Kultur & Freizeit in Berlin

Dresdener Straße: Glanz des Zipfels

Die Vielfalt der Möglichkeiten – atmosphärisch wie kulinarisch – macht den Reiz der zur ?Sackgasse umgeplanten Dresdener Straße zwischen Kottbusser Tor und Oranienplatz aus.

Dresdener Straße: Glanz des Zipfels

Das Schicksal der Dresdener Straße gleicht einem postmodernen Großstadtmärchen: Sechs Straßen durchschnitten einst strahlenförmig das Kottbusser Tor, dieses dumpf pochende Herz Kreuzbergs. Doch in den 1960er-Jahren brauchte es bezahlbaren Wohnraum, also baute man das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ), einen brachialen Betonriegel. Man legte ihn über die nördliche Hälfte des Platzes, seitdem überspannt er die Autoströme der Adalbertstraße. Die Dresdener Straße aber schnitt er ab, sie wurde zur Sackgasse.
Nur ein schmaler, wenig vertrauenswürdiger Durchgang führt kundige Fußgänger unter dem NKZ hindurch, ein verloren wirkendes Straßenschild am U-Bahnhof Kottbusser Tor weist den Weg zur Dresdener Straße.
Heute wissen wir: Nichts hätte ihr so guttun können wie diese städtebauliche Keule. Denn kaum irgendwo sonst in Berlin lassen sich – gemessen an einer Straßenlänge von nicht einmal 200 Metern zwischen Kottbusser Tor und Oranienplatz – derart viele kulinarische Entdeckungen machen, so exquisite Bars finden, nirgends kommt an milden Frühlingsabenden, wenn vor den Kneipen die Menschen sitzen, eine derart flirrende Stimmung auf wie hier.
Zugegeben: Die Dresdener Straße ist um ?einiges länger, Richtung Norden gerät ein Spaziergang zur Zeitreise. Jenseits des Oranienplatzes markieren zwei Reihen Kopfsteinpflaster den Mauerverlauf, die Mauer teilte die Straße in Ost und West. Noch heute verläuft hier die Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg. Die einstige Brache am Todesstreifen füllen seit einigen Jahren reizlose Townhouses, jenseits der Heinrich-Heine-Straße erwarten einen triste Plattenbauten aus den späten 50er-Jahren, real gebauter Sozialismus.
Ihren ganzen Charme versprüht die Straße indes in ihrem südlichsten Zipfel, und dieser Charme liegt in der Vielfalt der Möglichkeiten – atmosphärisch wie kulinarisch. Pastelltöne und Sahnetorte bietet Fräulein Wild, verrauchte Bierseligkeit der Franziskaner, marinierten Fisch auf peruanische Art die Cevicheria, koreanisches Bibimbap das Mercosy, um nur einige Beispiele zu nennen.
Allein, der Glanz der Dresdener Straße ist jung. Erst vor neun Jahren zog das Quartiersmanagement in die Straße, es setzte sich erfolgreich für breitere Gehwege und die Pflanzung von Bäumen ein.
Ein Geheimtipp ist sie, weil sich keine Touristenmassen hierher verirren, weil man die Straße gezielt ansteuern muss. Zugleich aber ist sie doch kein Geheimtipp, denn wer sie einmal entdeckt hat, der kommt auch wieder. Selbst an Wochentagen sind die Bars rappelvoll, allen voran der Würgeengel mit seinem samtrot-düsteren Ambiente.
Die Bar zählt zu den wenigen Institutionen der Dresdener Straße, die noch das geteilte Berlin erlebt haben, eine andere ist das Babylon-Kino. In den 1970er-Jahren zeigte es, unter dem Namen Kent, ein rein türkisches Programm. Heute sind es ausschließlich Filme in Originalsprache. Cineasten zieht es magisch an und ganz nebenbei entdecken sie nach der Vorführung die Umgebung.
Der Würgeengel dürfte einen nicht unerheblichen Teil seines Publikums dem Kino verdanken. Passenderweise hat sich die Bar selbst nach einem Film benannt: In Luis Buсuels Werk von 1962 wird eine Gruppe von Menschen durch unergründliche Kräfte daran gehindert, eine Party zu verlassen. So sinnfällig der Name für eine Bar ist, so sehr trifft er auf die Dresdener Straße selbst zu: Wer einmal hier gelandet ist, findet genug gute Gründe, noch eine Weile zu bleiben, nur noch auf einen Kaffee, einen Wein, einen letzten Whisky …

Text:
Kaspar Heinrich

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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