Kino & Film in Berlin

Doku „Virgin Tales“ über die Purity-Bewegung

Virgin_TalesAuf den Purity Balls (deutsch: Jungfernbälle) versprechen Mädchen in Anwesenheit ihrer Väter, bis zu ihrer Hochzeit keusch zu bleiben. Die Familie Wilson initiierte einst diese Bälle für ihre eigenen Töchter in der Überzeugung, dass das Warten auf den einzig auserwählten (Ehe-)Partner das wichtigste Fundament für die Rückkehr zu einer moralischen und gottgefälligen Gesellschaft sei. Damit gaben sie den Anstoß zu der weltweit um sich greifenden evangelikalen Purity-Bewegung, die alles daran setzt, ihren Nachwuchs gegen den „Feind Sex“ zu schützen, und in der Vater Randy Wilson eine Schlüsselrolle einnimmt.

Die Schweizerin Mirjam von Arx begleitete die Wilsons für ihre Dokumentation „Virgin Tales“ über zwei Jahre lang, zu Hause in Colorado Springs, das als „evangelikaler Vatikan“ gilt, und bei öffentlichen Auftritten. Von US-Medien als Sinnbild der neuen Reinheit gefeiert, gehen die Wilsons in der Erziehung entsprechend ihren Überzeugungen voran: Statt das College zu besuchen, gehen ihre Töchter zum Anstandsunterricht, um zu lernen, wie man sich keusch in der Öffentlichkeit präsentiert und als gute Ehefrau den Haushalt führt, während die Männer zu Kämpfern für die Verbreitung des Glaubens und Beschützern der Familie herangezogen werden. Das klingt archaisch, aber die Wilson-Kinder leben im Jahr 2013, sind gut aussehend, selbstbewusst und identifizieren sich hundertprozentig mit dieser Weltanschauung.

Dank einer sensiblen und respektvollen Annäherung gelingt es der Filmemacherin, ein wertfreies Bild von den Wilsons zu zeichnen, die ihrerseits mit erstaunlicher Offenheit vor laufender Kamera sprechen und sie auch in intimen familiären Momenten zulassen.
„Virgin Tales“ ruft ambivalente Gefühle hervor zwischen Sympathiebekundungen für die Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit und Abscheu gegenüber der unumstößlichen Selbstsicherheit, mit der die Wilsons ihre Lebensauffassung auf die gesamte amerikanische Gesellschaft übertragen wollen. „Toleranz trennt die Menschen voneinander“, sagt Vater Randy an einer Stelle und zeigt damit deutlich die Unbeirrbarkeit der Überzeugungen, die diese Bewegung mit anderen fanatischen Gruppen eint – und genauso gefährlich macht                                

Text: Siyuan He

Foto: ican_films

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: Virgin Tales im Kino in Berlin

Virgin Tales Schweiz/Frankreich/Deutschland 2012; Regie: Mirjam von Arx; 87 Minuten;

Kinostart: 25. Juli 

Weitere Kino-Neustarts vom 25. Juli:

Experimenteller Schwarzweiß-Film mit Electro-Soundtrack „The Legend of Kaspar Hauser“

Banales Beziehungsdrama „Drei Stunden“

Komatöse Komödie mit derben Späßen: „21 & Over“

Robert Redfords Polit-Thriller „The Company You Keep“

Paolo Sorrentinos Italien-Update: „La Grande Bellezza“

Mehr über Cookies erfahren