Berlinale 2018 – Hommage

Diva und Reporter

„Ich zeige sie ungeschminkt und ohne Filter“: Regisseurin Emily Atef erzählt in dem Wettbewerbsbeitrag 3 Tage in Quiberon aus Romy Schneiders ­schwierigster Zeit

3 Tage in Quiberon
Foto Peter Hartwig / Rohfilm Factory / Prokino

In einem Buch über Romy Schneider heißt es: „1981 ist das schlimmste ihrer Lebensjahre”. Im Mittelpunkt Ihrer drei bisherigen Spielfilme stehen Frauen in einer Krise. Ist das die Verbindung zu „3 Tage in Quiberon“?
Emily Atef Ja, ich finde es spannend zu beobachten, wie man sich in einer Krise verhält und wie man aus ihr wieder ­herauskommt. Wir wissen, ein Jahr später ist Romy Schneider gestorben, es gibt also kein ­Happyend. Ich kann in einer Krise sehr stark in eine Figur hineintauchen, aber ich brauche immer einen Schimmer von Hoffnung, auch wenn er noch so klein ist. Bei diesem Film war es ganz bewusst der Zoom auf ­diese drei Tage.

Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?

Der Film kam zu mir, es war die Idee des französischen Filmproduzenten Denis Poncet (der leider während des Drehs verstorben ist). Er war befreundet mit Marie Bäumer, die wie Romy sehr frankophil ist, auch in Frankreich lebt – und er konnte es nicht fassen, dass diese Frau nicht Romy Schneider spielt – wenn sie Französisch spricht, hat sie sogar den gleichen weichen Akzent. Er ­wollte kein Biopic. Denis und seine Frau besaßen einen Fotoband von Robert Lebeck, in dem sich auch Aufnahmen aus Quiberon befanden, dann haben sie das dort entstandene Interview von ­Michael Jürgs gelesen und damit Marie überzeugt, diese Rolle zu spielen. Sie merkten dann, dass dies kein französischer Filmstoff war – es war das letzte deutsche Interview, das Romy gegeben hat, es sind deutsche Protagonisten, deshalb kamen sie nach Deutschland, um den Film hier zu machen. Ich bin bei derselben Agentur wie Marie Bäumer, die wiederum meinen Film „Das Fremde in mir“ sehr mochte – so kamen wir zusammen.

3 Tage in Quiberon
Foto Peter Hartwig / Rohfilm Factory / Prokino

Was waren Ihre Quellen für diese drei Tage?
Das erste, was ich nach dem Anruf meiner Agentin gemacht habe, war, im Internet einzugeben: Romy Schneider Quiberon. Da habe ich diese Bilder von Robert Lebeck gesehen. Die haben mich total angezogen, weil sie keine Bilder von einem Weltstar, einem Mythos, einer der berühmtesten Schauspielerinnen Europas sind, sondern Bilder des Menschen Romy Schneider, meistens ungeschminkt. Dann habe ich das Interview von Michael Jürgs bekommen, auch da zeigt sich Romy ohne Filter, in einem Moment lachend am Boden, dann weinend, wenn sie über ihren Vater redet, immer wieder betonend, sie sei nicht Sissi – „Das ist eine 15-jährige Filmfigur, ich bin eine 42-jährige Frau, ich bin unglücklich, ich heiße Romy Schneider.“

Was ist Fakt, was Fiktion?
Fakt war erst einmal meine ­ganze Recherche, die Bilder, das Interview, die Gespräche, die ich mit Michael Jürgs und Robert Lebeck hatte. Ich hatte sehr viel Glück, Robert Lebeck drei– viermal zu treffen, er ist 2014 gestorben. Er und seine Frau Cordula haben mir das größte Geschenk überhaupt gemacht, sie haben mir alle Rollen dieser drei Tage gegeben – ich habe 580 Bilder bekommen. Ganz wichtig für mich waren auch die Bilder von den anderen Beteiligten. Dies ist ein Film über vier Menschen: Romy, ihre beste Freundin, der ehrgeizige Journalist und Robert Lebeck – jeder hat seine Perspektiven und jeder hat seine Entwicklungen in diesem Film. Ich wollte keine Reportage machen, sondern einen Zoom auf diese drei Tage, und ich denke, es kommt sehr nah an die Wahrhaftigkeit heran – wie Picasso sagt, „Kunst ist eine Lüge, aber manchmal wahrhaftiger als die Realität.“ Romys Freundin etwa wollte damit nichts zu tun haben, das war ihr zu emotional – aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreieren. Die ist in vielerlei Hinsicht anders als die reale Freundin, aber sie war mir wichtig, ich wollte nicht nur Romy und die Männer, Romy und die Presse. Lebeck war mit ihr befreundet, sonst wäre das ganze Treffen nicht zustande gekommen, aber, wie er mir sagte, für ihn war es immer das Wichtigste, im Stern die Doppelseite zu haben, das war sein Beruf, aber die krassesten Bilder hat er niemals freigegeben.

Emily Atef
Deutschland, Frankreich und Iran sind wichtige Koordinaten im Leben der 1973 in West-Berlin geborenen Emily Atef : die Mutter Französin, der Vater Iraner. Bekannt wurde Atef vor allem mit ihrem Film „Das Fremde in mir“ (2012), in dem sie von einer Frau erzählte, die nach der Geburt ihres Kindes depressiv wird.
Foto: Peter Hartwig

Der Film ist in Schwarzweiß. Hat sich das aus diesen Fotos entwickelt?
Absolut. Ich habe so viel Zeit mit diesen Bildern verbracht, dass ich im Moment, wo ich bereit war, das Drehbuch zu schreiben, alles nur in Schwarzweiß vor mir sah, Farbe war mir so fremd, das ging gar nicht. Zudem empfand ich es als eine perfekte Brücke zur Fiktion. 1981 war das Leben nicht Schwarzweiß und Marie Bäumer ist nicht Romy Schneider.

PS: Unmittelbar vor Gesprächsbeginn fällt Emily Atefs Blick auf die Schwarzweißfotos an den Wänden des Lokals: alle von Robert Lebeck, darunter auch das berühmte von Romy Schneider mit der Zigarette im Mund.

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