Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Jens Best – Der Vorzeiger

Eigentlich ist Jens Best IT-Berater. Doch mit seiner Aktion „Verschollene Häuser“ startet er die Gegenoffensive zur Blockade von Google Street View

Jens-Best„Ich führe keinen Kreuzzug“, sagt Jens Best am Ende eines langen Gesprächs. In seiner Stimme liegt ein leichter Unterton des Seufzens.  Er wird in der letzten Zeit häufig angegriffen. Der Enddreißiger sieht nicht aus wie einer, der sich mit der halben Republik anlegen will. Im Mai rief er jedoch dazu auf, bundesweit Häuser, die in Street View unkenntlich gemacht werden, zu fotografieren und ins Netz zu stellen. Seine „Streetview“-Seite zur Aktion „Verschollene Häuser“ ist im Aufbau. Hätte der selbstständige IT-Berater geahnt, welche Lawine er damit lostritt, hätte ihn das sicher nicht aufgehalten. „Nicht meine Aktion ist eine Provokation“, stellt er selbstbewusst fest. „Die Provokation besteht darin, dass Google Leuten erlaubt, ihre Häuser zu verpixeln. Was öffentlich ist, muss öffentlich bleiben. Mit dieser Forderung verteidige ich eigentlich das Bürgerliche.“

Bests Aktion ging eine lange gesellschaftliche Debatte voraus. Darf Google mit seinem Geodienst Street View die Fassaden von Häusern online stellen? Wohlgemerkt, es geht dabei lediglich um Außenansichten aus der öffentlichen Straßenperspektive. Jens-BestViele sehen darin ein Indiz für die fortschreitende Überwachungsgesellschaft und einen Angriff auf die Privatsphäre. Zuspitzung erfuhr die Diskussion durch einen direkten Schlagabtausch zwischen Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Google. Das ärgert Best. „Wir sollten diese Debatte nicht einem Konzern und einer Ministerin überlassen. Bei einem Dienst werden Häuser gepixelt, bei anderen nicht, weil sie zu klein sind. Das ist mir zu willkürlich. Ich glaube, der gesellschaftliche Diskurs – nicht nur über Geodienste, sondern Web-Anwendungen generell – verlangt eine breitere Basis. Street View ist ein wunderbarer Kristallisationspunkt.“

Best weiß, dass er auf Widerstände stoßen wird. Eine Klagewelle gegen ihn und seine etwa 400 freiwilligen Mitstreiter ist vorprogrammiert. Er rechnet jedoch mit der juristischen und politischen Verteidigung des öffentlichen Raumes. Letztlich mache er ja nichts anderes, als Häuser zu fotografieren, wogegen in der analogen Welt schwerlich jemand etwas hätte. Und niemand habe sich darüber echauffiert, als man Haus und Hof mit relativ hoher Auflösung aus der Satellitenperspektive ins Netz stellte. Das war neu und aufregend. Aber bei Googe Street View komme die digitale Realität der analogen Optik des Alltags zu nahe. Jens-BestBest behauptet, zwischen beiden Ebenen vermitteln zu wollen, wie schon seit Jahren zwischen Politik und Web-Gemeinde. Doch hat er dafür das richtige Mittel gewählt? Unterschätzt er nicht einfach die Angst des Deutschen vor der Unantastbarkeit der Scholle? „Ich vertrete gern meine Meinung, aber eine Provokation in dieser Größe war nicht geplant. Es gibt jedoch immer Menschen, die mit ihren digitalen Möglichkeiten die Wirklichkeit im Netz anders darstellen. Google ist mit Street View wie ein großer Bruder, der vorangeht.

Ein durchaus problematisches Bild, denn der Verweis auf Big Brother dürfte kaum angetan sein, vorhandene Ängste zu besänftigen. Best weiß, wogegen er ankämpft, ist aber selbst noch in einer Phase der inneren Sammlung. Auch wenn er von seinen Gegnern gern zum digitalen Bürgerschreck und zur „hässlichen Fratze der Charakterlosigkeit“ stilisiert wird, ist der Berliner Web-Anarchist mit seiner speziellen Synthese aus sozialem Kunstwerk, politischer Provokation, groß angelegtem Schabernack und geschickter PR-Aktion doch vor allem ein sympathischer Querulant. 

Text: Wolf Kampmann
Fotos: Oliver Wolff

http://streetview.mixxt.de


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