Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Susanna Kraus – die Großbildjägerin

Die Schauspielerin und Künstlerin Susanna Kraus hat die größte Kamera der Welt reaktiviert. Der Schöpfer war ihr Vater. Lange schien die Wiederbelebung der Imago 1:1 aussichtslos

Susanna KrausDie Fotos: eigenwillig kontrastierte Gesichter, in denen Licht und Schatten beieinander liegen wie ein Liebespaar. Körper, die aussehen, als hätten sie sich aus der Finsternis um sie herum befreit. Bilder von zwei Metern Höhe und 60 Zentimetern Breite. Menschen von wahrer Größe. Die Kamera: ein Monstrum, ein Wunderwerk, ein Unikum. Sieben Meter lang, vier Meter hoch, dreieinhalb Meter breit. Sie sieht vorn aus wie der Bug eines U-Bootes.

Die Imago 1:1 ist die größte begehbare Selbstporträtkamera der Welt.

Durch eine Stahltür steigt man in eine enge Kammer ein. Dort macht man alles mit sich selbst aus. Unter drei großen und einem kleinen Scheinwerfer, wie auf einer Theaterbühne. Vor einem schwarzen Samtvorhang, der die Finsternis in die Fotos zaubern wird. Mit einem Spiegel, der ein seitenrichtiges Bild zurückwirft, nicht das sprichwörtliche spiegelverkehrte. Mit Selbstauslöser. Es sind Selbstbilder in jeder Hinsicht. Das Abbild wird in eine zweite Kammer nebenan gelenkt und direkt auf einem Silbergelatine-Schwarzweiß-Umkehrpapier belichtet. Das Foto, das zehn Minuten später fertig ist und 240 Euro kostet, ist einzigartig. Kein Negativ, keine Nachbearbeitung, keine Kopie. Der pure Augenblick.

Susanna KrausEs dürfte sie eigentlich gar nicht mehr geben, die Fotos und die Kamera. Ersonnen in den frühen 70er Jahren, Mitte der 80er Jahre eingemottet, dann vergessen. Bis sich Susanna Kraus daran erinnerte. Die in München geborene Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin, 51 Jahre alt, lebt in Berlin. Die Imago 1:1 ist sozusagen eine Familienangelegenheit.

Anfang der 70er Jahre finden sich in München Künstler, Schauspieler, Modeschöpfer und Galeristen oft zu „Sessions“ zusammen: nächtelange Kreativ­szenetreffen. Dafür werden manchmal Kunstobjekte gebaut. Eines Tages grübelt Erhard Hössle, Nürnberger Professor für Goldschmiedekunst, mit einem Freund an einer Kamera für Selbstporträts in Original­körpergröße. Dieser Freund heißt Werner Kraus, Physiker für Hochgeschwindigkeitsfotografie bei Daim­ler-Benz in Stuttgart. Es ist Susanna Kraus’ Vater. Kraus entwickelt die spezielle Optik für die Kamera. Hössle entwirft die Form, verschweißt Stahlplatten, zieht Planen auf. 1972 präsentieren beide die Imago 1:1 im privaten Rahmen. Sie ist bald bekannt: 1974 Weltausstellung der Fotografie, Nürnberg. 1976 Photokina, Köln. Dann bis 1979 Galerie Richard P. Hartmann, München. Anfang der 80er Jahre wird jedoch das spezielle Fotopapier am Markt rar. Hersteller Agfa gibt Mitte der 80er Jahre die Produktion auf. Die Digitalisierung beginnt. Die XXL-Kamera verschwindet im Lager der Neuen Sammlung München. Als wäre sie aus der Zeit gefallen.

2004 sucht Susanna Kraus nach einem Geburtstagsgeschenk. Ein alter Jugendfreund wird 60. Ihr fallen gemeinsame Bilder aus den 70er Jahren mit der Imago 1:1 ein. Sie stöbert bei ihrem Vater, zieht eine Schublade auf, findet einige Rollen. Gleich auf dem ers­ten Foto sind tatsächlich ihr Jugendfreund und sie drauf. Sie kann es kaum glauben.

Susanna Kraus
Da beschließt sie, die Imago 1:1 zurück ins Leben zu holen. Sie braucht dafür das Fotopapier, das es nicht mehr gibt, telefoniert umher, fragt sich durch, „bis nach China, bis zu Giftküchen in Russland“. Oft rät man ihr: „Vergessen Sie es!“ Doch sie gibt nicht auf, ändert nur die Strategie: Umkehrentwicklungsmaschine statt Umkehrpapier. Von einem dubiosen Verkäufer ersteht sie eine alte Anlage. Er will 15.000 Euro. Sie zahlt 5000 an. Es ist ein Schrotthaufen. Die Schläuche sind leck. Plötzlich steht Susanna Kraus knöcheltief in hochgiftigen Chemikalien. Dann forscht sie lieber wieder nach dem Papier. Zwei Jahre währt die Suche, dann erhält Susanna Kraus endlich das ers­te Testpapier. Firmen aus mehreren Ländern haben alte Emulsionen zur Papierbeschichtung wieder aufgelegt und weiterentwickelt. Nur für sie. Da sind es nur noch drei Wochen bis zur ers­ten Ausstellung in Wien, November 2006. Viele weitere folgen. Mit der Wiener Dozentin für Fotografie Annegret Kohlmayer inszeniert Susanna Kraus auch Bilderserien über den Zirkus Roncalli und die griechische Mythologie.

Als ständiger Ort schwebt Su­sanna Kraus ein zentraler Berliner Galerieraum vor. Seit Anfang November steht die Imago 1:1 zum „Monat der Fotografie“ erst mal in den Weddinger Uferhallen, bis Ende des Jahres. Neben ihr ist eines der ersten Fotos platziert, das nach ihrer Wiedererweckung entstand. Es zeigt Susanna Kraus’ Vater mit Erhard Hössle. Die alten Männer sehen fröhlich aus, fast spitzbübisch. Zwei Lichtgestalten, der Finsternis entronnen.

Text: Erik Heier

http://imagocamera.com

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