Theater und Bühne in Berlin

Dimiter Gotscheff\ Prometheus vor der Volksbühne

Prometheus vor der VolksbuehneVor zweieinhalb Jahren brachte Dimiter Gotscheff am Deutschen Theater Aischylos’ kriegerisches Urdrama „Die Perser“ in der sperrigen Fassung Heiner Müllers heraus. In Mark Lammerts Bühnenbild, das nur aus einer drehbaren gelben Wand bestand, balancierten die Schauspieler auf der Lücke, die zwischen Aischylos und uns, zwischen dem Muster kriegerischer Auseinandersetzungen und ihren gegenständlichen Ausprägungen, klafft: ein Ereignis! Logisch, dass Gotscheff und Lammert dieses Gegenprogramm zum weit verbreiteten Herunterdimmen komplexer Sachverhalte aufs eigene Befindlichkeitsniveau fortführen wollen. Zur Eröffnung des temporären Open-Air-Amphithea­ters vor der Volksbühne hat der Regisseur mit „Prometheus“ erneut eine Aischylos-Tragödie in Müller-Version inszeniert. Lammerts Wand ist zur gelben Fahnenstange reduziert. Und auch in punkto Kostüme, Spiegelstruktur, szenischer Minimalismus und Textkonzentration nimmt der Abend „Die Perser“ variierend auf.

Prometheus vor der VolksbuehnePrometheus, vom zwischen Pflichterfüllung und Sympathie für den Delinquenten hin und her gerissenen Schmied (Frank Büttner) an den Kaukasus geschmiedet, resümiert seine Karriere als Oppositioneller. Die Marter verordnete ihm der Göttervater Zeus, weil Prometheus sich gegen ihn aufgelehnt hat. Bei aller Achtung vor dem konsequenten Konzept: Dass die Hauptdarsteller ihre Figuren tendenziell vereindeutigen, wird zur gewaltigen Krux der Aufführung. Bei Sebastian König als Chor und Thorsten Merten als Okeanos hat die Wendung ins Alltägliche qua Witz immerhin noch eine gewisse Gebrochenheit. Aber wenn Trystan Pütters Hermes im schmierigen Machtfiesling aufgeht oder Maia Alban-Zapatas Io in der Schmerzensfrau, wird der Dramenmonolith plötzlich sehr überschaubar. Der Minimalismus gerinnt zur statuarischen Attitüde. Der Müller-Sound klingt weniger horizonterweiternd als ambitioniert. Gut möglich, dass Max Hopp als Titelheld mit seiner gewaltigen Kraftanstrengung auch gegen den Verkehrslärm anschreit. Für den Zuschauer ändert das aber nichts daran, dass das heroische Pathos den knallharten, vielschichtigen Tragödienkern gerade nicht offenlegt, sondern deklamatorisch einhüllt.

Text: Christine Wahl
Fotos: Thomas Aurin

(tip-Bewertung: Annehmbar)

Prometheus
in der Agora vor der Volksbühne, 29.5., 1., 4.6., 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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