Elektro-Folk

Die Zeremonienmeisterin: Emel Mathlouthi

Wie die Tunesierin Emel Mathlouthi arabischen Folk mit Ambient-Electro abmischt, sucht seinesgleichen. Eine Brillianz, die leicht in Vergessenheit gerät – da sie sich öffentlichkeits­wirksam gegen einen Diktator engagierte

Foto: Julien Bourgeois

Künstler klagen ja gerne darüber, wenn sie aus Vermarktungsgründen in eine bestimmte Schublade gesteckt werden, besonders dann, wenn es die „Weltmusik“-Resterampe ist, der sich nun wirklich niemand zugehörig fühlt. Im Falle der tunesischen Musikerin Emel Mathlouthi ist die Etikettierung tatsächlich beklagenswert, denn sie verstellt den Blick auf das, was die 36-Jährige auszeichnet. So lesen wir von einer Protestsängerin des Arabischen Frühlings, von der „Stimme der Jasmin-Revolution“, die den Einschüchterungs- und Zensurversuchen des tunesischen Regimes unter Diktator Ben Ali trotzte und im Jahr 2015 zur Verleihung des Friedensnobelpreises nach Oslo eingeladen wurde, um dort ihr Lied „Kelmti Horra“ („Mein Wort ist frei“) zu singen – eine Art Freiheitshymne, die ihr einige Berühmtheit, aber auch den Stempel einer politischen Aktivistin einbrachte, einer tunesischen Variante der US-Amerikanerin Joan Baez, der „First Lady des Protestsongs“, die Emel inspiriert hat.

Dass sie nicht in erster Linie für ihre Musik geschätzt, sondern immerzu auf die politische Story reduziert werde, das empfindet Emel Mathlouthi als unfair. Zur aktuellen Lage in ihrem Heimatland Tunesien, wo sie zum Zeitpunkt unseres Telefonats zu Besuch ist, will sie sich nicht mehr äußern. „Ich habe keine Meinung mehr dazu“, betont sie, „mein Verhältnis zu Tunesien ist völlig normal.“ Inzwischen lebt sie vor allem in New York. Ihr Kampf um Freiheit ist damit aber längst nicht beendet. Denn als Frau muss sie sich nicht nur gegen Fremdzuschreibungen wehren, sondern auch gegen allerlei Macho-Attitüden. „Jeder nimmt automatisch an, dass hinter einer weiblichen Künstlerin ein Mann die Strippen zieht“, sagt sie, „lange habe ich mir selbst nicht viel zugetraut.“ Doch heute sei sie mutiger, erlaube sich mehr Experimente, gehe eigene Wege. Einfach nur schöne Melodien zu komponieren, reiche ihr nicht. „Für mich ist Musik wie eine Skulptur, sie soll nicht nur konsumiert werden, sondern alle Sinne ansprechen“, sagt sie: „It’s all about senses!“

Im vergangenen Jahr erschien ihr Album „Ensen“, ein atemberaubender Ausdruck ihres neuen künstlerischen Selbstbewusstseins: Raffiniert verbindet sie da tunesischen Folk mit gegenwärtiger elektronischer Musik und entfaltet mit ihrer mal verletzlichen, mal gewaltigen Stimme eine emotionale Wucht, die auch denjenigen ergreift, der die arabische Lyrik nicht versteht. Stücke wie „Ensen Dhaif“ („Hilfloser Mensch“) oder „Thamlaton“ („Trunkenheit“) sind von unwiderstehlicher rhythmischer Energie, wie man sie aus der Trance-Musik der nordafrikanischen Gnawa kennt. „Für mich haben die Lieder auch eine spirituelle Dimension“, sagt Emel Mathlouthi. „Als Menschen brauchen wir dieses Gefühl, mit etwas Höherem verbunden zu sein – und ich finde das in der Musik.“

Auf YouTube hat sie ein Video ihres Paris-Konzerts von Oktober 2017 veröffentlicht, das etwas von einer mystischen Zeremonie hat. Zunächst sind nur Orgelklänge und mönchisch anmutende Gesänge zu hören, dann Drums und Percussion, schließlich setzt ein Streichquartett ein, während sich die schwarzbekleidete Zeremonienmeisterin Emel Mathlouthi wie ein Sufi-Derwisch um sich selbst dreht, dazu der englische Refrain ihres hypnotisierenden Stücks „Lost“.

Mittlerweile schreibt sie viel auf Englisch und weniger auf Arabisch, auch wenn es ihr authentischer erscheint, in der Muttersprache zu singen, die Worte müssen jedenfalls „truly and deeply heartfelt“ sein, wie sie es ausdrückt. Während also ihre neuen Songs allmählich Gestalt annehmen, erscheint ein Album, das sogenannte Reworks ihrer alten Stücke versammelt, von Electronica-Produzenten wie Vladislav Delay, Free The Robots und Ash Koosha. „Ich vermeide den Begriff ‚Remix‘, denn durch die Kollaborationen haben sich die Stücke in ganz andere Richtungen entwickelt“, sagt sie, „ich finde, ein Song sollte mehr als nur ein Leben haben.“ Auch ihren Liedern gesteht Emel Mathlouthi also das zu, wonach sie selbst strebt: den Freiraum, sich in jede beliebige Richtung entwickeln zu dürfen.

In Rom habe ihr eine Taxifahrerin erklärt, dass die sieben Noten „do, re, mi, fa, sol, la, si“ das Schönste repräsentierten, was es im Menschen gibt, sie seien gewissermaßen Ausdruck der menschlichen Seele. In diesem Sinne ist Emel Mathlouthis Musik universal, jede Menschenseele kann sich in ihr wiederfinden, ob sie nun des Arabischen mächtig ist oder nicht. Ihre Lieder erzählen von Trunkenheit, von Hoffnung und Verlorenheit – von Menschlichem, Allzumenschlichem. Man soll in ihnen nicht lesen wie in einem Buch, sagt Emel, die im April auf verschiedenen deutschen Bühnen zu erleben ist, man soll sich ihnen hingeben: „Music is just about letting yourself go.“

Lido Cuvrystr. 7, Kreuzberg, So 15.4., 20 Uhr, VVK 17,90 €, Emel Mathlouthi: „Ensenity“ (Partisan Records)

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