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Du bist Berlin: Helmut Hoffer von Ankershoffen – Der Angreifer

Helmut Hoffer von Ankershoffen macht mit dem WePad seiner Firma Neofonie dem iPad von Apple Konkurrenz. Nun muss er einige Skeptiker überzeugen.

HofferUnd dann schmiert das W-Lan ab. Ganz plötzlich. Es passiert bei der Vorführung eines neuen Projektes in seinem Büro. Mitten in Helmut Hoffer von Ankershoffens hochbeschleunigten Redefluss hinein. Semantisches Netz, Weltwissen. Eine Suchmaschine, die komplette Fragen beantwortet. Künstliche Intelligenz. Und dann das. „Wieso hängt hier mein Netz?“ Ankershoffen tippt auf dem Laptop ein. Apple Macbook Air übrigens. Er ist irritiert, leicht hektisch. „Hallo?“ Dann ratlos. „Ist mir jetzt peinlich.“ Für einen Moment sieht der Mann – 36, aus Weinheim bei Heidelberg, wehende Haare, dürftige Rasur – aus, als hätte ihn sein W-Lan persönlich beleidigt. Dann aber lacht er.
Ein Bürobau gleich neben der Charitй. Hier sitzen sie also. Die von Neofonie, Berliner Unternehmen, 1998 gegründet, 180 Mitarbeiter. Ihr Branchenruf als Programmierer, etwa von Suchmaschinen und Apps, ist gut. Viele Verlage sind Kunden. Apple auch. Den Giganten wollen sie jetzt anrempeln. Das Maß vieler Dinge. iPod, iTunes, iPhone. Eine Nummer kleiner ging‘s gerade nicht.
Kurz nachdem Apple mit seinem neuen Tablet-Computer-Wunderding iPad donnernd losmarschierte, rückte Ankershoffens Firma mit ihrem WePad raus, sattelte sozusagen als trojanisches Pferd auf das iPad-Marketing auf. Zuerst über eine Facebook-Gruppe, mittlerweile mit 20.000 Leuten. „Ganz bewusst machen wir Social- und Guerilla-Marketing mit einer Media-Response“, sagt Ankershoffen. Anders als bei Apple soll auf dem WePad Flash laufen. Es gibt zwei USB-Anschlüsse, eine Webkamera, einen SD-Karten-Slot. Kompatibel zu Android und Linux. Billiger auch.
So muss eine Wunschliste aussehen, die iPad-Enttäuschte an den Weihnachtsmann twittern. Die ersten Presseberichte klangen auch sehr erbaulich. Dann aber, Mitte April, kam diese Pressekonferenz. Vom „PR-Gau“ war die Rede. Ankershoffen gab das Gerät nicht aus der Hand. Darauf lief nur ein Demofilm. Eine Fehlermeldung ploppte auf. Aber nicht von Linux. Von Windows 7. Blogger zweifelten, wähnten Betrug. Irgendwo las Hoffer sogar, er hätte seinen klangvollen Namen nur gekauft. Quatsch. Früher hieß er Oertel. Vor fünf Jahren heiratete er Sandra Hoffer von Ankershoffen. Bayerischer Ex-Adel. Üppiger Stammbaum.
Den Grund für die Panne hat er danach immer wieder erzählt. Das Gerät habe im Kölner Zoll festgehangen, es wird in Asien gefertigt, die Manufaktur will er nicht „disclosen“, man munkelt von der Asus-Tochter Pegatron in Taiwan. Jedenfalls installiert diese Firma stets Windows. Das WePad kam kurz vor der Pressekonferenz an. Die Zeit war zu knapp, Linux draufzuspielen. „Mein Fehler. Ich hätte das einfach gleich sagen sollen.“Hoffer

Mittlerweile haben Tester bestätigt: Ja, es läuft. Noch nicht alles. Aber sehr viel. Die ersten WePads will man im Juli auf den Markt bringen. Den Vertrieb sollen später Verlage übernehmen.
Ein paar Schritte neben Ankershoffens Bürotür, den Gang runter, steht ein Regal. Das nennen sie hier „Fetischschrank“. Vergilbte Computerbücher. Eine alte Festplatte, „damit haben wir mal Festplattenweitwurf gespielt“. Fotos von den Firmengründern, ziemlich jung, alle wie er TU-Absolventen. 1996 haben sie die Suchmaschine Fireball entwickelt, in einem Uni-Projekt für Gruner und Jahr. Lycos kaufte Fireball. Im Flur hängt noch Ankershoffens Patent für ein Pageranking, das Suchergebnisse ordnet. Lycos war das zu teuer. Zwei Jahre später kam Google. Mit Pagerank.
„Wir waren natürlich ein bisschen sauer, dass Google die Datenautobahn dominiert“, sagt er, ein Science-Fiction-Fan, etwa von William Gibson. „Neuromancer“, „Cyberspace“. Alles 80er-Jahre. Visionär. „Da steht alles drin. Dass nach und nach staatliche Aufgaben von zwei, drei großen Unternehmen dominiert werden.“ Microsoft, Google, Apple. „Das führt langfristig zu Problemen.“
Dagegen sucht Ankershoffen Wege. Wie das WePad, seit einem Jahr in der Entwicklung, das alle Geschäftszweige bündelt: ein Produkt aus und für Europa. Mächtiger rhetorischer Überbau. Aber sein Credo auf einer TU-Alumni-Seite heißt ja auch: „Lieber kreativ und chaotisch nach vorne stürmen, als kontrolliert still stehen.“ Helmut Hoffer von Ankershoffen greift eben gern an.

Text: Erik Heier

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