Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Melda Akbas – Die Stuhltänzerin

Die 19-jährige Deutschtürkin Melda Akbas hat ihr "Leben zwischen Moschee und Minirock" aufgeschrieben. Sie möchte aber keine Vorzeige-Migrantin sein

Melda_AkbasIrgendwann drückte Melda Akbas ihrer Mutter das Buch in die Hand, wortlos. Da war es noch nicht auf dem Markt, aber nicht mehr zu stoppen. Anne, das heißt Mutter auf Türkisch, las es in einer Nacht. Dann sagte sie nichts dazu, eine Woche lang. Anne musste es erst allein mit sich selbst ausmachen.
Dass Melda, geboren 1991, einen Jungen geküsst hatte, er hieß Batu, an ihrem 16. Geburtstag, auf einer Parkbank, das erste Mal, im Islam ist das ohne Eheversprechen streng verboten, Sünde.

Wie die Tochter zwei Jahre drängeln musste, bis Anne mit ihr erstmals zum Frauenarzt ging, aber auf eine türkische Ärztin bestand und bei der Untersuchung nicht von ihrer Seite wich, damit ja nicht ihr Jungfernhäutchen Schaden nehme.
Oder dass Melda, wenn sie die Schöneberger Wohnungstür zuschlug, züchtig gekleidet, sittsam, mit Tasche, bald darauf einen Minirock anzog, oder sexy Shorts, auf Partys ging, auch mal Alkohol trank. Ihr zweites Ich. Das wahre.
Vieles im Buch hatten ihre Eltern nicht gewusst. Jetzt ist das alles draußen in der Welt. Melda Akbas?  Buch „So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“, die selbstbewusste, flockig erzählte Geschichte einer türkischstämmigen Abiturientin mit deutschem Pass, eines Spagats zwischen ihrer Sehnsucht nach Freiheit einerseits und der Enge einer muslimischen Tradition der Eltern, und mehr noch der Großeltern, andererseits. Großeltern, die kaum Deutsch können, in den 70er-Jahren aus einem türkischen Dorf als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und nicht ahnten, dass sie bleiben würden, unter sich zwar, in der türkischen Community, aber eben für immer.

Melda_AkbasEs ist ein mäßig warmer Sommertag in einem Schöneberger Cafй, kurz vor 21 Uhr. Zwei Jahre zuvor hätte Baba, der Vater, Melda noch die Hölle heißgemacht, wenn sie um diese Zeit ausgegangen wäre. Jetzt aber kommt sie gerade mit dem Zug aus Basel, von einer Lesung, hat goldenen Lidschatten aufgelegt, einen markanten Lippenstift auch. Ihr Redefluss ist dicht, als müsse sie selten nach Worten suchen. Die Lesung ist gut gelaufen, wie so oft. Nur via Facebook oder StudiVZ dringen manche Idioten zu ihr durch, anonym natürlich. Muslime, die Miniröcke tragen, sollte man abschlachten. Solche Sachen. Nicht oft, aber trotzdem.

Melda Akbas mag es nicht, nun als Beispiel für  beispielhafte Integration herumgereicht zu werden. Aber das lässt sich kaum vermeiden bei einer jungen Migrantin, die scheinbar die „guten“ Klischees erfüllt, weil sie den anderen, den „schlechten“ entgegensteht (im Buch fehlt eigentlich nur ein „heikles Thema“: migrantische Jugendkriminalität). Die zum Beispiel seit ihrem siebten Lebensjahr in viele Schulgremien geht. Integration kontra Parallelgesellschaft, das klingt ihr alles zu hochgestochen, an der Realität vorbei, voller Unwissen. Melda sagt: „Es ist wichtig, dass der Buchuntertitel nicht meint: Scheiß Moschee, toller Minirock.“ Beides gehört für sie zusammen. Es lässt sich nur oft schwer miteinander vereinbaren. Aber Melda Akbas sitzt keineswegs zwischen allen Stühlen. Sie tanzt eher darüber hinweg.

Melda_AkbasVor einem Jahr ist sie vom gutbürgerlichen Schöneberger Schiller- auf das Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium gewechselt, Migrantenquote 98 Prozent. Viele Bildungsbürger, deutsch oder nicht, würden sich eher die Hand abhacken, als dort die Anmeldung für ihr Kind zu unterschreiben. In der alten Schule aber, sagt Melda, habe sie selbst Vorurteile gegen „Prolltürken“ entwickelt.
Ein Buch wollte sie schon länger verfassen. Daheim im Zimmer, das sie sich mit ihrem älteren Bruder teilt, schreibt sie Tagebuch, auch Kurzgeschichten. Es kam trotzdem unverhofft. Nach einem Praktikum in der Türkischen Gemeinde Deutschlands, dort betreute sie vor gut einem Jahr ein hoch gelobtes Projekt, um Migrationsjugendliche stärker für Schülervertretungen zu interessieren, wurde eine Literaturagentin auf sie aufmerksam.
Es ist ein aufmüpfiges Buch, sicher. Aber kein zorniges. Eher sogar: liebevoll. Ihre Familie steht hinter ihr. Mit ihrer Mutter hat sich Melda Akbas ausgesprochen. Es tat not, es tat gut. Baba allerdings habe ihr Buch noch nicht gelesen. Aber eines Tages wird er es tun. Ein paar Seiten, mutmaßt Melda, dürfte Baba dabei wohl überblättern.

Text: Erik Heier
Fotos: Oliver Wolff

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