Kunst und Museen in Berlin

Diedrich Diederichsen und Anselm Franke über „The Whole Earth“

1968 veröffentlicht die NASA im Zuge der Apollo-8-Mission das erste Bild der Erde, das aus dem All aufgenommen wurde und unseren Planeten als kleinen, blauen Ball im weiten Nichts zeigt.

Diederichsen_Frank_c_HS-12Ein kurz zuvor gemachtes Satellitenbild prangt zur gleichen Zeit auf der ersten Ausgabe des „Whole Earth Catalog“, einer der einflussreichsten Publikationen der kalifornischen Gegenkultur. Dieser von Stewart Brand 1968 bis 1974 halbjährlich und danach unregelmäßig herausgegebene Mail-Order-Katalog verband mit seiner Intention, Zugang zu Werkzeugen zu gewähren („access to tools“), verschiedene Ausprägungen der Gegenkultur und stellte unter anderem schon sehr früh Computer vor. In der
Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ zeigt das Haus der Kulturen der Welt die Wirkungsgeschichte dieses neuen Bildes von der Erde. Es wird von den Kuratoren Anselm Franke, dem neuen Leiter Bildende Kunst und Film im HKW, und dem Poptheoretiker Diedrich Diederichsen (links) als eines der einflussreichsten Bilder der jüngeren Zeit identifiziert. In Verbindung mit dem „Whole
Earth Catalog“ gehen sie den Linien und Spuren nach, die es in der Entwicklung nach 1968 hinterlassen hat. 

 Herr Franke, Herr Diederichsen, wie kam es zu der Zusammenarbeit für die Ausstellung „The Whole Earth“?
Diedrich Diederichsen (D.D.): Das Thema birgt einige sehr herausfordernde Fragestellungen. In meiner Arbeit spielt Ideologiekritik eine wichtige Rolle und in diesem Bild von der Erde, von außen aufgenommen, treffen ja gleich zwei Ideologien aufeinander: die der technischen Machbarkeit, des Fortschritts, und die Idee einer holistischen, alles zusammenbindenden Gemeinsamkeit auf diesem Planeten. Von außen betrachtet sieht der Planet, heißt es dann immer, so aus, als wären die Probleme und Kriege ganz weit weg und unbedeutend. Man findet eine analoge Doppelung dieser zwei Diskurslinien auch in den Song­texten der Zeit, bei Jefferson Airplane zum Beispiel oder bei den Doors. Bei „The End“ und „WhenThe Music Is Over“ kommt eigentlich alles vor. Jim Morrison beschwört da einerseits das Bild des Planeten als eine vom Menschen bedrohte und missbrauchte Frau, Sister, einen drohenden Verlust und eine absolute Grenze, andererseits sagt er, dass wir in eine grenzenlose Wildnis ohne Orientierung entlassen sind, ein uferloses Innen.

Anselm Franke (A.F.): Für mich war klar, dass es keinen besseren Co-Kurator für dieses Projekt geben würde, in vielerlei Hinsicht hat Diedrich Diederichsen schon viele brillante Analysen zur Ideologiegeschichte der kalifornischen Gegenkultur und ihrer weltweiten Wirkung vorgelegt und es lag nahe, diese Ideen etwa zur Bedeutung von Psychedelika mit der Wirkungs­geschichte des Blauen Planeten zu verbinden. Es kam schon letztes Jahr zu einer kleineren Zusammenarbeit im Kontext des „Animismus“-Projektes in Wien und Berlin und uns interessierte hier insbesondere auch das Begehren der kalifornischen Gegenkultur, aus der Entfremdung auszubrechen und in eine wieder animierte Welt einzutreten – und welche Antworten darauf gegeben wurden, psychedelisch, technologisch, esoterisch, ökologisch.

Im Zentrum der Ausstellung steht das von der NASA aufgenommene Bild des Blauen Planeten. Was macht es zu einem so zentralen, dass man ihm mit einer Ausstellung nachspürt?
A.F.: Dieses Bild ist aus dem Außen des Weltraums aufgenommen und sagt uns aber, dass es ab sofort kein Außen mehr gibt. Es zeigt den Planeten als fragil und bedroht und doch scheinbar harmonisch. Es sagt uns: Wir leben in einem geschlossenen System und dieses Gefühl begleitet uns seither und das war auch die zentrale Message des „Whole Earth Catalog“. Das Bild ist auch geschichtlich wichtig als universalistisches Bild, das den Atompilz als Inbild der Zerstörungskraft der Moderne ablöst und seither den größtmöglichen Rahmen absteckt. Welche Nachricht, welche Ideologie, welche Politik, welche universellen Werte werden mit dem Bild verbunden?

D.D.: Dieses Bild der Erde wird auch nur von der sogenannten Gegenkultur als ideologisches Bild verwendet. Die NASA und der angenommene militärisch-industrielle Komplex sprechen ihm weit weniger Bedeutung zu. Es wird auch als ästhetische Möglichkeit vom System eigentlich nicht wahrgenommen.

The_whole_earth_fahlstroemEin weiterer zentraler Punkt der Ausstellung ist der „Whole Earth Catalog“ von Stewart Brand. Warum ist diese Publikation der Gegenkultur so wichtig?
A.F.: Zum einen ist das Titelbild des „Whole Earth Catalog“ immer ein aus dem All aufgenommenes Bild der Erde. Zum anderen verbindet sich im Katalog die eher romantische, naturbezogene Hippiekultur mit einer ungebrochenen Technikbegeisterung. Immer wird diese Verbindung beschworen, die Feindschaft von Natur, Gesellschaft und Technologie radikal infrage gestellt. Neben Anleitungen zum Bauen von Jurten und esoterischen Schriften werden schon früh zum Beispiel Computer angeboten und Bücher zur Kybernetik rezensiert. Interessanterweise startete Brand schon 1966 eine Kampa­gne, in der er die NASA aufforderte, eine Fotografie der Erde aus dem All zu veröffentlichen. Dafür verteilte er unter anderem Buttons, auf denen stand: „Why haven’t we seen a photo of the whole earth yet?“ Stewart Brand hat übrigens auch den Begriff Personal Computer, also PC, in die Welt gesetzt. Vor allen Dingen aber ist der „Whole Earth Catalog“ aufgrund der unglaublichen Netzwerker- und Moderatorenqualitäten Stewart Brands ein Archiv eines Großteils der Gegenkultur geworden.

D.D.: Steve Jobs hat den „Whole Earth Catalog“ einmal als den Vorläufer von Google bezeichnet. Ein interessanter Gesichtspunkt am speziellen Fall der kalifornischen Gegenkultur ist die Verstrickung von ökologischen und spirituellen Fragen mit Technik und Technik-­Uto­pien. In dieser Hinsicht gibt es einen riesigen Unterschied zur Gegenkultur zum Beispiel in Deutschland während der gleichen Zeit, in der ganz andere Dinge wichtig waren und die sehr viel politischer in einem klassischen Sinne gewesen ist. Aus dieser speziellen Verbindung von Technik und Gegenkultur ist etwas entstanden, das uns heute alle betrifft, da wurden Diskurse geprägt, die noch heute direkte Auswirkungen haben.

Können Sie Beispiele für solche Diskurse nennen?
D.D.: Nehmen wir zum Beispiel die Idee der Selbstverwirklichung, die tief in der Gegenkultur verwurzelt war und als Abgrenzung zum ökonomischen System gedacht wurde. Heute ist sie unserem ökonomischen System immanent. Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung wurden zu einem Mittel der Integration umgeformt und haben die Repression als klassisches Mittel der Integration inzwischen weitgehend abgelöst.

A.F.: Ein anderer Diskurs, der auch im „Whole Earth Catalog“ besonders deutlich wird, ist der des Netzwerks. Der „Whole Earth Catalog“ war ein vernetztes System, das über Feedback funktionierte. Er entstand aus der kybernetischen Utopie einer spontanen Harmonie in nicht-hierarchischen Gemeinschaften und Systemen. Das größte Netzwerk heute ist das Internet und dessen mächtigste Firmen wiederum haben ihren Sitz in der Nähe von San Francisco, wo auch der „Whole Earth Catalog“ herkommt. Heute beginnen sich erst langsam Zweifel an der Idee der quasi-natürlichen, spontanen Harmonie im Netzwerkkapitalismus durchzusetzen.

The_whole_earth_antin_Going_HomeWie wird die Ausstellung aussehen?
A.F.: Gedacht ist das Ganze als ein Ausstellungsessay, der aus verschiedenen Blickwinkeln und mithilfe von verschiedenen Zeugnissen, also Zitaten, Objekten, Filmen, Musik und deren Konstellation die Facetten der Wirkungsgeschichte des Bildes vom Blauen Planeten, der kalifornischen Gegenkultur und des „Whole Earth Catalog“ nachspürt. Wir ordnen das Ganze in sieben Diskussionskomplexen an und haben für die Ausstellungsarchitektur das Büro Kooperative für Darstellungspolitik gewinnen können, die ein existierendes Messesystem für die Ausstellung nutzen werden. Der Ausstellungsparcours wird so aussehen, dass der Besucher auch öfter auf einige der für uns zentralen Figuren treffen wird, Timothy Leary zum Beispiel und natürlich Stewart Brand als He­rausgeber des „Whole Earth Catalog“. Daneben treten auch einige Künstler mit mehreren Werken auf, insbesondere Eleanor Antin.

Welche Rolle spielen die ausgestellten Werke der Künstler?
D.D.: Zuerst einmal benutzen wir sowohl Arbeiten von Künstlern, die während der Zeit des „Whole Earth Catalog“ gearbeitet haben, also von den späten 60ern bis in die 80er-Jahre hinein. Dazu haben wir auch zeitgenössische Künstler beauftragt, Arbeiten extra für die Ausstellung anzufertigen. Meistens beschäftigen diese sich in den neuen Arbeiten dann mit einem spezifischen Aspekt des Ausstellungskomplexes. Die künstlerischen Arbeiten, die zum Teil direkt in die Ausstellungsarchitektur eingebunden sind, zum Teil aber auch von diesem getrennt und sozusagen als eigene Position gezeigt werden, sind durchaus heterogen in ihrer Funktion. Einige sind im Ausstellungskontext so etwas wie symptomatische historische Objekte, andere haben einen eher kommentierenden Charakter, aber es werden ihnen keine eindeutigen Rollen zugewiesen, sondern sie stehen für sich. So entsteht auch eine Ambivalenz zwischen der Dokumentation auf der einen Seite und dem künstlerischen Objekt auf der anderen.

Die Ausstellung „The Whole Earth“ ist Teil des Anthropozän-Projektes, von „anthropos“, altgriechisch für Mensch, hergeleitet, das dieses und nächstes Jahr unter Federführung des HKW an verschiedenen Orten durchgeführt wird. Was hat es mit dem Anthropozän auf sich?
D.D.: Mit Anthropozän wird eine fachübergreifende These beschrieben, die sich mit der Frage beschäftigt, ob man nicht ein neues geologisches Zeitalter einführen sollte, da der Mensch die Natur modelliert. Traditionell leben wir im geologischen Zeitalter des Holozän, eine Zäsur scheint aber durch die technischen Möglichkeiten und den Einfluss des Menschen auf den Prozess der Erde durchaus sinnvoll. Wenn man die Klimaerwärmung einmal als Beispiel nimmt, üben wir ja auf geologische Prozesse direkten Einfluss aus. Natürlich kann man sich streiten, wo man diesen Punkt ansetzt …

A.F.: … mit der Dampfmaschine zum Beispiel …

D.D.: … mit der Dampfmaschine, oder – wie es auch manche favorisieren – mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der danach einsetzenden, sich global auswirkenden exponentiellen Entwicklung neuer Techno­logien. Für die Entwicklung seit 1945 bietet „The Whole Earth“ eine bestimmte, partikulare historische Erzählung und Analyse an.

Interview: Philipp Koch

Foto: Harry Schnitger (oben)

The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, 26.4.–1.7.

 

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