Kino & Film in Berlin

„Die Vermessung der Welt“ im Kino

Detlev Buck hat Daniel Kehlmanns Bestseller in 3D verfilmt und treibt mit viel Firlefanz und überdeutlicher Ironie der Vorlage den letzten Rest Sinn aus.

Die Vermessung der Welt

Man müsste einmal im Detail ergründen, wie (und an welchen Punkten ihrer Entstehung) teure Prestigeproduktionen des deutschsprachigen Kinos ihre bizarre, zwischen großem Drama und unfreiwilliger Comedy unaufgelöste Form annehmen. „Das Parfum“ nach Patrick Süskind von 2006 war so ein Fall, ein anderer „Der Baader Meinhof Komplex“ von 2008: hysterisch-mythomanische, von der eigenen Bedeutsamkeit besoffene Unternehmungen, in denen physischer Pseudorealismus und wüste Spiegelfechterei gegeneinanderstoßen. Nun liegt, in diesem Sinn, ein neuer deutscher Blockbuster in spe vor, knallbunt wie die verwichene Modesaison und grotesk wie eine Werner-Herzog-Persiflage: „Die Vermessung der Welt“ – ein Historienfilm für die Postpostmoderne! Eine Bestselleradaption! In 3D!
Absurd ist die Kinoversion der Kehlmann’schen Weltvermessung tatsächlich von der ersten bis zur letzten Sekunde, vom Ethnokitsch des Prologs bis zur Klischeemelancholie des Finales. Regisseur Detlev Buck, der bekanntlich ein hervorragender Komödiant ist und auch als Regisseur zuweilen listig, legt seine Inszenierung an, als ginge es darum, einen Skurrilitätswettbewerb zu gewinnen. Aus den extremen Temperamenten des waghalsigen Naturforschers Alexander von Humboldt (Albrecht Schuch) und des einsiedlerischen Mathematikers Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz) schlägt Buck keinerlei Funken, nur pittoreske Bilder und ein Überangebot an überdeutlichen Ironiekennzeichen. Von dem Wunsch, ein Gefühl für die Zeit zu vermitteln, von der er berichtet, findet sich hier nicht die geringste Spur. Die vermessene, nach Aufklärung gierende Welt um 1800 sieht wie die Vorstellung einer reisenden Kostümtheatertruppe aus.
Tatsächlich sind die absonderlichsten Momente dieses Films auch schon seine besten: Wenn Burgtheater-Star Michael Maertens mit einem von Jahrhunderten der Inzucht überformten Gesicht als dekadenter Herzog durch seine Prunkhallen schreitet oder Sunnyi Melles als Mutter Humboldt zur bleichen Horrorgestalt avanciert, gewinnt das Werk kurzfristig an perversem Reiz. Aber sonst? Die exotischen Schauplätze im ecuadorianischen Dschungel und die mit fliegenden Federn und anderen Objekten im Bildvordergrund unentwegt betonte Illusion der Dreidimensionalität können über die darstellerischen Unvereinbarkeiten der sehr unterschiedlich begabten und formulierenden Mimen, die Buck aufeinandertreffen lässt, nicht hinwegtäuschen. Zudem hegt der Film eine seltsame Beziehung zum körperlichen Detail: von der ausführlichen Großaufnahme der roten Striemen auf der Haut eines vom Lehrer (Karl Markovics) brutal gezüchtigten Kindes bis zu einer Reihe semi-expliziter erotischer Einlagen. „Die Vermessung der Welt“ wird dennoch den Weg aller unangemessenen Anmaßungen gehen, die auf bloße Prominenz und ein überhöhtes Promotion-Budget zurückgreifen können: mit tödlicher Sicherheit direkt in den Kassenerfolg. Und danach: Ab in den Kanon deutscher Instant-Klassiker!

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Uninteressant

Die Vermessung der Welt, Deutschland/Österreich 2012; Regie: Detlev Buck; Darsteller: Florian David Fitz (Carl Friedrich Gauß), Albrecht Schuch (Alexander von Humboldt), Jйrйmy Kapone (Aimй Bonpland); 123 Minuten; FSK 12

Kinostart: 25. Oktober

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