Kunst und Museen in Berlin

Dimitri Hegemanns neue Kunsthalle neben dem Tresor

Dimitri Hegemann eröffnet im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte, dort wo sein Technoclub Tresor ist, eine Ausstellungshalle

Seit den 1990er-Jahren feiern die Berliner in ehemaligen Luftschutzbunkern, Wasserspeichern, U-Bahnstationen oder Kraftwerken. Doch die Szene scheint erwachsener geworden zu sein, denn viele der Veranstalter bieten inzwischen einen Mix aus Club- und Hochkultur. Heinz Gindullis, Betreiber des Cookies, hat seinem Club ein erst­klassiges Restaurant angeschlossen. Das Berghain verbindet Nachtleben mit den Fotos von Wolfgang Tillmans. Und in der Bar Tausend finden Sammlergespräche mit hochkarätigem Publikum statt.

Dimitri_HegemannNun eröffnet der Betreiber des Technoclubs Tresor sogar einen neuen Ausstellungsraum, der vielleicht das Potenzial und die Strahlkraft der Tate Modern in London oder des Palais de Tokyo in Paris haben könnte. Dietmar-Maria Hegemann, genannt Dimitri, reichte es schon lange nicht mehr, nur der Mitbegründer der weltweiten Technobewegung zu sein. Das stillgelegte Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße in Mitte, in dem er seit drei Jahren den Tresor an neuem Ort betreibt, schien ihm Raum für mehr zu bieten. Von einem der Dancefloors aus blickte Hegemann oft gedankenverloren direkt in den Leib des schlafenden Kolosses, eine der letzten Berliner Industrieruinen. Das zeitgleich mit dem Mauerbau 1961 errichtete größte Heizkraftwerk Ostberlins produzierte bis Ende der 1990er-Jahre Strom und Wärme für mehr als 38?000 Haushalte. Erstmals für eine Ausstellung hergerichtet, eröffnet Hegemanns neuer Kunstraum nun Anfang Oktober mit der Architekturschau „Realstadt. Wünsche als Wirklichkeit“ seine Stahltore. Zu sehen ist, auf zwei Ebenen, eine an Metropolis erinnernde Schaukulisse aus rund 250 Miniaturstadtmodellen sowie 65 beispielhafte Projekte in Text und Bild. Nach einem bundesweiten Aufruf suchten die Kuratoren Martin Heller und Angelika Fitz Modelle aus. Großflächige Stadtumbauten gehören ebenso dazu wie gescheiterte Wettbewerbsbeiträge.

So werden die Ausstellungsbesucher auf Miniaturvorstellungen der Welt blicken und gleichzeitig Räume betreten, die so unfertig und spröde sind, dass die typische Berliner Atmosphäre von Umbruch und Aufbruch spürbar wird. In die gigantische Turbinenhalle mit etwa 23?000 qm Fläche und einer Höhe von 30 Metern würden sogar mehrere Wohnhäuser passen, ohne dass sie vollgestellt wirkte. „Das Gebäude hat eine physisch spürbare Präsenz“, sagt Hegemann, „die dich nicht mehr loslässt.“
In den Seitentrakten erstrecken sich Gänge, Nischen, Treppenhäuser und ungeahnte Zwischenräume. Meterhoch ragen die ehemaligen Turbinentische empor wie industrielle Opferplätze, zu deren Füßen man noch das ehemalige Herz des Heizkraftwerks pulsieren zu hören glaubt. Die acht Ebenen, über die sich das Gebäude erstreckt, sind verbunden durch zahllose Treppen und Zwischen­geschosse aus Metallgittern und bieten laufend neue räumliche Perspektiven. Egal, in welcher Sichtachse der Betrachter sich befindet, er fühlt sich wie Gulliver im Land der Riesen. In diesem sakral anmutenden Profanbau bewegt sich der Kunstraum-Initiator wie ein Orson-Welles-Charakter. Lauscht mit einem Ohr ins pausenlos klingelnde Telefon und dirigiert gleichzeitig Bauarbeiter, Bauleiter, Architekten, die in der zentralen Turbinenhalle dumpfe Geräusche erzeugen, die wie eine Magenverstimmung im Bauch eines Ungeheuers klingen.

Drei Jahre sammelte Hegemann Ideen für die Nutzung des architektonisch schwierig zu handhabenden Heizkraftwerks. Ein illustrer Zwischenmieter war die Modemesse Bread & Butter. Sogar von negativen Schwingungen ließ er das Gebäude mit den Räucherritualen einer Truppe buddhistischer Mönche in Safran-Roben reinigen. Die zündende Idee für eine neue Berliner Kulturspielstätte kam ihm aber, als er in Olafur Eliassons Ausstellung „The Weather Project“ (2003-2004) das orangenfarbene Sonnenuntergangsszenario in der großen Turbinenhalle der Tate Modern sah, ebenfalls ein ehemaliges Kraftwerk.

Aber wie gedenkt Hegemann das riesige Gebäude nach dem Auftakt zu füllen? Konventionelle Schauen würden in diesen Raum­dimensionen untergehen. Eingeladen werden sollen renommierte Ausstellungsmacher, Kuratoren und erfolgreiche Produktionen, die ihre Umgebung miteinbeziehen, etwa großformatige Lichtkunstwerke von James Turrell, Eliasson oder Lucio Mariano. Hegemann will exzeptionellen Werken den Raum geben, der seiner Meinung nach bislang in Berlin fehlte.
Diese Lücke versuchte die Temporäre Kunsthalle zu füllen, mit mäßigem Erfolg. Die Diskussion machte aber deutlich: Berlin braucht einen weiteren Ausstellungsort. Institutionen wie das Museum Hamburger Bahnhof oder die Kunst-Werke können diese Funktion nicht allein tragen, der Gropius-Bau ist für die aktuelle Kunst nur bedingt tauglich. Kann der Trafo die Aufgabe einer Kunsthalle übernehmen? Hegemann glaubt nicht daran: „Wir müssen unabhängig bleiben, das Raue und Wuchtige Berlins soll erhalten bleiben. Außerdem gibt es bereits viele Galerien und Kunstlaboratorien in Berlin.“

Sogar die Nationalgalerie prüfe das Heizkraftwerk für ausgelagerte Ausstellungen, sagt Hegemann. Auch als Theater-, Oper- oder Filmkulisse eigne sich das Gebäude, für Licht-, Duft- und Video­installationen, digitale Kunstwerke, Musik- und Klangprojektionen. Die Tänzerin und Choreografin Sasha Waltz könne sich hier eine Tanzvorführung vorstellen. Aber nicht nur das, der Unternehmer möchte in großem Maßstab Kultur und kommerziellen Erfolg fusionieren – geplant sind neben Ausstellungen und Veranstaltungen auch Ateliers, Bibliothek, Cafй, Restaurant und Büroräume – alles ökologisch korrekt natürlich.
Bis 2030 hat der Kunstraum einen Zwischennutzungsvertrag. Hegemann möchte bis dahin eine Stiftung gründen, denn die Finanzierung soll weitgehend unabhängig von öffentlichen Geldern sein. „Wir müssen auch in Zukunft Freiräume sichern“, betont er. Nach der ersten Architekturschau soll das leere Heizkraftwerk der Berliner Öffentlichkeit zugänglich sein, denn auch ohne Ausstellung ist dieses Gebäude ein Star.

Text: Laila Niklaus

Fotos: FineArt Berlin, Harry Schnitger, Frank Thiel

REALSTADT. Wünsche als Wirklichkeit
Ehemaliges Kraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 70, Mitte,
2.10.-28.11., tgl. 10-20 Uhr

weitere Kunstthemen:

DIREKTORENHAUS: OBJEKTE ZWISCHEN DESIGN UND KUNST 

Thomas Köhler, Präsident der Berlinischen Galerie, im Gespräch

Felix Kiessling „Neuordnung“

 

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare