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Du bist Berlin: Mariam Kühsel-Hussaini – Die Weltenverbinderin

Ihr Buch „Gott im Reiskorn“ erzählt von der afghanischen Tragödie. Mehr aber noch entwirft Mariam Kühsel-Hussaini eine poetische Metapher von der Beziehung zwischen Orient und Okzident

Es ist ein Sittengemälde aus den späten 1970er-Jahren, so unwirklich, fast surreal, dass es beinahe unmöglich scheint, es mit all den anderen Bildern im Kopf in Einklang zu bringen. Dem Grauen in der Tagesschau. „Bluejeans und Twiggy-Wimpern, Schwimmbäder mit Bikinimode, Tanzlokale, Kinos und Bibliotheken.“
So schreibt Mariam Kühsel-Hussaini. Das ist nicht Paris, Berlin, London. Das ist Kabul, Afghanistan. Bald darauf marschiert die Rote Armee ein, mitten zwischen die längst aufklaffenden Fronten. Monarchisten, Kommunisten, Islamisten, Demokraten. Danach wird es immer nur noch schlimmer.

Einige Jahre zuvor, 1973, die Monarchie ist gerade abgeschafft worden, orakelt Sayed Da‘ud Hussaini, ein begnadeter Kalligraf mit besten Beziehungen zum König Zahir Schah, düster: „Ihr werdet sehen … ihr werdet noch sehen, was hierauf folgt … werdet die Leichen sehen, die auf den Straßen liegen … und verwesen … und stinken werden …“
Mariam Kühsel-Hussaini, geboren 1987 in Kabul, mit drei Jahren von ihrer Familie aus dem kriegszerrissenen Afghanistan über Delhi nach Süddeutschland gekommen, in den 1990er-Jahren nach Berlin gezogen, mit einem deutschen Kunsthistoriker verheiratet – sie ist die Enkelin dieses genialen Kaligrafen.Seine Geschichte erzählt  sie nun in ihrem Debütroman „Gott im Reiskorn“, nein, sie zelebriert sie geradezu, in einer blumigen, expressiven, metaphersatten, schwelgerischen Sprache, die ihre beiden Welten vereint, zusammenhält, verschmilzt: die persische und die deutsche. Es ist auch die Geschichte ihrer Familie. Und die Anatomie der afghanischen Tragödie.
Aber so ist es eben. Dinge gehen verloren. Manchmal findet man sie, wenn man nur lange genug danach sucht. Manchmal aber verschwinden sie für immer, gehen verschütt, lösen sich gleichsam auf. Sie existieren nur noch in den Erinnerungen weiter, den Geschichten, den Überlieferungen. Es scheint, als wenn es mit dem Afghanistan in Kühsel-Hussainis Buch so sein wird.  Sie sagt: „Das ist mein Pompeji.“

Ein Land, das einst farbig war, nicht schwarz-weiß, voll unendlich vieler Düfte, in dem religiöse Toleranz ebenso selbstverständlich wie der Tschador-Schleier in vielen Farben, der von den Frauen als Schmuck getragen wurde, nicht als Zeichen der Unterwerfung. Ein Land der Hochkultur. Dichtkunst, Kalligrafie. Ein Land, wo man am Radio bei der Mondlandung der Amerikaner mitfieberte und Dostojewski las. Ein Land, das als orientalisches Sehnsuchtsziel westlicher Touristen galt, die auf dem Weg zu den Buddha-Statuen von Bamiyan ihr Zelt einfach am Wegesrand aufschlugen. Jene Statuen, die die Taliban 2001 wegsprengten, ein halbes Jahr vor dem 11. September.
„Das sind Tiere“, sagt sie mit aufbrausendem Temperament, das man häufiger spürt während des Gesprächs, „die nichts mit Afghanistan, nichts mit dem Islam, nichts mit dem Orient zu tun haben.“
Mariam Kühsel-HussainiDenn der Orient, das ist die Schlüsselmetapher des Buches. Wie er mit dem Okzident harmonieren kann. Dass es möglich ist.
Mariam Kühlsel-Hussaini definiert ihr ganzes Wesen über das Schreiben, aufgewachsen mit der Schönheit des Wortes, mit den Gedichten in der persischen Sprache Dari, die ihr Vater Rafat, Sekretär im afghanischen Schriftstellerverband, Bereich Lyrik, rezitierte. Im deutschen Exil sollte er fast zerbrechen an seiner verlorenen Sprache. Als sie einmal zum Buch greift, eine Passage vorliest, wird es vollends klar. Ihre Stimme muss Säle füllen können. Die Silben, die Worte, die vershaften Sätze reiten darauf wie auf einer Meereswoge. Ihre Lesungen dürften ein ziemliches Ereignis werden.

„Ich habe immer gewusst, ich muss dieses Buch schreiben“, sagt Mariam Kühsel-Hussaini. Von klein auf hat sie die Erzählungen ihrer Eltern aufgesogen, präzise, detailliert, immer wieder. „Ich würde gern irgendwann den sogenannten Heimatboden betreten“, sagt sie „und das alles nachriechen, nachschmecken, was ich aufgeschrieben habe.“
In einer Episode in ihrem Buch schickt der Kalligraf Da‘ud Hussaini, ihr Großvater, ein Reiskorn, es ist das Frühjahr 1939, nach Berlin in die Voßstraße 1. In Hitlers Reichskanzlei. Es ist eine Friedensbotschaft am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Auf das Korn hat Da‘ud die erste Koransure geschrieben, mit unendlich filigraner Hand. Die Sure, in der das jüngste Gericht vorkommt, das es im Orient ebenso gibt wie im Okzident.

Text: Erik Heier

Fotos: Benjamin Pritzkuleit


Mariam Kühsel-Hussaini ?„Gott im Reiskorn“
Roman, Berlin University Press, ?315 Seiten, 22,90 Ђ

 


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