Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Pit Schultz – Der Radio-Dompteur

Ein freier Kultursender jenseits des Mainstreams im Äther: Daran arbeitet Pit Schultz mit Reboot.FM. Aber die Aussichten bleiben vage

Pit_SchultzDer Mann, der seit sieben Jahren daran arbeitet, ein freies Kulturradio für Berlin aufzubauen, sieht fast ein bisschen aus wie ein Sozialarbeiter. In Outdoor-Jacke und Trekking-Schuhen kommt Pit Schultz, Gründer von Reboot.FM, auf einem Mountainbike zum Haus der Kulturen der Welt, ein schlacksiger Mann Mitte 40, das Gesicht hager. Wenn er spricht, schweift sein Blick in die Ferne.
Mit dem Studio im HKW ist Reboot.FM in der Hochkultur angekommen, der 1950er-Jahre-Bau ist zum Resonanzraum der freien Szene Berlins geworden. „Die Architektur lebt“, sagt Schultz, als er mit langen Schritten durch das riesige Foyer läuft. „Diese Erhabenheit!“ Vor allem nachts. Denn dann sendet Reboot.FM mittwochs und samstags von 22 bis sechs Uhr. Bereits 2004 gegründet und immer wieder zeitweilig im Äther, sind sie jetzt auf der nichtkommerziellen UKW-Radiofrequenz 88,4 Megaherz zu hören. Als Pilotprojekt, begrenzt auf ein Jahr. Vorerst zumindest.

Das Studio liegt versteckt in einem Seitengang, in einem schmalen Raum, der, als das HKW noch Kongresshalle hieß, so etwas wie die frühe Version eines Cybercafйs war. In die Seitenwände sind schmale Türen eingelassen, dahinter verbergen sich samt eingebauter Aschenbecher die alten Telefonzellen, von denen aus die Amerikaner, die damals in Berlin lebten, günstig nach Hause telefonieren konnten. Auf den Tischen in der Mitte des Raums stehen Mischpulte mit blinkenden Lichtchen und vielen Reglern, CD-Player, Plattenspieler und zwei Mikrofone mit schmuddeligen Schaumstoff-Überziehern. „Gestern saßen hier die Toten Crackhuren im Kofferraum“, sagt Schultz. Pit_Schultz
Genau das ist für ihn Reboot.FM: an einem Tag eine Mädchen-Trash-Band, dann wieder Detlef Diederichsen oder Steve Morrell, die Sick Girls oder Markus Detmer vom Label Staubgold, Diskussionen über Gentrifizierung, Gespräche auf Türkisch, Spanisch oder Englisch. Paula Varjack gibt seit Neuestem Slam Poetry zum Besten. „Und ich bin so etwas wie der Dompteur des Ganzen.“
Der Radiosender ist Schultz‘ Versuch, die Kreativität dieser Stadt abzubilden. London hat dafür Resonance FM, New York das East Village Radio – und Berlin nun eben Reboot.FM, für Schultz ein authentisches Aushängeschild Berlins. Deshalb versteht er auch nicht, warum Millionen Euro für eine „be berlin“-Kampagne ausgegeben werden, während er sich mit seinem Radio von einer Förderung zur nächsten hangelt. Hier mal Projektmittel vom Hauptstadt-Kulturfonds, dann wieder ein halbes Jahr lang gar nichts. Er begreift auch nicht, warum es sieben Jahre und einen neuen Medienrat brauchte, ehe es zumindest ein vages Konzept für die Frequenz 88,4 gab, auf der Reboot.FM sich nun mit anderen Radiogruppen die Sendefenster teilt. Doch so richtig sicher sei es nicht, wie 88,4 in Zukunft genutzt werde, sagt Schultz. Und dass eine Behörde an diesem Modell arbeitet, passt für ihn so gar nicht zu seiner Idee eines freien Kulturradios.

Pit_SchultzWer wie Schultz 1986 nach Berlin kam wegen des Studiums und vor allem wegen der Stadt, der hat eine Biografie, die der vieler Kreativer seines Alters hier ähnelt. Schultz, der in Heidelberg aufwuchs, zog nach der Wende in die neue Mitte, sein Bruder ist der Gründer des WMFs. Die 90er verbrachte er auf Ausstellungen in Abrisshäusern und in halblegalen Clubs, die es heute nicht mehr gibt. Trotzdem ist Schultz anders, kein Künstler, sondern Informatiker. Vielleicht war er deshalb schon immer so etwas wie eine Schnittstelle, arbeitete mit dem Chaos Computer Club und fuhr mit Klaus Biesenbach 1997 zur documenta.
Immer wieder war nichtkommerzielles, freies Radio das Medium, mit dem Schultz seit 1998 probierte, die verschiedenen Szenen zusammenzubringen. Doch es dauerte bis 2003, ehe er dem Ganzen einen Namen gab und Radio zu seinem Hauptfokus wurde. Im Gegensatz zu Printmedien hat Radio für Schultz bis heute kaum an Modernität verloren. Immer noch fehle dem Internet der unmittelbare Charakter einer Radioshow. „Internet ist kein Echtzeitmedium“, sagt Schultz. Vor allem aber ist da für ihn diese Körperlichkeit, die von der Stimme über den Äther getragen wird: „Radio ist warm.“

Wenn man ihn nach den Sendungen fragt, die er selbst moderiert, lacht er verlegen. Er hat gerade ein Faible für alte Funkscheiben, wie sie damals die G.I.s nach Heidelberg mitbrachten. „Ich mache das Ganze hier aber nicht, damit ich eine eigene Sendung haben kann“, sagt Schultz. Er will einfach nicht aus der Übung kommen. Vor allem aber will er nicht vergessen, worum es bei Reboot.FM eigentlich geht. Darum, Musik und Kultur jenseits des Mainstreams Raum zu geben. So viel Raum wie möglich.     

Text: Anne Lena Mösken
Fotos: David von Becker


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