Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Tarik Kara – Der Fladenbrot-Hipster

Jetzt neu im Kino: Mustafas Gemüse-Kebab. Mit seinem Imbiss arbeitet Tarik Kara weiter am perfekten Döner – mit aller Leidenschaft.

Tarik_MusterfaEin Kornfeld, lichtdurchflutet, weichgezeichnet. Sanfte Musik. Eine junge Frau sitzt auf einer Bank, reckt einen Döner in die Höhe, küsst ihn. Dahinter zieht Mustafa Karotten und Zwiebeln aus dem Feld, zerbricht eine knackige Möhre und verspricht gesunde Zutaten, dem Döner zuliebe: „Davor steh ich mit meinem Namen.“

Jetzt ist der schräge Werbespot, der nicht zufällig an eine bekannte Hipp-Werbung erinnert, in Berliner Kinos zu sehen. Mustafa heißt eigentlich Tarik Kara und ist Inhaber von „Mustafas Gemüse-Kebab“ auf dem Mehringdamm. Dem Dönerladen, der in Reiseführern als Geheimtipp gehandelt wird. Wo es den besten Kebab der Stadt geben soll. Tarik Kara ist 39, geborener Türke und Dönerspezialist. „Ich esse fast täglich einen“, sagt er, „meine Frau und die elf Mitarbeiter auch.“ Er verschlingt seinen förmlich und urteilt: etwas wenig gewürzt heute. „Nachdem man ihn gegessen hat, muss man den Döner noch auf der Zunge schmecken.“

So, wie er an diesem Donnerstag im Cafй sitzt, will der Döner in der Hand nicht so recht zu dem Mann passen. Tarik Kara trägt keine weiße Kochmütze und keine rote Schürze wie im Werbespot, sondern sorg­fältig gescheitelte Haare und einen schwarzen Kurzmantel. Er sieht ein wenig aus wie ein Geschäftsmann. Dabei ist er keiner, der viel über Geld nachdenkt. Der „Motz“-
Verkäuferin, die hier öfter steht, bietet er einen Döner an, wenn sie Hunger hat.

„Vielleicht habe ich das von meinem Großvater“, sagt er. Tarik Karas Geschichte ist die von vielen Gastarbeiterkindern in Berlin, wie sie derzeit zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei oft erzählt wird. 1973 wurde er in der Nähe der Stadt Samsun an der Schwarzmeerküste geboren. Die Eltern kamen kurz nach seiner Geburt nach Deutschland. Tarik wuchs bei den Großeltern auf. Der Opa war der erste, der im Dorf ein Geschäft hatte. Er schenkte Bedürftigen und Kindern oft Essen und Süßigkeiten. Mit sieben Jahren wird Tarik nach Berlin geholt. Die Stadt, die Kultur, alles ist ihm fremd, auch seine eigene Familie. Er will zurück zu den Großeltern, seinen „wahren Eltern“. Er weint viel und betet. Das habe ihm Stärke gegeben, von der er noch heute zehre, sagt er. Doch Tarik lernt sich anzupassen, spricht schnell deutsch und wechselt von der Integrations- auf eine deutsche Schule nach Wilmersdorf. Er macht seinen Abschluss, heiratet seine Freundin Songül, bekommt zwei Söhne, schlägt sich mit Aushilfsjobs durch, auf dem Bau, als Maler und als Gärtner. Schließlich wird er Dönerverkäufer in einem Imbiss in Kreuzberg. Doch die Arbeit macht keinen Spaß, Tarik ist nicht zufrieden mit der Qualität und mit der Einstellung der Mitarbeiter zum Kebab. Er will den perfekten Döner. Den mit Leidenschaft.

Als Tarik bereits zehn Jahre am Mehringdamm wohnt, trifft er zufällig eine alte Dame. Sie ist die Besitzerin einer Imbissbude auf der anderen Straßenseite. Und sie will verkaufen. „Das war Schicksal“, sagt er. „Die Gegend bringt Glück.“ Die Schlange vor seinem Laden ist heute, sechs Jahre später, mindestens genau so lang wie vor dem Curry 36. Geduldig warten sie. 20, 30 Minuten. Letztens habe im Gästebuch gestanden: „Das nächste Mal in Berlin gehe ich wieder zur Schlange“, erzählt Tarik. „Verrückt!“

Und dann stehen irgendwann die Leute von Dojo vor der Bude. Eine junge Werbeagentur. „Wir haben uns unterhalten und es hat gefunkt“, sagt Tarik. Joachim Bosse, einer der beiden Geschäftsführer, wird ein enger Freund. Die Dojo-Agentur bekommt kostenlosen Döner und Tarik eine durchgestylte Webseite (www.mustafas.de). Döner fliegen dort durch die Luft wie im Schlaraffenland. Auf Knopfdruck spielt ein Gitarrist einen Dönersong. Ein Comic-Tarik steht in der Imbissbude und fragt „Magst du Soße?“, „Was zu trinken, Bruder?“ Das Bild von ihm als Klischee-Dönerverkäufer ist für Tarik kein Problem. Gelegentlich macht er sich einen Spaß und redet mit seinen Kunden extra im Dönerladenslang. Manchmal kommen auch Leute mit kommerziellen Ideen, die Mustafa richtig groß machen wollen. Tarik lehnt dann höflich ab, für ihn ist das uninteressant.  
Wer der Namensgeber Mustafa ist, das will Tarik nicht verraten. „Wir sagen immer so etwas wie ‚der ist im Urlaub und kommt nur, wenn er Geld braucht‘.“ Doch Mustafa ist mehr als ein türkischer Klischeename. Der Prophet heiße zum Beispiel mit zweitem Namen so, erklärt Tarik. Und der Großvater? „Der auch“, sagt er leise.

„Schau mal!“, Tarik wechselt schnell das Thema und zieht einen Brief aus der Tasche. „Liebe Mustafas“, beginnt der Text,  „ich habe vor 45 Jahren meinen ersten Döner mit Aydrin in Bodrum gegessen.“ Einen schönen Werbespot hätten sie da. Und wenn der Döner wirklich so gesund und lecker sei, dann würde er gerne mal vorbeischauen und probieren – „Mfg, Claus Hipp“ 

Text: Antje Binder

Foto: Harry Schnitger

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