tip-Jubiläum

Die Stadt sind wir – Stefanie Dörre zum Jubiläum von tip und ZITTY

Die Idee des Stadtmagazins hat sich keineswegs überlebt. Die Zukunft von tip und ZITTY ist, was wir aus ihr machen

Stefanie Dörre

Wenn ich früher irgendwo, sagen wir: auf einer Party, erzählte, dass ich Redakteurin beim tip bin, konnte ich ziemlich sicher sein, dass gleich jemand sagte: „Also ich lese ja lieber die ZITTY.“ Und mich herausfordernd ansah. Heute – inzwischen arbeite ich bei tip und ZITTY – höre ich meist: „Bei euch läuft’s ja auch nicht mehr so gut.“
Das ist einerseits ein Zeichen für einen Mentalitätswandel. Lagerdenken ist out. In Zeiten, in denen Grüne und CDU koalieren, können auch ZITTY und tip in einem Verlag erscheinen. Andererseits geht es natürlich um den Medienwandel. Printmagazine, so die Botschaft, sind eine aussterbende Gattung.

Diese Untergangsrhetorik ist völlig übertrieben, denn jedes Medium hat spezifische Vorzüge. Das Kino ist nach der Erfindung des Fernsehens auch nicht ausgestorben. Und Print wird neue Freude finden, dafür spricht schon allein die Konjunktur des Begriffs Entschleunigung – und echtes Umblättern erdet. Allerdings ist auch klar, dass die Medien sich weiter ausdifferenzieren werden, und da ist bei Facebook, Instagram oder Snapchat noch lange nicht Schluss.
Das Wichtigste aber ist: Wir verkaufen kein Papier. Wir verkaufen Informationen. Darum gibt es zwar einen Veränderungsdruck für die Printzeitschriften, aber eine Zukunft für Stadtmagazine. Zumindest für solche, die viel mehr sind als ein „Listing“, wie es im Englischen heißt, also die Aufzählung von Terminen.

tip und ZITTY sind – und das erkennt man am besten in der Rückschau – sowohl Zeitgeistmagazine als auch Handlungsaufforderungen. Nicht im Sinne oberflächlicher Moden. Sondern: Beide Magazine sind angetreten, um thematisch sowie stilistisch das in Worte und Bilder zu fassen, was diese Stadt ausmacht, um auf den Punkt zu bringen, wie sie tickt. Wir sind also Chronisten. Wir sind aber auch Mitspieler. Weil wir Off-Kulturorte und Künstler groß gemacht haben, die übersehen worden wären. Und weil unsere neugierige, kritische Grundhaltung ­– ich zitiere nur die ZITTY-Serie „Wem gehört die Stadt?“ – die Entwicklung Berlins beeinflusst hat.

Berlin zählt zu den bekanntesten Städten der Welt. Immer mehr Menschen wollen hier leben. Es gibt unglaublich viel zu entdecken. Und Information ist der Schlüssel zur Stadt. Warum sollten dann auf einmal gerade die beiden traditionsreichsten und größten Berlin-Magazine überflüssig werden?

Im Gegenteil. Es bedarf vieler Erfahrung, um die Zeichen der Zeit zu interpretieren und zu wissen, was diese Millionenstadt demnächst bewegt. Das hat mit Papier nichts zu tun. Sondern mit journalistischem Können.

Dabei sind wir manchmal etwas altmodisch. Wir glauben nämlich an unabhängigen Journalismus und unterscheiden uns damit von unzähligen Berlin-Bloggern, die zugegeben umtriebig sind, aber oft als Ein-Frau- oder Ein-Mann-Unternehmen der Gunst ihrer Geldgeber ausgeliefert sind. Für ein teures Designer-Shirt oder ein kostenloses Abendessen gibt’s bei uns jedenfalls keine positive Kritik. Und dass kritischer Journalismus, im Gegensatz zum erkauften Beifall, wichtig ist, ist seit dem Trump-Schock wohl klar.

Warum noch Print? Vor allem, weil unsere Leser aus Gewohnheit gern Zeitschriften auf Papier lesen. Doch tip und ZITTY haben auch umfangreiche Internetseiten und Facebook-Communitys von jeweils über 36.000 Fans. Das findet nur deshalb wenig Beachtung, weil wir im Gegensatz zu den unzähligen digitalen Publikationen über Berlin – die ja letztendlich auch den klassischen Stadtmagazin-Gedanken weiterführen – am Kiosk präsent sind. Und da unseren Marktwert immer wieder neu testen – nicht gegen Likes, sondern gegen  Geld.

Warum nicht kostenlos? Weil ZITTY und tip ganz exklusiv in Berlin gemacht sind. Für jeden Artikel geht ein Autor los, führt ein Interview oder schaut ein Theaterstück an und schreibt speziell für unsere Leser. Macht ein Fotograf ein Bild. Gestaltet ein Grafiker das Layout. Ganz schön viel Handarbeit, die in jeder Ausgabe steckt. Das muss seinen Preis haben.
Tip und ZITTY kommen aus einer Zeit, in der alle Tageszeitungen außer der „taz“ nur über Hochkultur berichteten. Wer etwas Aufregenderes erleben wollte als Ku’damm-Kinos, der musste tip oder ZITTY lesen. Das ist heute anders. Gerade die konservativen Zeitungen schmücken sich gern mit abgefahrenen Autoren und abseitigen Themen. Off ist jetzt der schicke Gegenpol zum Etablierten – und den Stadtmagazinen damit als singuläres Merkmal abhandengekommen.
Ja, wir haben – aus vielen Gründen – deutlich an Auflage verloren. Und ja, es ist bitter zu sehen, dass all die wacheren 18-Jährigen nicht mehr automatisch zu unseren Lesern werden wie früher, sondern wir erst gar nicht auf deren digitalem Radar auftauchen. Aber das ist vor allem eine Herausforderung. Tradition kann lähmen, ist aber auch eine starke Ressource. Wir haben begriffen, dass wir nicht abwarten dürfen, was die Zukunft bringt, sondern unsere Zukunft als Stadtmagazine selbst gestalten müssen.

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