Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Michael Preetz – Der Verwerter

Michael Preetz, der neue Geschäftsführer der Hertha BSC, ist kein Mann der großen Worte. Er will lieber Taten für sich sprechen lassen

Michael_PreetzFußballclubs sind ganz schön komplizierte Gebilde. Das kann man gut daran ersehen, wie die Karriere von Michael Preetz verläuft. Bis vor wenigen Wochen war er bei Hertha BSC noch „Leiter der Lizenzspielerabteilung“. Das klingt auf jeden Fall besser als „Assistent der Geschäftsführung“ oder „Lehrling von Dieter Hoeneß“, hieß konkret aber vor allem, dass Preetz neben Trainer Lucien Favre auf der Bank sitzen durfte, wenn die Mannschaft von Hertha BSC ein Spiel hatte. Er hatte dort nicht viel zu tun – wenn die Hertha ein Tor schoss, fielen Preetz und Favre einander in die Arme, und nach einem Sieg stapften sie beide stolz auf den Rasen.

In der vergangenen Saison gab es einen Moment, in dem Michael Preetz ein wenig aus dem Schatten hätte treten können. Denn die Hertha begann in diesem März, durch die Liga zu tanzen. Zuerst gab es einen Sieg in Cottbus, damals wurde Dieter Hoeneß in den Kreis der Mannschaft geholt, und dann tanzte der Manager. Die Kameras und die ganze Republik sahen zu und staunten. Eine Woche später, nach einem Sieg über Bayer Leverkusen, wiederholte sich das Ritual. Dieses Mal musste der Trainer, ein ausgewiesen nüchterner Typ, einen Spree-Sirtaki hinlegen. Er bestand die Aufgabe mit Bravour. Nach dem Gesetz der Serie wäre wieder eine Woche später Michael Preetz dran gewesen, aber Hertha verlor in Stuttgart, und die Euphorie war fürs Erste gebrochen. Der Leiter der Lizenzspielerabteilung konnte an seiner diskreten Rolle festhalten. Er wuss­te, dass die Zeit auf seiner Seite war.

Michael_PreetzEin Tänzer war Michael Preetz schon als Fußballspieler nicht. Er war keiner jener Stürmer, die ihrem Gegner einen Knoten in die Beine dribbeln. Er war ein Verwerter, er wusste mit dem Zuspiel der Kollegen etwas anzufangen, und wenn sonst nichts ging, hielt er seinen Kopf hin. So schoss er, nachdem er 1996 zur Hertha gestoßen war und mit der Mannschaft ein Jahr später in die Bun­desliga aufstieg, im Lauf der Jahre insgesamt 93 Tore für den Hauptstadtclub – das allein hätte gereicht, ihn für ewige Zeiten zu einer lokalen Legende werden zu lassen. Und er hätte bloß ein paar Monate eine Schulbank in Köln drü­cken müssen, wo sie neue Trai­ner ausbilden, irgendwann hätte er in Berlin sicher auf der Bank gesessen – als Coach. Aber der intelligente Michael Preetz hatte andere Pläne – nicht zufällig studierte er nach der Karriere Sportmanagement –, und die Hertha hatte andere Pläne mit ihm. So wurde er als Leiter der Lizenzspielerabteilung installiert, mit der klaren Perspektive, 2010 die Nachfolge von Dieter Hoeneß zu übernehmen. Und so saß er auf der Bank und hielt sich auffällig zurück, als im Lauf der letzten Saison immer deutlicher wurde, dass innerhalb der Hertha ein Machtkampf im Gange war – zwischen dem neu bestellten Präsidenten Werner Gegenbauer und dem Manager Dieter Hoeneß, der die Mannschaft in die erste Liga geführt hatte und gern daran erinnerte, dass die Hertha gerade einmal eine Schreibmaschine besaß, als er das Ruder übernahm.

Die Auseinandersetzung nahm manchmal Züge einer Posse an, interne Briefe gingen sofort an die Öffentlichkeit, bei Pasta und Fisch fanden verschwörerische Ge­burts­tagsfeiern statt, die lokale Boulevardpresse stand immer Spa­­lier. Dabei hatte die Sache einen sehr ernsten Hintergrund. Es ging um den künftigen Kurs der Hertha, um wirtschaftliche Vernunft (und kleine Brötchen) gegen langfristige Schulden (und ris­kantere Transfers). Als der Manager schließlich seine Niederlage eingestehen und nach über zehn Jahren den Schreibtisch räumen muss­te, hatte Michael Preetz immer noch kein Wort in der Öffentlichkeit gesagt.

Michael_PreetzSeit Juli ist er Geschäftsführer für Sport, Kommunikation und Medien, einen Leiter der Lizenzspie­lerabteilung gibt es nicht mehr, das macht der Ge­schäfts­führer persönlich. Jetzt sitzt Michael Preetz sehr häufig mit Lucien Favre zusammen, sie tauschen sich über Spieler aus der schwedischen Liga aus oder machen Planspiele für die linke Defensivseite der Mannschaft. Jedem Planposten entspricht eine Ziffer im Budget, wenn die Ziffer nicht passt, gibt es keinen Planposten. Bei Hertha BSC ist wirtschaftliche Vernunft eingezogen. Stars werden vorläufig aus anderen Bereichen ausgeborgt: Bei einem Konzert in Köpenick trat Campino, der Sänger der Toten Hosen, im Hertha-Trikot auf. Der Grund: eine Wette mit Michael Preetz, der wie Campino in Düsseldorf geboren wurde. Wenn irgendwann die Wette aufgeht, die Michael Preetz auf die Zukunft der Hertha eingegangen ist, dann wird er tanzen müssen. Im Mittelkreis, vor 74.000 Fans. Und mit allen Lizenzspielern.

Text: Bert Rebhandl
Fotos: Engler

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