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Du bist Berlin: Markus Schatte – Der Boateng-Coach

Diese Siebtklässler fielen Markus Schatte, Fußballlehrer an der Poelchau-Schule, damals sofort auf. Jetzt fahren die Brüder Kevin und Jérôme zur WM

Markus SchatteDann also, los geht’s, erste Flankenbälle, hoch in den Strafraum, zwei junge Männer sprinten los, keine 19 Jahre alt, Direktabnahmen. Der erste Schuss: weit drüber. Der zweite: Pfosten, immerhin. Ein Mann mit Brille, kurzen Haaren, Trainingsanzug, 53 Jahre alt, schüttelt den Kopf: „Das will ich aber technisch besser sehen.“
Ein Rasenplatz neben dem Charlottenburger Mommsenstadion, es ist ein später trüber Dienstagnachmittag, Trainingszeit der U-19-Fußballmannschaft von Tennis Borussia. Der Rasen liegt nur wenige Meter von jenem Platz entfernt, auf dem Mitte der 90er-Jahre zwei der größten Talente, die der Berliner Fußball je hervorbracht hat, erstmals auffielen: die Boatengs, später bei Hertha BSC Profis. Berlins bekannteste Halbbrüder fahren demnächst zur Fußball-WM nach Südafrika. Der jüngere, Jйrфme, für Deutschland, der ältere, Kevin-Prince, für Ghana. Am 23. Juni könnten beide in Johannesburg aufeinandertreffen. Deutschland gegen Ghana. Dann wird Markus Schatte, das ist der Mann mit der Brille, interessiert vor dem Fernseher sitzen. Denn er hat damals beide Brüder trainiert, dreimal wöchentlich am Vormittag.

Markus SchatteSchatte ist Trainer der U-19-Fußballmannschaft von Tennis Borussia und Lehrer an der Poelchau-Schule, „Eliteschule des Fußballs“, Kooperationspartner von Hertha und Tennis Borussia. Kevin kam zuerst in seine schulische Trainingsgruppe, in der siebten Klasse, „motorisch unglaublich gut,  mit hoher Lerngeschwindigkeit“, erinnert sich Schatte. „Der wäre auch in anderen Sportarten gut gewesen. Aber er war verrückt nach Fußball.“ Ein unglaublicher Jahrgang fand sich da nach und nach zusammen. Neben Kevin Boateng zum Beispiel Ashkan Dejagah, Zafer Yelen, Sejad Salihovic. „Die hattest du alle in einer Trainingsgruppe!“, sagt Schatte sichtlich begeistert. „Das kommt so schnell nicht wieder.“ Alles spätere Profis, davon träumen heute auch seine Jungs auf dem Rasen, die meisten wohl vergeblich. Auch wenn Schattes A-Jugend von TeBe von den letzten acht Jahren sechs in der höchsten Spielklasse bestritt. Dieses Jahr sieht es leider wieder nach Abstieg aus. „Als Amateurverein kannst du mit den Bundesliga-Clubs nur schwer mithalten“, sagt Schatte. Neulich hat er aus Spaß in der Schulpause mal auf einer Internetseite nach dem Marktwert seiner heutigen U-19-Spieler geguckt. Manche standen schon bei 50.000 Euro. Fast alle haben einen Spielerberater. Keiner aber ist schon so weit wie einst die Boatengs.


Markus SchatteIn der deutschen Wahrnehmung heißt es momentan gern: der gute Boateng, Jйrфme, aufgewachsen in Wilmersdorf, zuletzt beim Hamburger SV, ein lässig-schlacksiger Verteidiger. Und der böse Boateng, Kevin, im Wedding groß geworden, jetzt beim FC Portsmouth, ein stürmendes Muskelpaket, der im englischen Cupfinale Michael Ballack rüde aus Löws WM-Kader trat. Der Ghetto-Boy. Schatte winkt ab. „Bei mir war er ein normaler Schüler“, sagt er. „Kevin kam sogar mit einer Gymnasialempfehlung zu uns.“ Jйrфme, der zwei Jahre später dazustieß, habe zwar nicht dieses Talent gehabt, nicht ganz, aber seine Physis habe sich später enorm verbessert. Als Hertha nach TeBe 2001 als Kooperationspartner dazukamen, wechselten beide zur Hertha-Gruppe. Weg von Schatte. Der Coach hat das englische Cupfinale im Fernsehen gesehen, Boatengs Foul auch, natürlich ein übler Tritt, „aber ich fand das auch nicht schlimmer als das von Ribery gegen Lyon.“ Richtig fassungslos macht ihn aber, dass manche deshalb auch Jйrфme nicht bei der WM sehen wollten: „Wo kommen wir denn da hin? Sippenhaft?“

Markus SchatteSeit zehn Jahren ist Schatte Lehrer an der Poelchau-Schule, Jugendtrainer bei TeBe mehr als doppelt so lange, mit einem kurzen, mäßig erbaulichen Intermezzo als Männertrainer von Hertha 03 Zehlendorf. Sein Talentbegriff geht weit über die reine Motorik hinaus. Willen sei wichtig, eine professionelle Lebenseinstellung auch. Das war gelegentlich vor allem Kevin Boatengs Problem. „Von heute auf morgen Millionär, damit muss man erst mal umgehen können“, sagt Schatte. Am 23. Juni drückt Schatte natürlich Deutschland  die Daumen. Er sagt aber, wenn Kevin für Ghana ein Tor mache, würde ihn das auch freuen. Es muss ja nicht unbedingt das Siegtor sein.

 

Text: Erik Heier

Foto: David von Becker

 

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