Lesungen und Bücher in Berlin

Du bist Berlin: André M. Hennicke – Der Niemandslandmann

In seinen besten Rollen geht Schauspieler André M. Hennicke an die Substanz. An seine und die der Zuschauer. Wie in "Der alte Affe Angst". Jetzt erscheint sein erster Roman – ein Hacker-Thriller

hennicke

Dann ist Hennicke auch schon bei der Geschichte mit dem Exmatrikulationstribunal, damals in der DDR. Als sie ihn beinahe rausgeschmissen hätten aus der Filmhochschule Babelsberg. Ausgerechnet ihn, den Besten seiner Klasse. Nur wegen eines Sonderstipendiums, 70 Mark mehr im Monat, das er abgelehnt hatte, weil er dafür nicht als Reserveoffizier zur NVA wollte.
Allein wie Hennicke an diesem Donnerstag in einem Cafй in Mitte vom Besuch des Wehrkreisbeauftragten erzählt, von diesem Kettenraucher, der auf Kumpel machte: „Na komma, unterschreib ma.“ Seine Stimme schnarrt plötzlich eine Oktave tiefer dabei, er beugt sich über den Tisch, tätschelt einem den Arm: „so, verstehste.“

Man denkt: Der kann das nicht. Einfach nur erzählen. Er muss alles spielen. Jetzt kommt aber auch noch sein erster Roman raus, „Der Zugriff“ (Gollenstein). André M. Hennicke, geboren 1958 im sächsischen Johanngeorgenstadt, seit fast
30 Jahren Wahlberliner, ist einer dieser Schauspieler, deren beste Filmcharaktere man hinterher schwer aus dem Kopf bekommt. Wegen dieser Intensität, dieser Präzision. Wie er in die Figuren eintaucht, bis auf den Grund. Die Strauchelnden, die Verzweifelten, die Zerrissenen. Die Zerstörenden, die Unfassbaren. Die Melancholischen. Täter, Opfer. Oder beides.
Psychisches Grenzgebiet. Niemandsland. Man will da nicht mit rein. Es tut weh. Aber Hennickes Spiel lässt kein Entrinnen zu.
Dann gibt es natürlich auch Fernsehjobs, wo man seufzt: Na ja. Musste wohl sein.

In der DDR bereits als Talent aufgefallen, kannten ihn in den gesamtdeutschen 90er- Jahren allenfalls Filmexperten. Hennicke bekam nur Nebenrollen, oft als Tatverdächtiger, „das war Ausprobieren, Reinkommen.“ Derweil trieb er sich gut in der Berliner Techno- und Partyszene herum (das hielt bis vor vier Jahren an), gründete das Restaurant Skales und die Jazz-Kneipe b-flat in Mitte mit. Es ist beinahe absurd, dass es fast zehn Jahre brauchte, bis ihn Dominik Graf 1998 für „Sperling und der brennende Arm“ als Charakterdarsteller ins Gedächtnis einschrieb.

hennicke

Sein kantiges, hochwangiges, furchenhaftes Gesicht mit der scharf geschnittenen Nase ist aber auch wie geschaffen für grelles Licht und tiefe Schatten. Und wie das beides zusammengehört. Ob in Christian Petzolds „Toter Mann“ (2001), der Hennicke den Deutschen Fernsehpreis eintrug, in Oskar Roehlers Beziehungseruption „Der Alte Affe Angst“ (2003), derzeit in Andreas Arnstedts Hartz-IV-Drama „Die Entbehrlichen“. Oder als Nazi: Rudolf Hess in „Speer und Er“, Freisler in „Sophie Scholl – Die letzten Tage“. Manchmal sind es Rollen, die er sich vom Leib halten muss, wenn der Dreh vorbei ist. Wie den bestialischen Knabenkiller in „Anti­körper“ (2005). Seine wohl extremste Figur. Wie erfühlt man so ein Monster? „Ich stelle mir vor, was mich anmacht, was mich erregt“, sagt er. „Dann stelle ich im Kopf das Bild ein, das den Killer erregt, und versuche, beides zusammenzukriegen. Wenn es einmal klappt“, Hennicke schnippt mit dem Finger, „macht es so.“ Eines Tages, in der U-Bahn, da waren Kinder, kam das Gefühl kurz zurück. Und er ahnte: Es ist nie ganz vorbei.

Zum tip-Gespräch ist Hennicke mit seiner Freundin gekommen, seine Laune ist bestens. Das kann an den beiden freien Drehtagen liegen, er spielt gerade in Niedersachsen für den Film „Die Vermissten“ einen Kernkraftingenieur auf der Suche nach seiner Tochter. Oder an dieser blonden Frau aus Wien, deutlich jünger als er, die Beziehung ist noch ziemlich frisch. Knapp ein Jahr. Oder es liegt eben an diesem ersten Roman, über den er naturgemäß gern und viel redet, auf den er sichtlich stolz ist, ein akribisch recherchierter Thriller. Es geht um einen Hacker, der Banken 19 Millionen Euro weg­tickert, von einer Interpol-Polizistin gesucht wird, sich in einem Plattenbau im Osten Berlins in eine einsame Ehefrau verliebt. Dafür hat Hennicke einen schrägen Bankraub-Trailer gedreht, man kann ihn auf youtube.com sehen. Prima Trash übrigens.

Es ist ja nicht so, dass da jemand aus Lange­weile mal eben was ausprobiert. Zwei Romane liegen noch in seiner Schublade. Hennicke, der einst Physiker werden wollte, bücherweise die neuesten wissenschaftlichen Theorien aufsaugt, Kosmologie, Teilchenphysik, der mal beim Wehrdienst mit Sprengstoff experimentierte, was ihm sechs Klinikwochen bescherte, – er hat schon als Kind Storys geschrieben. Darüber, wo er sich hinträumte. Weltall-Flüge, ferne Planeten. Wo noch niemand je war.

Text: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Lesung und Gespräch  Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Mitte, So 31.10., 19.30 Uhr. Im Anschluss an die Lesung läuft der Film „Die Entbehrlichen

Kritik zum Film „Die Entbehrlichen“

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