Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Fuck for Forest – Die Nacktkämpfer

Leona Johansson und Tommy Hol Ellingsen sind Multiaktivisten von "Fuck for Forest". Ihre Ökopornos sollen der Natur helfen und für sexuelle Befreiung sorgen.

Fuck_for_ForrestJoin the resistance, fall in love“ steht auf dem Schild an der Wand einer Friedrichshainer Wohnung. Daneben sitzt auf einem Sofa eine junge Frau. Sie dreht an ihren Dreadlocks und lächelt sanft. Ihr gegenüber steht ein großes Metallbett, das das Zimmer fast ausfüllt. Auf dem Bett liegt ein junger Mann. Bunte Gebilde, die an Dreamcatcher erinnern, hängen von der Decke, fluoreszierende Deko stapelt sich in allen Ecken. Ein Ofen, ein geschmückter Cello-Kasten. Erst dann fällt der Blick auf eine Kamera direkt neben dem Bett. Dann fällt es einem wieder ein: Hier werden Pornos gedreht.

Die Wohnung ist die „Fuck for Forest„-Basis. Hier wohnen und „arbeiten“ die Naturschützer, oder besser Pornodarsteller. Die Mitglieder der Gruppe drehen Amateurpornovideos an unterschiedlichen Orten, mit unterschiedlichen Freiwilligen. Hauptsache echt. Hauptsache, alle haben Spaß. Auf ihrer Homepage veröffentlichen sie die Bilder und spenden das Geld, das die Abonnenten für die Inhalte bezahlen, an Naturschutzprojekte. Ist das nun Kunst, Naturschutz oder sexuelle Revolution? „Nur dein Verstand versucht, uns in Schubladen zu stecken“, sagen die Aktivisten.

Leona Johansson und Tommy Hol Ellingsen sind die Gründer der Ökopornoseite. Fragt man sie nach ihrem Alter, sagen sie: „Wir sind verschieden alt. Wir wollen darüber nicht reden.“ Man tippt auf Mitte 20. Die beiden lernten sich auf einem Festival in Dänemark kennen, wurden ein Paar, zogen zusammen und überlegten, was nun anzufangen sei mit dem Leben, den Überzeugungen und den Neigungen. Heraus kam 2004 die Idee für www.fuckforforest.com. Die norwegische Regierung unterstützte das Projekt. Nachdem Johansson und Ellingsen aber auf der Bühne eines Festivals vor tausenden von Zuschauern Sex hatten, bekamen sie eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und „flohen“ nach Berlin.

Leona und Tommy reden viel von der schädlichen „Kommerzialisierung des Sex“ und von den natürli­chen Instinkten. Es sind bekannte „Summer of Love“-Parolen, die die beiden eher besonnen als kämpferisch vortragen. Leona zuppelt an ihren Haaren und an ihrer bunten und löchrigen Kleidung herum, während Tommy sagt, man solle stolz sein auf seine Sexualität und zurück zur Natur finden. Es sind lange und überzeugte Vorträge, die sie halten.

Die großen Naturschutzorganisationen wie der WWF sind skeptisch und wollen lieber kein Geld von den Spendensammlern. „Wir unterstützen kleinere Projekte.“ Etwa 1000 Besucher sind monatlich bereit, 15 Dollar zu zahlen, um den jungen Hippies beim Ausziehen zuzusehen. Von dem Geld zahlen sie die Wohnung in Berlin und die Kosten zum Betrieb der Website. Der Rest des Geldes, so sagen sie, geht nach Ecuador an ein Aufforstungsprojekt, oder nach Costa Rica, wo sie einem lokalen Projekt geholfen haben, Land zurückzukaufen. Diesen Winter waren sie in Brasilien und haben dort für ihr Vorhaben geworben. „Wir selbst brauchen nicht viel Geld zum Leben“, sagen sie.Fuck_for_Forest

An der Wand hängen einige Zeitungsartikel über das Projekt. Das letzte Mal schrieben die Zeitungen im Zusammenhang mit einem Anarchiekongress an Ostern in Berlin über die Pornoaktivisten. Bei dem Work­shop „Anarchie und Sex“ wollten sie ihr Anliegen vorstellen und sorgten damit für Unstimmigkeiten unter den Anarchos. Einzelne Teilnehmer des Kongresses fühlten sich von der bloßen Nacktheit der Aktivisten provoziert und forderten deren sofortigen Rauswurf. Andere Teilnehmer fanden die Nack­ten total in Ordnung, und schon war ein lautstarker Streit über Sex in der Anarchie ausgebrochen, der in einem Tumult endete. „Plötzlich stand eine große Gruppe vor uns und eine andere hinter uns.“ Weil man sich anscheinend nicht einigen konnte, wo die Grenzen des Ertragbaren liegen, wurde der Kongress deswegen sogar aufgelöst. „Die Situation wurde zum Selbstläufer“, sagen die beiden belustigt. Nicht nur in der linken Szene sind sie umstritten. Im Netz findet man Vorwürfe, sie würden andere zum Sex vor der Kamera drängen.

Denen begegnen sie recht provokativ: „Die Vorwürfe gehen immer nur gegen Tommy. Das ist ganz schön sexistisch.“ Auch ein laxer Umgang mit Safer Sex wird ihnen nachgesagt. Doch die beiden wehren diese Vorwürfe lächelnd ab. Nur die monogamen Pärchen benutzten keine Kondome. Ob sie nicht verstehen könnten, dass manche Menschen sich durch ihr offensives Auftreten angegriffen fühlen? „Nein, denn diese Menschen haben ein Problem mit ihrer Sexualität, und genau denen wollen wir helfen.“

Text: Laura Ewert
Fotos: Harry Schnitger/tip

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