Theater und Bühne in Berlin

For the disconnected Child an der Schaubühne

Falk Richter inszeniert den Schauspiel-Musiktheater- Hybrid "For the disconnected Child" an der Schaubühne

ForTheDisconnectedChildDie Mutter, eine osteuropäische Opernsängerin (Maraike Schröter), die gerade einen Job in Japan hat und die Tage in einem gesichtslosen Ketten-Hotel verbringt, skypt mit ihrer Tochter (Ursina Lardi) am anderen Ende der Welt. Die Tochter ist Managerin in einem Beratungsunternehmen, und natürlich, wir sind bei Falk Richter, sind beide heimat- und beziehungslose Monaden der Moderne. Ihr Intimleben organisiert die Managerin auf Internet-Kontaktbörsen um am Ende dabei nur ihre Einsamkeit zu optimieren und hochtourig um sich selbst und ihre nicht vorhandenen Bindungen zu kreisen.Und natürlich, Achtung! Symbol!, bricht ihr Skype-Kontakt mit der Mutter irgendwann ab: „Unsere Verbindung ist gestört!“

Falk Richter variiert in den Texten, die er für „For the Disconnected Child“, seine neue Inszenierung an der Schaubühne geschrieben hat, eines seiner erprobten, gerne mit der Kombination aus unterkühlter Eleganz und Hysterieschüben durchdeklinierten Lieblings­themen: Die soziale und emotionale Ortlosigkeit markthörig flexibler, beziehungsgestörter Zeitgenossen. Als wollte er dieses Spiel ins Extrem treiben und parodieren, lässt Richter eines dieser Gemeinsam-Einsam-Paare, zwei Orchestermusiker (Luise Wolfram und Franz Hartwig), sich in einem schön aberwitzig leerlaufenden Dialog darüber, welche Art von Nähe denn jetzt möglich und erstrebenswert sei, verheddern, bis am Ende vom Wunsch nach Intimität nur noch ein missglücktes Sprach­spiel übrig bleibt: Die Liebe — ein einziges Missverständnis.

Die Pointe der von Schaubühne und Staatsoper gemeinsam produzierten Inszenierung, einem gelungenen Hybrid aus Musik-, Sprech- und Tanz-Theater, ist die Gesamtkonstruktion: Richter hat den isländischen Singer-Songwriter Helgi Hrafn Jуnsson (dessen androgyn esoterisch entrückter Gesang im Lauf der Vorstellung zunehmend nervt) und die zeitgenössischen E-Komponisten Malte Beckenbach, Achim Bornhoeft, Oliver Frick, Jan Kopp, Jörg Mainka und Oliver Prechtl eingeladen, einzelne Textpassagen zu vertonen. Das kontert er mit Auszügen aus Tschaikowskis „Eugen Onegin“, der nicht ganz schwulstfreien Feier der unbedingten, romantischen und natürlich einseitigen, also tragischen Liebe. Allein die Verbindung der hochabstrakten Neuen Musik mit den fast kabarettistisch zugespitzten Beziehungsdesaster-Dialogen entwickelt einen eigenen Reiz.

Sehr schön ist auch, wie der Beginn von Schuberts „Winterreise“, der Inbegriff romantisch scheiternder Liebessehnsüchte und weltverlorener Einsamkeit, mit klaustrophischen Bildern und spröden Störgeräuschen kombiniert wird: Einem Paar wird die Umarmung im Tanz zum aggressiven Nahkampf, Tänzer schieben wie Psychia­trieinsassen manisch und unter Wiederholungszwang einen Stuhl hin und her oder hämmern mit dem Kopf gegen eine Säule. In Hintergrund sieht man auf großen Video­wänden wie die Managerin nicht schlafen kann. So schön sah moderne Einsamkeit lange nicht aus.    


Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Sehenswert

 

For the disconnected Child
am Do 20., Fr. 21., So 23., Di 25., Sa. 20. und So 30.6., 20 Uhr
an der Schaubühne

 

 

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