gekommen, ohne, dass ich selbst auch nur ansatzweise befriedigt war“, erzählt Sarah*, eine junge Frau mit Locken. „Er wusste offenbar nicht, wie er damit umgehen soll und hat dann einfach gar nichts mehr gemacht. Und ich wusste nicht, wie ich es ansprechen soll, dass das jetzt auch für mich total unangenehm ist.“ Elli*, 34, eine weitere Teilnehmerin, sagt: „Der rein narzisstische Gedanke, an meinen eigenen Fähigkeiten als Liebhaberin zu ­feilen, schwang am Anfang auf jeden Fall mit. So nach dem Motto: Wenn ich im Bett mal nicht weiter weiß, bekomme ich hier ein paar Techniken an die Hand, die ich abrufen kann. Es geht in unserer Gesellschaft doch immer auch um Selbstoptimierung, ob im Job, beim Sport oder in der Beziehung.“

Sex-Theorien – und echter Sex, dazwischen können Welten liegen. So prasseln alleine aus den Medien, den Pornos unter anderem, die wildesten Eindrücke auf die Menschen ein. Oder man bekommt sie von Freunden, die sich jede Woche neue, aufregende Sex-Dates ins Bett tindern oder von ihren Erfahrungen im Darkroom erzählen. Jeder kann, darf, nein, soll sich rundum ausleben! Tabus? Die Zeiten gelten als vorbei. Denkt man. Dabei kann die eigene Unsicherheit parallel zur Informationsflut rund um die Lust zunehmen: Wie steht es tatsächlich um die eigene Sexualität? Ist sie den hohen – und gleichzeitig völlig diffusen – Ansprüchen ­gewachsen?

„Der Leistungsgedanke spielt heute ­sicherlich auch in der Sexualität eine große Rolle“, weiß Bettina Vibhuti Uzler, Sozial­pädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie Sexual- und Paartherapeutin am Berliner Institut für Beziehungsdynamik in Schöneberg. „Höher, schneller weiter, nie richtig ankommen – dieses Gefühl zeigt sich bei vielen Menschen nicht nur im Job, sondern auch im Privatleben.“ Inzwischen zudem vor einer Drohkulisse. Vibhuti Uzler: „Ich lerne ja durch Tinder und Co., dass ich theoretisch jederzeit austauschbar bin.“
Sexuelle Fortbildung in einem geschützten Rahmen zu betreiben, klingt da durchaus verlockend. Dabei liege der tatsächliche ­Optimierungsbedarf oft abseits von rein ­praxisbetonten Kenntnissen und Kniffen. Das betont jedenfalls Elli, die Teilnehmerin aus dem „Handarbeits“-Kurs. „Eigentlich will ich ja gar nicht dazu übergehen, stumpf irgendwelche Techniken abzurufen. Viel wichtiger ist es doch, im Bett miteinander zu sprechen, in Kontakt zu bleiben.“

Sex-Coaches und Sex-­Mentoren

„Am Ende geht es immer um Beziehungs­fähigkeit. Um Authentizität und Offenheit im Kontakt zum Partner oder zur Partnerin und um eine ehrliche Selbstbeziehung“, bestätigt auch Expertin Vibhuti Uzler. „Beides fehlt oft. Gleichzeitig wird man, gerade in Berlin, mit unglaublich vielen Eindrücken und Informationen zum Thema Lust und Sex konfrontiert. Eine Kombination, die schnell überfordern kann.“ Und es gibt noch ein Problem: Viele Menschen, so Vibhuti Uzler, ­seien einsam, ein Sexpartner sei schlicht nicht verfügbar. Trotz des vermeintlichen Überangebots williger Singles. „Da kann ein Coach ein Gefühl von Nähe vermitteln, die im Privatleben fehlt.“ Wobei am Ende jeder, der sich sexuell weiterbilde, vor der Herausforderung stünde, das Gelernte auch privat anzuwenden. ­Vibhuti Uzler: „Nur, weil es sich mit einem Experten gut angefühlt hat, heißt das nicht, dass es zuhause genauso gut klappt.“

Vor allem in langjährigen Beziehungen ­könne es schwer sein, festgefahrene Strukturen aufzubrechen. „Generell finde ich es aber gut, dass es eine Entwicklung und viele verschiedene ­Angebote gibt, denn sexuelle Probleme werden nach wie vor nicht ausreichend ernst genommen.“

Foto: F. Anthea Schaap

Angebote, seinen Horizont zum Thema Sex zu erweitern, gibt es in Berlin zuhauf. Abseits der klassischen Sexualtherapie erweisen sich ­besonders die unzähligen Tantra-Studios, die mit sinnlichen Massagen werben, als besonders präsent. Daneben gibt es Wochenend-Retreats irgendwo zwischen Körperarbeit und Gruppen-Talk. Oder Online-Lust-Kurse. ­Einige Angebote wie das „Multi-Orgasmus-Training“ von „Mannsvolk – Coaching für Kerle“ sind explizit für Männer. Andere, wie der „Mösenmassage“-Workshop von Sexclusivitäten, sind für Frauen oder Trans-Personen.

In den Sexkursen bekommen sie es mit „Coaches“ oder „Mentorinnen“ beziehungsweise „Mentoren“ zu tun. Das sind keine ­geschützten Begriffe. Weshalb oft das Bauchgefühl entscheiden muss, ob selbsternannte Expert*innen überzeugen können.

Im Unterschied dazu gibt es auch Psychotherapeuten beziehungsweise Psychotherapeutinnen, die sich auf Sexstörungen spezialisiert haben: Diese Titel darf nur tragen, wer ein psychologisches oder medizinisches Studium abgeschlossen und die ­entsprechende Qualifikation erworben hat. Ein weiterer Weg zum Sex-Coach ist eine Heilpraktikerausbildung. Noch relativ neu in Berlin ist „Sexological Bodywork“, kurz SexBod, eine Methode, die ihren Ursprung in Kalifornien hat und die an der Schnittstelle zwischen Körperarbeit, ­Coaching und Sexualtherapie agiert. In den USA ist Sexological Bodywork – im Unterschied zu Deutschland – ein staatlich anerkannter Diplomlehrgang.

Zu den in Berlin rund 20 aktiven SexBod-Coaches gehören auch Iva Samina, 38, und ihre Kollegin Britta Kunze, 36, die meist als Team antreten. Wie viele andere SexBod-Coaches kombinieren sie verschiedene Praktiken und Lehren, um eine möglichst breite Nachfrage zu bedienen. Bei Gruppen-Workshops wie dem „Handarbeits“-Abend verbinden Samina und Kunze Elemente aus SexBod und Tantra. Eine klassische SexBod-Session dagegen findet als Einzel- oder Paarsitzung statt. Manche ihrer Klienten, das erklären die beiden, wollten einfach ihren Körper neu entdecken, besseren Sex haben durch ein größeres Verständnis für die eigene Lust. Andere wollten ihre Hemmungen, über Sex zu reden, überwinden. Oder hätten ­konkrete Probleme wie Schmerzen beim Sex oder Erektionsstörungen.

Eine neue Welt

„Am Anfang muss jeder Klient ein Thema, ein Ziel definieren“, sagt Kunze. „Unsere Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Wir kommunizieren die ganze Zeit. Und gehen gleichzeitig in die Körperarbeit, die die ­Intimzone einbeziehen kann, aber nicht muss.“ Möglich sei ein reines „Bezeugen“, meint: die Coaches beobachten nur, wie der Klient sich oder den Partner anfasst. Und geben Feedback. Manchmal reiche es schon, die Hand aufs Becken zu legen, um Verspannungen zu erkennen. Über eine sanfte Stimulation der Genitalien könne darüber hinaus erkundet werden, was sich gut anfühlt und was nicht. „Im Grunde geht es bei unserer Arbeit um ‚Sexual Empowerment‘, also sexuelle Selbstermächtigung“, sagt Samina.

Vor der beruflichen stand bei beiden die private Auseinandersetzung mit dem Thema. „Früher wollte ich Hebamme werden“, sagt Iva Samina. „Doch ich hatte schon immer eine Wildheit in mir, habe gerne experimentiert, auch sexuell, und ich liebe es, Menschen zu berühren. Irgendwann habe ich Tantra für mich entdeckt, das hat mir eine neue Welt eröffnet.“ Britta Kunze kam auch über eine Tantramassage aus privater Motivation zu der asiatischen Lebensphilosphie. „Und diese neue, intime Auseinandersetzung mit meinem Körper hat mich nicht mehr losgelassen“, erinnert sie sich. Kunze und Samina absolvierten erst eine Ausbildung zur Tantramasseurin, Jahre später einen 450-stündigen Lehrgang zur Sexological Bodyworkerin.

Oft müssten die beiden, sagen sie, da ansetzen, wo nach ihrer Meinung die Erziehung klaffende Lücken hinterlassen habe: Selbst junge, vermeintlich liberale Eltern, so haben Samina und Kunze erfahren, würden das Wort „Sex“ ihren Kindern gegenüber nie in den Mund nehmen. Nacktheit sei in vielen Familien verpönt, Geschlechtsteile würden teilweise auch heute noch verhuscht als „da unten“ bezeichnet. Iva Samina: „Wir mögen zwar vom Prinzip aufgeklärt sein. Aber woran orientieren wir uns, woran orientieren sich unsere Kinder? In der Schule werden rein technische Fakten vermittelt. Parallel haben viele schon vor dem ersten Sex den ersten Porno gesehen.“

Eindringen? Oder nicht?

Im Erwachsenenalter ein paar Nachhilfestunden nehmen, das klingt da durchaus logisch. Kostet aber auch. Für zwei bis zweieinhalb Stunden, die übliche Dauer einer SexBod-Sitzung, müssen zwischen 150 und 220 Euro berappt werden. Wenn dabei auch Hand an die Geschlechtsteile gelegt wird, entsteht eine extrem intime Situation. Die auch gemischte Gefühle auslösen kann.

„Es gab diesen kurzen Moment, in dem ich die Situation ziemlich peinlich fand“, erinnert sich Lizzy*, 45. Aus Neugier hatte sie auf die Rundmail eines „SexBod-Azubis“ geantwortet, in der dieser nach Menschen suchte, mit denen er die Praxisübungen seiner Ausbildung erproben konnte. Was zu folgender Gegebenheit führte: „Ich, nackt auf einer Massageliege, mein Coach, ein junger Typ Mitte 20, hat die Hand auf meinen Schamhügel gelegt und wir atmen gemeinsam sehr geräuschvoll ein und aus“, sagt Lizzy, die sich als sehr experimentierfreudig beschreibt. „Es hat eine Weile ­gedauert, bis ich mich wirklich auf diese Sitzung einlassen konnte.“

Foto: F. Anthea Schaap

„Wir einigten uns auf das Thema ‚Luststeigerung durch Atmung‘“, sagt Lizzy. „Im Vorgespräch erklärte er mir, dass ich durch eine Kombi aus Atem- und Berührungstechniken einen sogenannten ,Big Draw‘, einen trockenen Orgasmus bekommen könne. Dabei soll man kurz vor dem Höhepunkt zehn Sekunden die Luft anhalten und so die Energie im Körper behalten.“ Eine Technik, die auch in manchen Tantrastudios eingesetzt wird. Allerdings wird im Netz vor Risiken gewarnt, die auch Lizzy kennt: „Wird der Kopf knallrot, muss abgebrochen werden, sonst können Blutgefäße platzen. Gute Studios weisen vorab darauf hin.“ Die Sitzung selbst fand in einer Privatwohnung statt. Zuerst wurden, nur kurz, Arme und ­Beine berührt. „Dann kam die Frage, ob er mit dem Finger in mich eindringen und mich leicht stimulieren darf. Ich wusste, dass Atemtechniken luststeigernd wirken können. War aber trotzdem etwas überrascht, dass es tatsächlich geklappt hat. Kurz vor dem Höhepunkt hielt ich die Luft an und spürte ein intensives Kribbeln im ganzen Körper, länger und eher energetisierend als dieser kurze Knalleffekt bei einem normalen Orgasmus.“

Voraussetzung für die erfolgreiche ­Sitzung sei gewesen: Kopf ausschalten. „Erst war da der Gedanke: Diesen Mann hätte ich mir niemals als Sexpartner ausgesucht“, sagt Lizzy. „Aber das war der Knackpunkt, es war kein klassischer Sex, die Sitzung hatte eher technischen Charakter. Wir haben zum Beispiel gemeinsam nach meinem sogenannten G-Punkt gesucht. Er hat entsprechende Schwellkörper ertastet und mir parallel Fragen beantwortet. Das hatte schon eine gewisse Komik, hat mir aber auch viel Neues über meinen eigenen Körper beigebracht.“

Befreite Lust. Mit Grenzen

Werden Intimzonen gegen Bezahlung stimuliert, nennt sich das laut Gesetz Prostitution. Denn unter „Prostitution“ fällt jede „sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt“, wie es im Prostituiertenschutzgesetz heißt. Unabhängig davon, ob der Coach bekleidet ist – wie beim SexBod üblich – oder nicht. Denn auch bei der „klassischen“ Prostitution kann sich die Kundschaft theoretisch Handgriffe zeigen lassen. „Mit Prostitution hat unsere Arbeit aber nichts zu tun“, sagt Mareen Scholl, die seit 2016 in Berlin in SexBod ausbildet.

Mareen Scholl bewegt sich seit vielen ­Jahren in dieser Grauzone. Nach der Uni war sie als Kulturarbeiterin tätig. Ihre sexu­elle ­Experimentierfreude brachte sie in das Umfeld von Schwelle 7, einem Berliner Zentrum für Kunst und Sexualität. Vor seiner Schließung fanden dort Workshops und Performances irgendwo zwischen BDSM – also Sex rund um Dominanz und Unterwerfung – und Selbsterfahrungsgruppen statt. „Mir persönlich ist es egal, wie man mich nennt, als SexBod bin ich solidarisch mit allen Sexarbeiterinnen, die in unserer Gesellschaft auch heute noch stigmatisiert sind. Unsere Arbeit ist aber keine sexuelle Dienstleistung, sondern somatische Sexualbildung, Coaching und Körperarbeit“, sagt Scholl. „Was ich mir wünsche ist, dass unsere Arbeit in ihrer ­Seriosität und Ganzheitlichkeit gesehen wird.“ Auch der Tantramassage-Verband kritisiert, dass der Begriff Prostitu­tion gesetzlich zu breit gefasst sei und fordert ein eigenes Sexualpraktikergesetz für seinen Berufsstand.

Einen weiteren wichtigen Aspekt ihrer ­Arbeit fasst Mareen Scholl unter „Selbstbestimmung“ zusammen. „Bei unseren Sitzungen ist Konsent die Basis, wir fragen zum Beispiel: ‚Darf ich deine Vulva berühren? Wie fühlt sich diese Berührung an, was macht sie mit dir?’“, sagt sie. „Die Klienten lernen dabei nicht nur, Gefühle klar zu benennen, sondern auch, ja oder nein zu sagen.“ Eine Selbstbestimmtheit, die ins Privatleben übertragen werden soll. Ebenso wie eine unverklemmte Sprache. „Ficken“, Schwanz“, „Geilheit“ – sowohl Britta Kunze und Iva Samina als auch Mareen Scholl feiern klare Begrifflichkeiten – als Frauen, die sagen, was ihnen gefällt. Und was nicht. Nicht erst seit der aktuellen #MeToo-Debatte ist bei ihnen „Grenzen setzen“ genauso wichtig, wie Lust zulassen.

Eine befreite Lust, die ethische und moralische Standards erfüllt: Das haben sich auch Gruppen und Bewegungen auf die Fahnen geschrieben, die SexBod, Tantra und Co mit der Berliner Party- und Festivalszene verknüpfen. Etwa Hedoné, ein Künstlerkollektiv, das sich dem „ethischen Hedonismus“ verschrieben hat. In Locations wie dem Holzmarkt wurden in den letzten Jahren etwa „Hedonistische Seminare“ mit luststeigernden Meditationen oder erotischem Yoga veranstaltet. Größer angelegt ist das Hedoné-Festival in Polen. Hier haben auch diesen Sommer hunderte Gleichgesinnte mehrere Tage mit Musik, Performances und Workshops die Lust in all ihren Facetten gefeiert. Wobei zum Programmpunkt „Gruppenorgie“ nur die zugelassen waren, die zuvor eine Lehrstunde absolviert hatten, wie in dem Meer aus Leibern Grenzen gewahrt werden können.

Alternative Lebens- und Lustkonzepte gehören auch zum „Burning Man“, einem riesigen Kunst- und Musikfestival in der Wüste Nevadas. Das Kult-Event hat mittlerweile zahlreiche Ableger, in Berlin gibt es eine wachsende „Burner“-Gemeinschaft, die Festivals wie den „Burning Bär“ organisieren. Die Idee: Alles wird verschenkt. Manche mixen Drinks. Andere verleihen Kostüme. Und wieder andere „verschenken“ eine Bondage-Session oder eine Intimmassage. Ähnlich wie bei den vielen sexpositiven Partys in Berlin bewegt sich die Grundhaltung der Akteure zwischen fröhlichem Hedonismus, Neo-Hippietum und dem politischen Anspruch, Sexualität freier und selbstbestimmter auszuleben.

Foto: F. Anthea Schaap

Leise Musik, ein dezenter Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Zwei Hände verteilen warmes Öl auf nackter Haut. Suriya, 65, die bürgerlich Marita Szczepanska heißt, ist nackt und streichelt, massiert und liebkost intensiv jede Körperstelle ihrer Klientin im Diamond Lotus, einem über 40 Jahre alten Tantrazentrum in Schöneberg. Die Ohren, die Füße, sogar die Wimpern werden berührt. Mal mit den Händen, mal mit Federn oder Tüchern. Irgendwann gleitet eine Hand zwischen die Beine, streicht erst mit langen Bewegungen über die Vulva, dringt schließlich langsam mit dem Finger ein. Bei einer klassischen Massage wäre das ein Tabubruch, im Tantra gehört das Einbeziehen der Geschlechtsteile dazu. Denn auch hier sollen Energiezentren sitzen, Chakren genannt, die bei der Massage aktiviert werden.

Stiller Genuss. Oder Ekstase

„Du kannst das erotisch finden, musst du aber nicht. Und du kannst jederzeit sagen, stopp, das fühlt sich komisch an. Aber auch: Mehr! Mach weiter!“, sagt Suriya. Manche Kunden würden still genießen, andere in Ekstase geraten. „Unsere Lust als Masseur spielt dabei keine Rolle, es ist eine rein gebende Erfahrung“, ergänzt Ludvik Mann, 62, der sich als Saranam vorstellt. Er und Suriya gehören zum Gründungsteam des Studios.

Auch alteingesessene Einrichtungen wie Diamond Lotus profitieren von der vermehrten Suche nach erfülltem Sex: „Es kommen auf jeden Fall mehr junge Klienten als noch vor zehn Jahren. Viele sind experimentierfreudiger als früher“, sagt Suriya. Saranam ergänzt: „Das Massieren ist aber nur ein Teilbereich. Tantra ist, kurz gesagt, eine lächelnde, indische ­Lebensphilosophie, die seelisches und geistiges Erwachen durch sexuelle Prozesse fördert. Es geht ums Fühlen: Wir wollen den Menschen aus dem Denken rausholen, denn Sexualität ist oft total verkopft.“
So soll eine Tantra-Massage nicht nur entspannen, sondern auch dabei helfen, eingeschlafene Libido wieder zu aktivieren. Bei tiefersitzenden Problemen bietet man bei ­Diamond Lotus außerdem Gesprächs-­Coachings an. „Wir sind keine Akademiker, aber wir bilden uns ständig weiter“, sagt ­Saranam. „Nicht nur in der Tantra-Lehre, sondern auch anhand wissenschaftlicher ­Studien und Methoden. Wer das nicht macht, kann ­keine Beratung anbieten.“

Geht es um die Ursachen sexueller Unzulänglichkeiten, kann Saranam weit ausholen. Die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau habe zwischenmenschliche Skepsis als Folge, die Paare nur mit viel Zeit und Einfühlungsvermögen durchbrechen können. ­Außerdem stünden viele Menschen permanent unter Anspannung. Ein Klient ist ­Suriya besonders in Erinnerung geblieben. „Als ich ihn in meinen Armen hielt, merkte ich, wie er fiel und fiel – und dann brach es aus ihm heraus. Er hat eine Stunde nur geweint, über verpasste Chancen, unausgesprochene ­Gefühle, auch habe er noch nie so viel bedingungslose Zärtlichkeit erfahren.“ „Bedingungslos“ meint hier, beim Körperkontakt selbst nichts „leisten“ zu müssen. Aber eine Bedingung gilt auch im Diamond Lotus: Ein Termin – der mit Vorgespräch, Sauna und Massage zweieinhalb bis drei Stunden dauert – kostet. Ab 170 Euro kann es mit der Lusterfahrung losgehen. Bei den Menschen, die sich das leisten, bilden ­Frauen die Mehrheit. Männern hingegen, so die Erfahrung der Coaches, fiele es wegen althergebrachter Rollenbilder schwer, über Unsicherheiten zu sprechen.

Feedback geben. Und bekommen

„,Ich wünsche mir, dass du mich mit der Hand stimulierst‘. Oder: ‚bitte streichel mich einfach eine Weile‘ – solche Gedanken habe ich mir beim Sex ganz oft gemacht“, sagt Johannes. „Aber ich konnte sie der Frau, mit der ich im Bett war, nicht mitteilen. Überhaupt zu sagen, dass ich Lust auf Sex habe, fiel mir immer schwer.“ Der 54-Jährige ist Klient bei den SexBod-Coaches Britta Kunze und Iva Samina, hat einen „Handarbeits“-Kurs bei ihnen besucht, den es auch für Männer gibt. Johannes sagt: „Unbewusst habe ich immer dem Bild eines starken, selbstbewussten Mannes nachgeeifert, der Unsicherheiten für sich behält.“ Mehrere Partnerinnen und auch Affären habe er gehabt, erzählt er. Und wirklich schlecht sei sein Sexleben nicht gewesen: „Aber es fehlte echte Intimität. Ich hatte irgendwann das Gefühl: Das kann es doch nicht gewesen sein.“ Statt am Holzpenis übte Johannes die tantrischen Massagegriffe an einer Gummi-Vagina. „Unter Gleichgesinnten sein, alles fragen zu können, das war sehr befreiend“, sagt er. „Mein Ziel ist es nicht, der Super-Tantriker zu werden, bei dem die ­Frauen Schlange stehen. Klar, neue Handgriffe können den Sex spannender und aufregender machen. Aber ich möchte lernen, Feedback zu geben und zu bekommen, statt einfach irgendwie Sex zu machen.“ Das sei ein Manko des Workshops: Eine Gummi-Vagina gebe kein Feedback. Eine Partnerin, mit der er das Erlernte üben kann, fehle ihm aktuell.

„Viele Menschen tun immer so, als wären sie erhaben über Unsicherheiten im Bett“, sagt Jenny, 32. Neben dem „Handarbeits“-Workshop hat sie bereits viele ähnliche Kurse besucht. Und weiß, was sie mag und was nicht. „Vor ein paar Wochen wollte mich ein Mann mit der Hand befriedigen“, erzählt sie. „Für mich fühlte sich das aber nicht gut an – und das habe ich ihm auch gesagt. Da war er wirklich beleidigt.“ Es sind Situationen, die sie häufiger erlebe. Lange Zeit habe sie die Schuld bei sich gesucht. „Workshops wie diese haben bei mir das Bewusstsein gestärkt: Nicht nur ich bin unsicher, die anderen sind es auch. Und wenn jemand nicht bereit ist, mit mir über diese Gefühle zu kommunizieren, kann ich heute leichter sagen: Dann raus aus meinem Bett!“

*Namen von der Redaktion geändert

Fotos: F. Anthea Schaap

Kommentiere diesen Beitrag