Berliner Schriftsteller

Ein atem­beraubender „Berlinroman“

Mit „Apollokalypse“ hat der Lyriker Gerhard Falkner hat einen atem­beraubenden „Berlinroman“ geschrieben, der diese Bezeichnung ­ausnahmsweise einmal wirklich verdient. Ein Porträt

Gerhard Falkner
Foto: Alexander Paul Englert

Voll geile Arbeit.“ So nennt Kunststudentin Isabel Exponate, die ihr auf Vernissagen besonders gefallen. „Echt krass“ erscheinen sie ihr. Ja, leicht lächerlich klingt er, der Sound der wilden West-Berliner 80er-Jahre, auf denen so verlockend wie unverrückbar das Label „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“ klebt. Es ist die Zeit des Punk, des maßlosen Drogen- und Theoriekonsums à la Foucault und Baudrillard, durchgeknallter Künstler und sonstiger Selbstverwirklichungsmodelle, eine Zeit vor allem, in der Berlin noch wehtun, wenn nicht kaputtmachen konnte. Irgendwann in den 90ern war damit Schluss. Aus, vorbei.
Isabel – sexy Bella – ist so eine zeittypisch todgeweihte Figur in „Apollokalypse“, dem ersten,  gleich für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman (die Shortlist stand erst nach Redaktionsschluss fest) des preisgekrönten Lyrikers (und Essayisten, Novellisten, Übersetzers) Gerhard Falkner, der darin das Berlin ebenjener Jahre auf poetische, teils brachiale Weise versprachlicht und über gut 400 Seiten konzentriert oder beatnikesk deliriert. Eine „voll geile Arbeit“, „echt krass“. Jetzt ohne Augenzwinkern. Schon der erste Satz tut es einem an: „Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.“

„Ich bin gar nicht so für Sexszenen in der Literatur, aber Kreuzberg in den 80ern geht eben nicht ohne“, sagt der 1951 in Schwabach Geborene zu Hause am Wohnzimmertisch. Berlin SO 36, den naturgemäßen Romanschauplatz, kennt er wie seine Westentasche. Ins feuchtfröhliche Kreuzberg fuhr er bereits jede Nacht, als er 1984 Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin war. „Vier Monate lang. Jede Nacht“, betont der heute in Pankow (und zeitweise im fränkischen Weigendorf) lebende Kosmopolit und Großstadtflaneur grinsend. Kreuzberger Nächste sind bekanntlich lang.
Falkners verdichtete Welt, die er dem Leser wütend um die Ohren haut, ist so komplex wie kaum (zusammen)fassbar. Es gibt Figurentypen wie den kaputten Künstler Büttner, den Ekel-Dandy Pruy und die Bulgarin Bilijana, ein dionysisches Ostpendant zur reichen Westtussi Isabel. Und es gibt Georg Autenrieth, ein mysteriöses Doppelgänger-Phantom, das auftaucht und verschwindet, Kontakte zu BND, RAF oder Stasi pflegt und am Ende dem Teufel leibhaftig gegenübersteht. „Apollokalypse“ ist auch ein Faustroman. Was seine Sprachkraft angeht, ragt er weit aus der deutschen Literaturlandschaft heraus. Ob man Lyriker sein muss, um so dichte Prosa zu schreiben? „Nein“, sagt Falkner und nennt Lieblingsautoren wie Francis Scott Fitzgerald und Thomas Pynchon. „Eher andersherum. Die meisten Lyriker sind nicht sonderlich intelligent und fangen gerne an zu schwafeln.“

Erste Aufzeichnungen zu „Apollokalypse“ reichen ins Jahr 1985 zurück. Lange hielt Falkner das Manuskript unter Verschluss, was einem zeitweiligen Rückzug aus dem Literaturbetrieb geschuldet war, aber auch einer geplanten Reihenfolge zu publizierender Bücher. Schon die Novelle „Bruno“ (2008) erregte großes Aufsehen. Demnächst erscheint der Essayband „Bekennerschreiben“. Ein neuer Kurzroman namens „Romeo oder Julia“ soll folgen.
Wenn es um Kreuzberg geht, wird Falkner, Ehemann einer Künstlerin und Vater einer erwachsenen Tochter, nachdenklich. „Ich vermeide es, die alten Orte aufzusuchen, um nicht sehen zu müssen, wie sie jetzt sind.“ Manchmal ist er trotzdem da, etwa im Bateau Ivre in der Oranienstraße. „Dort wurde nicht alles so kaputt gemacht wie in Friedrichshain oder Neukölln. Vom Prenzlauer Berg ganz zu schweigen. Berlin ist nicht mehr rau. Nirgends.“

Apollokalypse von Gerhard Falkner, Berlin Verlag, 432 Seiten, 22 €

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