Kultur & Freizeit in Berlin

Dinge leihen statt kaufen

Carsharing war nur der Anfang: Nutzen statt besitzen, leihen statt kaufen – das sind ?die Schlagworte der sogenannten Shareconomy. In Berlin gibt es sogar einen Leihladen

Leihkultur

Küchengeräte, Kinderspielzeug und Werkzeuge füllen die Regale, Koffer und Kinderwagen stapeln sich in der Ecke: Ganz schön vollgepackt sind die Räume von Leila, Berlins erstem Leihladen. Hier kann man nichts kaufen – aber alles leihen. Das Prinzip ist einfach: Wer einen Verleih-Gegenstand zur Verfügung stellt, kann sich dafür einen anderen aussuchen. Nach maximal zwei Wochen muss der Leiher den Gegenstand in den Laden zurückbringen, dafür darf er sich etwas Neues aussuchen. Leihen statt besitzen. Mit diesem Motto ist Leila Teil der Shareconomy, einer Kultur des Teilens. Schließlich gibt es zahlreiche Dinge, die viel herumstehen und selten genutzt werden – das berühmteste Beispiel dafür ist die Bohrmaschine, deren Nutzungsdauer laut einer viel zitierten Statistik durchschnittlich 13 Minuten beträgt.
Dass Leihen Geld und Platz spart, erscheint mehr als positiver Nebeneffekt:“Es geht uns um eine andere Motivation als Geld“, betont Nikolai Wolfram, Mitbegründer vom Leihladen. In erster Linie ist die Shareconomy eine konsumkritische Bewegung. Möglichst viele Personen sollen einen Gegenstand nutzen können. Das schont zum Beispiel Ressourcen. Diese ökologische Ebene steht besonders deutlich beim Carsharing im Vordergrund. Der Trend des Autoverleihens hat sich inzwischen professionalisiert, Online-Plattformen führen private Autobesitzer mit Gelegenheitsfahrern zusammen. Auch Lastenfahrräder oder Campingwagen kann man auf diese Weise finden.
Zu dem ökologischen kommt ein sozialer Aspekt: „Der ganz alte Begriff dafür war mal Solidarität“, erklärt Nikolai Wolfram, „es geht um moralische Werte.“

Leihen

Darum ging es auch Pau Simo und Graham Pope, als sie 2012 ein neuartiges Fahrradleih-System in Berlin gründeten: bikesurf. „Dieses System sollte nicht auf Geld basieren„, erläutert Graham Pope, „sondern auf Karma, Vertrauen und Gemeinschaft.“ Auf ihrer Webseite können sich Mitglieder kostenlos ein Fahrrad für einen bestimmen Zeitraum aussuchen. Eine Antwortmail nennt den Standort des Fahrrads und den Code für das Schloss. Bislang wurden alle Fahrräder zurückgebracht: „Das steigert unseren Glauben in die Menschheit.“
Auch Privatpersonen sind Teil der Leihkultur. Auf eBay-Kleinanzeigen gibt es beispielsweise das Angebot, einen Fahrradanhänger gegen eine geringe Gebühr zu leihen. Da der Besitzer diesen nur selten nutzte, kam er auf die Idee, den Anhänger anderen zur Verfügung zu stellen. Vor allem im Sommer ist die Nachfrage groß. Auch hier geht es um keine finanzielle Motivation: „Bei der Gebühr geht es darum, die Abnutzungskosten zu tragen und die Nachfrage überschaubar zu halten.“
Nicht zuletzt wirkt die Leihkultur auch der Anonymität in Großstädten entgegen. „Oft gibt es eine Hemmschwelle, einfach beim Nachbarn zu klopfen“, erklärt eine Sprecherin der Webseite frents. Online-Plattformen wie frents oder fairleihen funktionieren praktisch wie ein digitaler Leihladen: Mitglieder können Gegenstände einstellen oder suchen. Das Netzwerk zeigt die Ergebnisse nach Entfernung sortiert an und knüpft so Verbindungen zwischen Nachbarn.
Es geht aber auch ohne ­digitalen Umweg. Das Projekt Pumpipumpe verschickt kostenlose Verleih-Sticker. Bewohner von Mietshäusern können diese Sticker auf ihren Briefkasten kleben und so ihren Nachbarn zeigen, was sie zu verleihen haben, eine Fahrradpumpe zum Beispiel oder eben eine Bohrmaschine.
„Weg vom nutzlosen Besitz – hin zum besitzlosen Nutzen“: So formuliert Nikolai Wolfram das Ziel der Leihkultur. Der Leihladen feierte Anfang Juni seinen zweiten Geburtstag. Für die Zukunft hofft er auf Geschwister.

Text: Rebekka Wiese

Foto: Luna Leun/ pumpipumpe.de


Kostenlos leihen:

Leihladen ?Fehrbelliner Straße 92, ?Prenzlauer Berg, ?Mo–Di 15–19 Uhr, ?Mi 15–18 Uhr, Fr 16–19 Uhr, www.leila-berlin.de

Fahrräder ?www.bikesurf.org

Online-Plattformen ?www.frents.com? und www.fairleihen.de

Verleih-Sticker für den ?Briefkasten? www.pumpipumpe.ch

Mit Gebühr:

Carsharing? www.autonetzer.de und www.nachbarschaftsauto.de

Ladenfahrräder ?www.velologistics.net

Campingwagen ?www.paulcamper.com

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