Stadtleben und Kids in Berlin

Du bist Berlin: Wilfried Franz – Der Aufrechner

Nach dem Verkauf seiner Warenhauskette könnte Wilfried Franz für den Rest seines Lebens eigentlich eine ruhige Kugel schieben. Doch der Unternehmer sucht nun höhere Herausforderungen

wilfried_franzHelles Hemd, diagonal gestreifte Krawatte, dunkelblauer Anzug: Die Arbeitskleidung von Wilfried Franz, Initiator des kürzlich neu eröffneten Ladens „COEO – Shop der guten Taten“ im Forum Steglitz, ist für einen Kaufmann zweckmäßig, wirkt aber weder individuell noch besonders edel. Dabei hätte man ihn eher im Strickpullover eines teuren, nachhaltig erzeugten Labels erwartet. Schließlich bekommt man bei ­COEO fair gehandelte Lebensmittel, außerdem Kleinmöbel und Spielzeug aus Behindertenwerkstätten, dazu ökologisch erzeugte Snacks sowie eine Auswahl an Büchern. Den ganzen neumodischen Gutmenschenkram eben.

Doch Wilfried Franz ist auch keiner dieser modernen Ökos, die in Szenekneipen bei einem Macchiato darüber diskutieren, wie sie die Welt zu verändern gedenken. Stattdessen ist der 59-Jährige ein klassischer Berliner Unternehmer, der in Gesprächen schnell mit Begriffen wie „Rentabilität“ oder „Warenbewegung“ jongliert. Dass dies alles kein Geschwafel ist, hat er bewiesen: Der gebürtige Schöneberger ist Gründer der Spielzeugwarenhauskette Spiele Max, eines Unternehmens, dessen Prospekte besonders in der Vorweihnachtszeit kursieren. 1981, Wilfried Franz war nach Stationen als Möbelverkäufer im Spielzeughandel tätig, lud sein Berufsverband zu einer Reise in die USA. Franz besichtigte auch Läden der Spielwarenhauskette Toys“R“Us. Und war beeindruckt: „Spielzeuggeschäfte in Möbelhaus-Dimensionen hatte ich zuvor noch nie gesehen.“ Wenn die erst nach Deutschland expandierten, so seine Überlegung, könne der traditionelle Spielzeugladen einpacken. Doch was bei anderen Mutlosigkeit erzeugt, sorgte bei Franz für einen euphorischen Schub: Warum den Amerikanern nicht zuvorkommen und selber Spielzeugmärkte aufbauen?

„1982 eröffnete ich im Forum Steglitz Spiele Max – das erste Spielzeug-Selbstbedienungsgeschäft Deutschlands.“ Die Kunden mochten die riesige Auswahl an Barbie-Puppen, Spielzeugautos oder Brettspielen in den endlosen Regalen. Spiele Max wurde zum grandiosen Erfolg. 1989 gab es bereits vier weitere Filialen in Berlin, aktuell sind es bundesweit 46 Filialen. Nur Wilfried Franz’ Seelenleben hielt mit dem äußeren Erfolg nicht Schritt. „Irgendwann arbeitete ich 100 Stunden die Woche“, sagt der Vater von fünf Kindern. „Die Familie kam zu kurz und das Geschäft lief trotzdem nicht immer gut.“ Niedergeschlagenheit, Sinnfragen, Lebenskrise. Als Franz später dem Wirtschaftsvortrag eines BASF-Managers lauschte, der sich als gläubiger Christ zu erkennen gab, zündete der Funke. „Ich habe mich im Selbststudium in die Bibel vertieft, lernte mit Gott zu sprechen, wurde ein völlig anderer Mensch“, sagt Franz, der zuvor geglaubt hatte, mit der Konfirmation sei das Thema „Gott“ für ihn abgeschlossen.

Wilfried Franz weiß, dass man ihn mitunter für einen, wie er sagt, „christlichen Spinner“ hält. Aber, auch weil er „demütig“ sein will, ficht ihn das nicht an. Zumal er Kontakte zu Glaubensbrüdern und -schwestern pflegt, die er ähnlich effizient organisiert wie seine Wirtschaftsbeziehungen: Franz ist mit prominenten Christen wie dem Nachrichtensprecher Peter Hahne befreundet und unter anderem Vorstandsvorsitzender der Organisation „Firmenförderung nach biblischen Geschäftsprinzipien eG“.
Nicht begehren seines Nächsten Hab und Gut, nicht lügen. „Es ist sehr wohl möglich, nach christlichen Prinzipien ein erfolgreicher Unternehmer zu sein“, ist der Geschäftsmann überzeugt. Hat sich ein Lieferant zu seinen Ungunsten verrechnet, wird er von Spiele Max auf den Fehler hingewiesen. „Das fällt auf, schafft Vertrauen und hilft bei künftigen Abschlüssen.“ Dennoch verkaufte Franz 2008 seine Warenhauskette, für die er jetzt nur noch als Berater tätig ist. Ein neuer Lebenstraum hatte sich entwickelt. Weil er „Gott eine Freude sein will“, entstand zusammen mit anderen die Idee vom „Shop der guten Taten“, einem rein gemeinnützigen Betrieb, der aber natürlich kostendeckend geführt werden soll. „Wir sind ein Pilotprojekt“, sagt Franz und entwickelt gedanklich schon die ersten COEO-Filialen. Dass Teile seiner Geschäftsgrundlage für ihn noch Neuland sind, verhehlt er nicht. „Mit Fair Trade hatte ich vorher nicht viel zu tun. Mit Gesamtumsätzen im dreistelligen Millionenbereich war das ja auch eher eine Micky-Maus-Branche“, grinst er. Doch der Schalk verschwindet ganz schnell wieder aus seinen Augen: „Man kann es kaum glauben – die haben Jahreszuwächse von bis zu 30 Prozent.“

Text: Eva Apraku

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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