Politisches Theater

Du bist im Gefängnis zur Welt gekommen: Niels Bormann

Wie setzen sich Traumata über Generationen fort? Niels Bormann über seine Inszenierung „Kluge ­Gefühle“ – und darüber, weshalb Anke Engelke bei ihm mitspielt

Jeanne Degraa

Niels Bormann, geboren 1973 in Bremen, gründet 1994 eine Tortenproduktion für Kreuzberger Cafés. Ab 1996 Studium der darstellenden Kunst an der Hochschule der Künste, Berlin. Nach Diplomerhalt im Chor 6 bei Einar Schleef in „Verratenes Volk“ am Deutschen Theater. Danach führt ihn seine freie Tätigkeit nach Buenos Aires, ­Shanghai, Accra, Lagos, Richmond (VA) und ans ­Hamburger Schauspielhaus. In Berlin spielte er am HAU, in den Sophiensaelen, an der Volksbühne, der Schaubühne und am Maxim ­Gorki (u.a. in Inszenierungen von Yael Ronen), sowie an den Münchner Kammerspielen. Seit 2010 ist er Lehrbeauftragter an der Universität der Künste. „Kluge Gefühle“ ist seine erste Inszenierung.

tip Herr Bormann, was sind „kluge Gefühle“?
Niels Bormann Das ist ein Zitat der Hauptfigur Tara in unserem Stück. Sie hält sich für zu klug und zu emanzipiert, um Abhängigkeitsgefühle einem Mann gegenüber zu empfinden. Das Stück heißt so, weil eben genau diese Gefühle Hinweise auf eine verdrängte Vergangenheit geben, zu der Tara bewusst und rein rational keinen Zugang findet. Es sind also kluge Gefühle, die vom Trauma erzählen können, ohne dass der Einzelne recht weiß, was da durch ihn hindurchspricht. Das sind Erfahrungen, die uns von Eltern und Großeltern weitergegeben wurden, ohne dass sie unbedingt über Sprache kommuniziert werden.

tip Welche Erfahrungen sind das in diesem Stück von Maryam Zaree?
Niels Bormann Die Erfahrung von Folter und Verfolgung. Tara, die Hauptfigur, kam im Gefängnis zur Welt. Ihre Mutter hat ihr das nie richtig erzählt und sie hat sich auch nie getraut, genauer danach zu fragen. Irgendwann sagt die Mutter: „Ich dachte, du fragst mich vielleicht mal.“ Und die Tochter hat ihr Leben lang gewartet, dass die Mutter von sich aus erzählt.

tip Maryam Zaree, die Autorin des Stückes, ist in Teheran geboren. Ist das Stück autobiografisch?
Niels Bormann Es gibt zwar einige Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte, aber das Stück ist fiktiv. Es ist das Resultat langer Recherchen und vieler Interviews, die sie mit Überlebenden der Haft und deren Kindern geführt hat. Sie arbeitet auch gerade an einem Dokumentarfilm dazu, „Born in Evin“. Evin ist das berüchtigte Foltergefängnis für politische Gefangene im Iran, in dem in den 80er-Jahren zehntausende Menschen hingerichtet worden sind. Das war ein ideologisches Gefängnis, es ging darum, Menschen zu brechen. Viele der Gefangenen waren Marxisten, Linke. Sie wurden systematischer Folter unterworfen, um aus ihnen islamische Menschen zu machen. Die Zielsetzung des Regimes war es, die intimsten Aspekte des Einzelnen zu treffen. Familien, Schwangerschaften und Kinder wurden instrumentalisiert. Diese Verbrechen wurden bis heute nicht aufgeklärt. Maryam Zaree beschreibt, wie diese Gewalterfahrungen sich im Leben der Überlebenden und ihrer Kinder fortsetzen, in der Art, wie sie lieben, leben, schweigen oder sich engagieren.

tip Das ist Ihre erste Regie-Arbeit. Wie haben Sie es geschafft, dass ein Fernsehstar wie Anke Engelke in Ihrer Inszenierung im HAU mitspielt?
Niels Bormann Ich habe sie gefragt! Ich habe Anke bei Dreharbeiten als jemanden kennengelernt, der sehr politisch denkt. Ich war begeistert von ihr als Mensch und Künstlerin. In der Nacht nach unserem letzten gemeinsamen Drehtag bekam ich die Zusage, dass ich die Inszenierung am HAU machen kann, und mir war sofort klar, dass ich sie für die Rolle der Mutter fragen muss. Ich habe insgesamt durch die Besetzung das Stück aus dem iranspezifischen Kontext gelöst. Es geht um ein universelles Thema. Dass Anke sich dieses Themas annimmt und dieses Stück so mitträgt, freut mich wirklich sehr.

tip Sie selbst waren Schauspieler an großen Theatern, in Berlin an der Schaubühne und am Gorki Theater, Sie haben in Kinofilmen und als Performer in der freien Szene gespielt. Das ist Ihre erste Regie – wie kam es dazu?
Niels Bormann Ich arbeite seit sieben Jahren an der UdK mit den Absolventen an ihren Vorsprechrollen und an Szenenstudien. Bei dieser Arbeit habe ich festgestellt, dass mich bei unterschiedlichsten Texten maximaler Realismus interessiert, die wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit Figuren. Es hat etwas extrem Berührendes und Interessantes, wenn man es schafft, eine komplexe Bühnenfigur zum Leben zu bringen. Maryam Zaree, die Autorin des Stücks, und ich sind sehr eng befreundet, sie hat mich gefragt, ob ich ihr Stück inszenieren will. Ich glaube, es waren viele glückliche Umstände, die im richtigen Moment gemeinsam gewirkt haben, und natürlich ist es einfach ein unglaublich gutes Stück.

tip Sie haben als Schauspieler einige Erfahrung mit dem Performance-Theater der Freien Szene gesammelt, jetzt läuft Ihre Inszenierung im Performing Arts Festival des HAU. Ist Ihr Interesse am Realismus im Theater auch eine Art Abwendung von der Selbstbezüglichkeit, vielleicht auch dem Narzissmus, der Formverliebtheit und dem Ästhetizismus, die man öfter bei Performances erleben kann?
Niels Bormann Zumindest interessieren mich realistische Spielweisen inzwischen sehr viel stärker. Ich halte es auch für ziemlichen Unsinn, realistisches Theater irgendwie für altmodisch oder konservativ zu erklären. Im Gegenteil, man kann damit sehr viel besser gerade politische Stoffe und Themen verhandeln. Was ich suche, ist nicht der wirkungsorientierte Realismus, sondern so etwas wie ein performativer Realismus.

HAU 3 Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg, Sa 9., So 10., Di 12.–Do 14.6., 20 Uhr, Eintritt 11 –16,50 €

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