Shopping und Stil in Berlin

Du bist Berlin: Johannes Spatz – Der Rauchmelder

Johannes Spatz, Berlins bekanntester Nichtraucherlobbyist, will die Zigaretten endlich aus Berlins Gastronomie verbannen. Er hat dabei einen langen Atem

Gefühlt ist es nur der Bruchteil einer Sekunde. Der Autor dieses Textes öffnet seine Tasche, holt einen Kugelschreiber heraus. Johannes Spatz, 67, hat einen flüchtigen Seitenblick herübergeworfen, nur einen einzigen. Wie zufällig. Die Zigarettenschachtel. Halb in der Tasche. „Aha, BAT“, grinst Spatz. Äh, wie bitte? „British-American Tobacco. Blauer Kreis auf weißer Schachtel. Richtig?“ Man fühlt sich irgendwie ertappt. An einem dieser backofenartigen Frühabende sitzt Berlins bekanntester Nichtraucherlobbyist in seinem Büro beim Forum Rauchfrei, 60 Mitglieder, im ersten Stock eines Kreuzberger Altbaus. Auf einem Bistrotisch liegt eine Broschüre, „Machenschaften der Tabakindustrie“. An der Wand kleben Vereinsplakate, eines stellt den Reichstag dar, darunter steht „Sponsored by Philip Morris“.

Dieses Bild hatte Spatz mal im Abgeordnetenhaus aufgehängt, bis ihm von der Verwaltung bedeutet wurde, dass im Haus Werbung nicht erlaubt sei. Werbung für die Tabakindustrie. Das sind so Geschichten, die Spatz‘ Laune richtig steigern.
Wobei das momentan gar nicht vonnöten ist. Denn am 1. August wird Spatz bestens gestimmt die Lage in seiner Geburtsregion verfolgen. München, Bayern. Dann tritt dort das totale Rauchverbot in der Gastronomie in Kraft, Anfang Juli durchgesetzt per Volksentscheid, 61 Prozent dafür. Von Bayern lernen heißt, Kippen ausdrücken lernen. Das ist Spatz‘ Traum. Auch für Berlin. Hier gerade. Er nennt die Metropole gern „Hauptstadt der Raucher und der Zigarettenindustrie.“

Nun laufen Forum Rauchfrei, Pro Rauchfrei und der Nichtraucherverband Berlin-Brandenburg zur Hochform auf. Das Anfang 2008 in Berlin in Kraft getretene und ein gutes Jahr später nach einem Bundesverfassungsgerichtsurteil zugunsten von Einraumkneipen bis 75 Quadratmetern aufgeweichte Nichtrauchergesetz soll, geht es nach ihnen, verschärft werden. Ganz auf die bayerische Art.
Einen Volksentscheid wie in seiner alten Heimat traut sich Spatz nicht zu, die rechtlichen Hürden sind dafür in Berlin deutlich höher als in Bayern. Aber für eine Volksinitiative reichen 20.000 Unterschriften. Dann müsste sich das Abgeordnetenhaus damit beschäftigen. Am besten mitten im Wahlkampf. Das wird dann lustig. „Ich denke, 40.000 schaffen wir“, sagt Spatz.
Man darf sich Spatz nicht als einen verbiesterten Dogmatiker vorstellen, mit dem einzigen Hobby, Rauchern auf der Straße die Kippen aus der Hand zu schlagen. Nicht nur, weil es da noch andere gibt: Ausstellungen, seine Querflöte.

Es ist nur so, dass Spatz, gelernter Arzt, Grünen-Mitglied seit 1980 und lange Jahre in Gesundheitsbehörden in diversen Bezirken tätig, sich schon immer vor allem als Präventionsverfechter sah, nicht als Verbieter. Zigaretten möchte er am liebsten nur von Apotheken oder aber lizensierten Abgabestellen vertreiben lassen, mit Beratung. Mit Heroin würde er das übrigens ähnlich machen. In den 80er-Jahren be- und entlud Spatz einmal in einem Reinigungssalon eine Waschmaschine, ließ sich davor und danach Blut abzapfen. Hinterher war der Anteil des als krebserregend verdächtigten Perchlorethylen (PER) in seinem Blut um ein Vielfaches höher. PER wurde aus den Reinigungen verbannt. Später, in Hohenschönhausen, initiierte er die Kampagne „Genuss, Sucht, Sehnsucht“ mit.

Seit Spatz vor zehn Jahren das Forum Rauchfrei mitgründete, nutzt er erst recht jede Gelegenheit, der Tabaklobby an den Nerven zu sägen. Wenn es sein muss, auch mit Klagen, zum Beispiel über die Verbraucherzentrale gegen einen „100 Prozent Biotabak“ oder gegen Zigaretten-Werbemodels, die jünger aussehen als 30, wie es doch sein muss.
Selbst geraucht hat Spatz auch mal, mit 15, aber nur ein halbes Jahr. Er hat einen langen Atem. Anfang der 90er Jahre etwa hat sich Spatz in Treptow sechsmal in Folge zur Stadtratswahl gestellt, weil die SPD/CDU-Mehrheit, wie er sagt, ihm keinen Grund nannte, weshalb sie ihn ablehnte.
Vor zehn Jahren gab es in Hohenschönhausen ein fiktives Gerichtsverfahren als Teil von „Genuss, Sucht, Sehnsucht“. Die Tabakkonzerne wurden wegen Verstoß gegen Werbeauflagen verurteilt. Spatz spielte da den Staatsanwalt. Den Ankläger.
Es hat ihm viel Spaß gemacht. 

Text: Erik Heier
Fotos: Daniel von Becker

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