Soziale Treffpunkte

Drehkreuze in die Stadt

Sie funktionieren wie soziale Netzwerke, nur in der „realen“ Welt: Wie Neuberliner dank hierarchieloser Treffpunkte, etwa dem Neuköllner Kulturlabor Trial & Error, in der Stadt ankommen

Trial And Error
Foto: creativecommons/ Kulturlabor Trial Error

Bekritzelte „Deutsch als Fremdsprache“-Bücher liegen links am Eingang des Ladenraumes neben gestapelten Kleidungsstücken. Auf einem Tisch rechts stehen Nähmaschinen. Dazwischen Stoffreste als Relikte eines textilen Upcycling-Workshops, der bis vor wenigen Minuten stattgefunden hat. Es sind vorwiegend Leute zwischen 20 und Mitte 30, die im Kulturlabor Trial & Error in der Braunschweiger Straße in Neukölln herumwuseln. Sie unterhalten sich meist auf Englisch – mit den Akzenten anderer Muttersprachen.

Der im März dieses Jahres eröffnete Laden sieht aus wie eine Mischung aus hippem Café und Vintage-Shop. Nur dass die Second-Hand-Klamotten, die auf Bügeln hängen oder in Regalen liegen, gratis sind. Zweimal in der Woche kann man hier Kleidung und andere Dinge wie Bücher abgeben. Oder aber sie einfach mitnehmen. An anderen Tagen laufen Workshops – die man besuchen kann oder sogar selbst gibt. Denn das geht auch ohne anerkanntes Abschlusszeugnis. Wer weiß, wie man Körbe flechtet, Seife herstellt oder aus alten Fahrradreifen neue Gegenstände kreiert, der kann hier seine Kenntnisse teilen.
Ganz nebenbei lernen sich die Besucher untereinander kennen, kauderwelschen in einem wechselnden Sprachmix und tauschen Tipps aus, wo WG-Zimmer frei, Sprachkurse angeboten oder die nächsten Partys gefeiert werden. Soeben flitzt Maayan zur Tür hinaus, um eine Foodsharing-Kiste zu holen. Auf die Frage, ob Maayan ein französischer Name sei, kontert eine Studentin, die heute für den Tauschbetrieb zuständig ist: „Ist das denn wichtig, wo jemand herkommt?“
Das Kulturlabor Trial & Error, ein gemeinnütziger Verein, der vom Quartiersmanagement Richardplatz Süd unterstützt wird, fungiert ähnlich hierarchielos wie die meisten sozialen Netzwerke, über die auch die anstehenden Termine – oft auf Englisch – verbreitet werden. Nur dass man sich bei Trial & Error eben im sogenannten echten Leben trifft. „Wir sind ein Kollektiv!”, betont Ruta Vimba, die 2010 das Netzwerk mitgegründet hat. Sie arbeitet als einzige Vollzeitkraft in der Kulturstätte, die sich als eine Art Schlupfloch für Neuberliner – Motto: „Germans or from Mars, it really doesn’t matter”, was Kieznachbarn genauso wie Flüchtlinge mit einschließt – und Alteingesessene betrachtet.

Auf analogen, meist interkulturellen und ehrenamtlichen Austausch, der ebenfalls durch Online-Kontakte befeuert wird, setzt auch die Lernwerkstatt – ein gemeinnütziger Bildungsverein, der seit Anfang letzten Jahres seinen Sitz in der Nähe des Treptower Parks hat. Ganz gleich, ob Kochen, Programmieren, Nähen, Mathe verstehen, Arabisch, Englisch oder Deutsch lernen: Die Lernwerkstatt, die sich über Mitgliedsbeiträge und diverse, temporäre Förderungen finanziert, setzt vor allem auf das „Each-one-teach-one“-Prinzip, also auf Gegenseitigkeit beim Begreifen einer neuen Wissensmaterie. So findet etwa einmal im Monat ein offenes „Deutschfrühstück” statt, zu dem jeder nicht nur Zutaten, sondern auch Themen beisteuern kann, über die dann auf deutsch diskutiert wird. „Ich weiß von dem Event durch einen Syrer, der Berliner Nachrichten ins Arabische übersetzt und bei Facebook auf ,interessiert’ geklickt hat”, erzählt Jabr, ebenfalls Syrer und ein Geflüchteter.
Die Lernwerkstatt funktioniert im Sinne der Schenk-Ökonomie: Grundsätzlich kann ihr jeder einen eigenen Workshop schenken. Das, so Bianca Geburek, eine der beiden Lernwerkstattgründer, täten vor allem Leute, die zu bestimmten Themenbereichen Know-how hätten – und mal ausprobieren wollten, wie es ist, selbst einen Workshop zu gestalten. Neben der Lernwerkstatt-Webseite und Facebook wird zum Bekanntmachen von Events auch die Online-Plattform Meetup.com genutzt. Dort finden sich alleine für Berlin täglich mehr als 30 sehr unterschiedliche, offene Veranstaltungen, bei denen jeder, der Lust hat, dazu stoßen und neue Leute kennen lernen kann.

Auch der Großteil der Anwesenden, die beim „Vertical and Permaculture Garden”-Treffen im Weddinger Das Baumhaus vorbeischauen, haben die Veranstaltung über Meetup gefunden. Das von dem New Yorker Künstler und Designer Scott Bolden und der Aktivistin Karen Wohlert vor drei Jahren gestartete Indoor-Baumhaus-Projekt, das im September offiziell eröffnet werden soll, ist ein so genannter Hub (engl. für: Drehkreuz, Knotenpunkt) „für Weltverbesser*innen“, wie es auf der Webseite heißt, die sowohl in ökologischer, persönlicher, sozialer, kultureller, ökonomischer als auch in ästhetischer Hinsicht nach mehr Nachhaltigkeit streben.
Im Alltag heißt das: Uli aus Berlin werkelt mit anderen Freiwilligen regelmäßig beim Ausbau des Das Baumhaus, einer GbR, die sich bislang über einen Bankkredit, derzeit aber auch über eine Crowdfunding-Aktion auf Startnext finanziert. Klaus repariert einmal in der Woche auf Spendenbasis vor dem Haus Fahrräder. Asha aus London möchte Deutsch lernen und tippt im Büro an Übersetzungen. Und dem Ingenieur Gerardo aus Spanien, ein Frührentner, geht es vor allem um das Gefühl, gebraucht zu werden.
Mitmachen und gebraucht werden ist auch für ein junges Paar aus Rumänien der wichtigste Ansatz, über den sie einen Einstieg nicht nur in die Weddinger Baumhaus-Community, sondern letztlich in die Stadt Berlin erhoffen: „Wir sind neu hier“, erzählen sie. „Und wir wollen einfach herausfinden, wie wir uns in die Stadt einbringen können.“

Sharehaus ­Refugio Lenaustr. 3-4, Neukölln, deutsches Sprachcafé jeden Mi, 17.30 –19.30 Uhr

Neue Nachbarschaft Moabit Beusselstraße 26, Moabit, jeden Di-Do 18-20 Uhr Deutschstammtisch

Kulturlabor Trial&Error Braunschweiger Str. 80, Neukölln

Die ­Lernwerkstatt Lernen & lernen lassen e.V. Karl-Kunger-Str. 55, Neukölln

Das Baumhaus Gerichtstr. 23, Wedding, jeden Do ab 17 Uhr „Open Office”