Verlagsjubiläum

Digital-Vordenkerin und Verlegerin Christiane Frohmann – Ein Porträt

Club, Galerie, Verlag: Die Geschichte der Digital-Vordenkerin und Verlegerin Christiane Frohmann ist eine, wie (fast) nur Berlin sie schreibt

Foto: Oliver Grimm

Manchmal spielt sie tatsächlich noch Pokémon Go. Beim Joggen. Oder auf dem Rad. Klingt nicht gesund. Einmal wäre sie dabei fast von einem Auto überfahren worden. Dabei ist Christiane Frohmann Digital-Theoretikerin, Netzwerkerin, Veranstaltungsvordenkerin. Sie sieht Dinge früher als andere, findet Theorien dafür, etwa „Instantantes Schreiben“, wenn im Web Erleben und Schreiben zusammenfallen, alles muss raus, jetzt, sofort. Jetzt feiert ihr Frohmann-Verlag den fünften Geburtstag. Fünf Jahre. Da hat man in der jungen E-Book-Branche fast Klassiker-Status.Wenn man sie besucht, reist man ins Pankower Hinterland, jenseits des S-Bahn-Rings, es fährt ein Bus nach Einfamilienhausen. Nebenan: ein sowjetisches Ehrenmal, gegenüber eines Wäldchens, der Schönholzer Heide. Dass sich hier überhaupt ein Pokémon hinverirrt.

Christiane Frohmann sagt, sie möge es, uncoole Sachen zu probieren, das auch noch offen kundzutun, dafür die Nerven zu haben. „Gerade wenn man aus der Berlin-90er-Posse kommt, wo Coolness das Wichtigste war.“ Ihre Geschichte ist von der Art, wie sie vielleicht nicht nur in Berlin spielen kann, aber eben vor allem hier, in der Club- und Galerieszene. Diese Geschichte beginnt vor 25 Jahren. Die Literaturwissenschaftsstudentin, in Bad Homburg geboren, kommt mit Anfang 20 nach Berlin, lässt in Bonn ihren Freund zurück, zieht mit schwulen Kumpels, die vor ihr in Berlin ankommen, um die Häuser, durch die Clubs.
Dann stirbt ihr Vater, sie steht ein Jahr neben sich, tanzt dagegen an, in Techno-Läden. Je härter, rhythmischer, desto besser.
Nach einem Studienjahr in den USA, in Yale, taucht sie in die Rave Society ab, lernt ihren jetzigen Mann kennen, der ein Plattenlabel betreibt, DJ-Booker ist, heiratet sich ergo den Namen Christiane F. an. Mit der anderen Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo, wird sie sich später viel beschäftigen. Mit ihrem Image, der Kunstfigur. „Skinny-Ikone“. Und dann macht sie, es ist das Jahr 2000, eben mit zwei Freundinnen einen Club auf.

Damals will der Förderverein Karl-Marx-Allee die frühere Stalin-Allee mit einem Festival wieder aufpimpen, „marx.attrax“ bespielt leere Geschäfte. Eines davon ist ein einstiger DDR-Schönheitssalon mit Separées, Holzvertäfelungen und der Aura eines Werktätigen-Puffs. Das wird der Jeans Club, Levi’s schickt eine 50-Meter-Rolle 501-Stoff für die Deko. Für einen kommerziellen Club ist die Location zu klein, als Privatclub für Musikproduzenten, für DJs genau richtig. Dixon, Westbam oder Jef K legen auf, bevor sie um drei Uhr nachts ins WMF wechseln. Drei Monate für die Ewigkeit.Doch in den Wänden steckt ein fieses DDR-Holzschutzmittel, „mir ist immer das Gesicht zugeschwollen“, dann bricht auch noch ein Rohr, Überschwemmung, schließlich macht sie den Club dicht – und zwei Häuser weiter eine Galerie auf, „jetzt war ich angefixt“. Aber als das „marx.attrax“-Projekt fertig hat, ist die Allee wieder die Allee, trostlos, leer, winterkalt, „wir haben uns Rheumafinger gefroren in unseren tollen Locations“.

Damals hat Christiane Frohmann etwas gelernt, das eigentlich gut in die heutige Internetrealität passe, wie sie sagt: „Dass es manchmal nicht besser werden kann, dass wir ein paar spektakulär gute Abende hatten – und dass es dann auch okay ist, wenn es vorbei ist.“ 2011 gründet sie einen ersten E-Book-Verlag mit, mehr Startup, weniger von Dauer. Anders ist es ein Jahr später mit dem Frohmann-Verlags. Finanziell knirscht es oft, auch wenn „das Gesamtprojekt funktioniert“, wie sie sagt. Dazu gehört das Entwickeln von Veranstaltungsformaten im „Orbanism“-Netzwerk, zusammen mit dem Eventkonzepter Leander Wattig. Die Printbuchlobby habe es zwar geschafft, den Leuten den Spaß am E-Book zu vermiesen. Aber ihren Verlag aufgeben? Niemals. „Das ist mein Ding, mein Blick auf die Literatur.“ Das Gespür, vor allem im Netz Talente aufzutun, wie etwa die Autorin Michaela Maria Müller („Auf See“). Oder für Literaturexperimente wie die Reihe „Tausend Tode schreiben“, mit Blog, Hashtag #1000Tode.

Ganz neu erscheint nun ihr eigenes Buch „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ als Hybrid aus Verlags- und Selfpublishing. Einmal, in der ersten großen Internet-Euphorie, schrieb sie: „Die 140 Zeichen werden zum Dance Floor. Man tanzt. Träumereien“. Jetzt, wo Trolle im Netz marodieren, sie selbst sich dort auch mal mit minder frustrationstoleranten Knallköpfen herumschlägt, darunter auch Schriftstellern, will sie dagegenhalten. „Gegen den Hass kann man nicht viel machen, er findet statt. Aber man kann Content erzeugen, der das Durchschnittsbild verändert.“ An Berlin liebt sie, immer noch, die Kaputtheit: „Alles, was in München weggeschlossen würde, darf hier frei herumlaufen.“ Ab und zu aber braucht sie auch mal das Gepflegte, das Gediegene aus Ausgleich. Das Bad-Homburg-Gefühl. „Wenn du mit dem Fahrrad in metertiefe Schlaglöcher fällst, ist das schon Scheiße“. Mit oder ohne Pokémon-Go.

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