Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Klaas Glenewinkel und Anja Wollenberg – Die Aufbau-Nahost-Helfer

Klaas Glenewinkel und Anja Wollenberg schulen Journalisten für die Arbeit in Krisengebieten. Ihr neuestes Projekt geht aber über die Medien hinaus: Sie betreiben eine Informationswebsite für deutsche Investoren im Irak

Du_bist_berlin_Glenewinkel_WollenbergIm Sudan gibt der Staatspräsident gerade im Fernsehen ein Interview, und im Prenzlauer Berg sitzt man dabei in der ersten Reihe. Im Büro des Berliner Medienunternehmens MICT wird das Bild per Satellit und Beamer großflächig über der Sitzecke am Empfang an die Wand geworfen. Live. „Der Sudan“, erklärt Klaas Glenewinkel, „ist einer der beiden Schwerpunktländer unserer Arbeit, da wollen wir ein wenig auf dem Laufenden bleiben, wie die arbeiten.“ Mit „die“ meint er die Journalisten. Denn die gemeinnützige Berliner Firma hat sich auf die Ausbildung von Journalisten in Konfliktgebieten spezialisiert. Das Ziel: „Medien in die Lage zu versetzen, mit journalistischen Mitteln an der Überwindung von Konflikten mitzuarbeiten.“

MICT steht für Media in Cooperation und Transition und beschreibt damit schon recht gut das Ziel des Unternehmens: durch Zusammenarbeit und Vernetzung von Medien und Journalisten Änderungsprozesse zu begleiten und zu un­terstützen. Schwerpunkt der Tätigkeit ist der Irak, doch seit Kurzem auch der Sudan. „Im Februar 2010 sind dort Wahlen, und eines unser Projekte ist der Aufbau eines Teams zur Wahlberichterstattung“, sagt Glenewinkel. Gerade erst ist er von einer Sudanreise zurückgekehrt – Ende des Monats geht es dann für drei Wochen in den Irak.
Zusammen mit seiner Freundin und Geschäftspartnerin Anja Wollenberg hat der 38-jährige Medienunternehmer die mittlerweile 15-köpfige Firma aufgebaut. Mehrere hundert Radio- und Zeitungsjournalisten hat das Unternehmen dort seit 2005 geschult und ausgebildet. Dabei entstand mit der Plattform Niqash eines der wichtigsten Internetportale über irakische Politik. Bestückt wird die Plattform ausschließlich von irakischen Korrespondenten. Sie kommen aus allen Provinzen.

Zwei Jahre lang lebten Glenewinkel und seine Freundin in Amman in Jordanien. Sie koordinierten den Medienaufbau Nahost von dort. Seit Herbst 2007 sind die beiden wieder in Berlin. „Wir wollen Strukturen aufbauen und stärken, die wichtig für ein Land sind“, erklärt Anja Wollenberg das Prinzip. „Medien können etwas bewirken in einer Gesellschaft, aber dafür muss man sie in die Lage versetzen.“
Im Irak treffen sie dabei auf eine junge Generation begeisterter Journalisten: „Die kämpfen wirklich gegen etwas“, sagt Wollenberg, „gegen Korruption, Diskriminierung oder für Transparenz.“ Ein Stockwerk höher, im dritten Stock des Bürogebäudes in der Marienburger Straße in Prenzlauer Berg, lernt gerade das jüngste Baby der gemeinnützigen GmbH laufen. Vor sechs Wochen hat MICT das Internetportal Wirtschaftsplattform Irak (WPI) gestartet: eine Nachrichtenseite mit Insider-News für investitionswillige deutsche Unternehmer und Firmen.

Finanziert vom Auswärtigen Amt, arbeiten hier fünf Redakteure daran, Nachrichten aus einer ungewohnten Perspektive bereitzustellen. „Wir schreiben auch, wenn es keinen abgerissenen Arm oder Skandal gibt“, sagt Chefre­dakteur Ralf Grauel hinter seinem weißen Mac. Schwerpunkt sind News über Messen, Investitionsprogramme und Ausschreibungen. Also Hintergrundinformation, die dazu beitragen sollen, die Hemmschwelle deutscher Unternehmer für Investitionen im Irak zu senken. Auch dafür greift man auf ein Korrespondentennetz vor Ort zurück. „Alles Leute, die nach sinnvollen und lukrativen Geschäftsmöglichkeiten recherchieren“, erklärt Glenewinkel. Das dient am Ende der Vermeidung von Konflikten: „Eine Ursache für Konflikte ist ja die soziale Ungerechtigkeit und die Armut. Investitionen schaffen Arbeitsplätze und tragen so zur Verbesserung der Sicherheit bei.“ Motto: Wandel durch Handel.
Geld ist dank westlicher Aufbauhilfe da und der Bedarf nach Waren und Know-how in dem zerstörten Land besonders hoch: „Das ist auf der einen Seite ein Land mit einem Riesenmarkt und sehr großen Bedürfnissen“, sagt Glenewinkel. „Und auf der anderen Seite will die deutsche Wirtschaft Geld verdienen. Das wollen wir zusammenbringen.“
Dass diese Seiten nicht immer so weit auseinander liegen, zeigt ein Stockwerk tiefer ein Blick auf das sudanesische Fernsehprogramm. Der Staatspräsident ist mittlerweile verschwunden. Stattdessen flimmern nunmehr amerikanische Cartoons über die Leinwand.

Text: Björn Trautwein
Fotos: Jens Berger/tip

www.mict-international.org
www.wp-irak.de

Weitere Portraits:

 

Sind Sie auch Berlin?
Jetzt in der tip-Community anmelden, Profil anlegen und interessante neue Leute kennen lernen.

Kommentiere diesen Beitrag