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Du bist Berlin: Bora Dagtekin – Der Querdenker

Mit der TV-Serie "Türkisch für Anfänger" wurde der Drehbuchautor Bora Dagtekin auf einen Schlag bekannt. Nun läuft bereits die zweite Staffel seiner Arztserie "Doctor’s Diary" an, mit der er seinen Ruf als Innovator festigt.

Bora DagtekinNun sitzt er vor einem, der talentierteste Komödienautor des Landes, Erfinder des grandiosen türkischen Machos Cem Öztürk, und er sieht dem Star aus der „Türkisch für Anfänger„-Serie auch noch ähnlich: die schwarzen Locken, das breite Lachen, die zusammengekniffenen Augen, sobald er nachdenkt. Der Gedanke liegt nahe: Ob er … ein wenig so ist wie Cem? „Na klar, Alter, weißt du, das ste­ckt in mir drin“, sagt er im Schulhoftürkendeutsch, bricht aber sofort ab und lacht. Reingefallen.
Bora Dagtekin ist 30 Jahre alt, sein türkischer Vater ist Arzt, seine deutsche Mutter Lehrerin, er ist in Hannover geboren. Er schreibt Drehbücher. Man denkt ja oft: Autoren verarbeiten in ihren Geschichten die eigene Biografie, die Figuren schneiden sie auf ihre eigenen Hintergründe und Sehnsüchte zu. Als „Integrationsbeauftragten“ titulierte ihn das Feuilleton, als er mit „Türkisch für Anfänger„, dessen erste Staffel 2005 in der ARD anlief, die nahezu perfekte Multikulti-Komödienserie schrieb. „Ich bin aber kein Lehrbeauftragter“, sagt Dagtekin. „Ich suche keine Randthemen, sondern solche, die alle betreffen. Bin ja nicht der Offene Kanal Berlin.“
In „Türkisch für Anfänger“ geht es um die deutsche Psychotherapeutin Doris Schneider und den türkischen Kommissar Metin Öztürk, die aus Liebe zusammenziehen, deren mitgebrachte Kinder sich dafür umso mehr zoffen. Über Allah, Ausgehen und Geschlechterrollen. Und sich doch ineinander verlieben. In den Geschichten steckte so viel Weisheit und Wahrheit, dass man kaum glauben konnte, dass ihr Autor damals erst 27 Jahre alt war. Dagtekin baute Klischees auf, dann zerlegte er sie. Wie beim stilisierten Cem, der sich als wahrer Romantiker herausstellt. Andere Figuren sind von Anfang an gegen den Strich gebürstet. Der türkische Polizist Metin? Den stellt man sich hart vor, er nennt seine Frau aber „Hasi“. Oder Dr. Mehdi Kaan aus „Doctor’s Diary„: klingt nach Rassekerl, leidet aber unter Depressionen und ist seiner Angebeteten einfach zu brav. Dr. Kaan (Kai Schumann) ist eine der Hauptfiguren aus Dagtekins zweiter Serie, „Doctor’s Diary“, deren zweite Staffel am 3. August bei RTL startet.
Bora DagtekinKrankenhausserie. Das klingt in Deutschland nach Schmalz, 80er Jahren, Dr. Stefan Frank oder „Schwarzwaldklinik“. Ein Format, von dem man denken könnte, es läge nicht unbedingt in Dagtekins Sucher. Er hat es als Herausforderung angenommen. „Ich wollte Medical machen, aber cool“, sagt Dagtekin, wieder mit einem Lächeln. Detaillierter wird er nicht. Aber das ist ja auch typisch für Autoren: Wer viele Stunden mit Schreiben verbringt, der seziert ungern seine Arbeit. „Cooles Medical“ jedenfalls ist ihm gelungen: In der Serie über die junge Ärztin Gretchen Haase (Diana Amft), die beruflich eine Heldin sein könnte, in der Liebe aber ein Pechvogel ist, verhält sich keiner so, wie man es in einer Arztserie, in klischeehaftem Sex and the Surgery-Settings wie „Grey’s Anatomy“, vermuten würde.
Für seine zwei Serien hat Bora Dagtekin Preise bekommen. Darunter den Deutschen Fernsehpreis (für „Türkisch für Anfänger“) sowie den Adolf-Grimme-Preis (für beide Serien). Disziplin, Ehrgeiz, sagt Dagtekin, das stecke hinter seiner Arbeit, hinter dem, was sich „Geheimnis eines Erfolges“ nennen lasse. Dass er ein außergewöhnliches Talent hat, verschweigt er natürlich.
Dagtekins nächste Projekte klingen so, als seien sie ihm im Halbschlaf zugeflogen: „Undercover Love„, eine Agentenkomödie für RTL im Stil von „True Lies“. Es geht um Identitäten, die vor dem Ehepartner geheim gehalten werden – und darum, die Welt vor einem Faschistenregime zu retten, das Hitlers U-Boote als Geheimwaffe benutzt. Das also ist Projekt eins. Projekt Nummer zwei: eine actionlastige Kinoadaption von Schillers „Die Räuber„. Mit dem Drehbuch dazu hatte er einst die Filmakademie Baden-Württemberg abgeschlossen. Der Inhalt? „‚Fluch der Karibik‘, bloß im Wald.“ Und dann ist da noch seine vielleicht größte Herausforderung: die Kinoadaption von „Türkisch für Anfänger“, die sich in der Vorbereitungsphase befindet. Er wird dafür ein Drehbuch in Spielfilmlänge vorlegen.
Er könne sich vorstellen, sagt er, irgendwann in den USA zu arbeiten. Dort, wo die besten Serien produziert werden. Sein Maßstab. Das muss wohl so sein. Es wird schwer, Bora Dagtekin hier zu halten.


Text:
Sassan Niasseri

Fotos: Jens Berger/tip 

Doctor’s Diary ab Montag, 3.8., 20.15 Uhr auf RTL

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